
ISBN: 9783442752386
Originaltitel: Close-up. Übersetzt von Stefanie Schäfer
Btb Verlag
Mai 2010 – 416 Seiten
Manchmal kann die Vorstellung, dass KrimiautorInnen, die schon mehrere Krimipreise gewannen, auch gute Krimis schreiben können, schon sehr ins Wanken geraten. Die niederländische Autorin Esther Verhoef wurde schon mit vielen Preisen ausgezeichnet. Für ihren Krimi „Hingabe“ bekam sie den niederländischen Thrillerpreis. Algemeen Dagblad bezeichnet ihr Buch als den „besten Frauenthriller seit Jahren“ und vrouwenthrillers.nl sogar als den „besten Frauenthriller aller Zeiten!“
Wenn Sie jetzt die Neugierde treibt und Sie erfahren wollen, wie man es schafft, einen Psychothriller zu schreiben, der diese Elogen auslösen kann, dann folgen Sie den fünf Punkten.
Punkt 1
Thriller leben von der Angst der Frauen.
Die größten Chancen ein Bestseller zu werden, besitzt ein Krimi, der die Opferrolle seiner Protagonistin bis zur letzten Seite wahrt. Je langsamer man das bis zum Tode Fürchten der Heldin zu steigern vermag, umso größer der Gruseleffekt.
Amerikanische Wissenschaftler wollen herausgefunden haben, dass Frauen Krimis lesen, um zu erfahren, wie sie in Notsituationen überleben können. Mit dieser hehren Zielstellung im Blick, sollte man Notsituationen so gestalten, dass eine Leserin in genügendem Maße erfährt, welchen Möglichkeiten des Quälens, Peinigens und Massakrierens ihr im wirklichen Leben offenstehen. Kopfschütteln könnte man schon über ein weiteres Ergebnis der Studie, in dem die Forscher herausgefunden haben wollen, dass die Furcht der Frauen umso größer wird, je mehr Krimis sie lesen. Diesen Umstand sollten KrimiautorInnen bei ihrer Konzipierung unbedingt berücksichtigen. Eine Protagonistin im Laufe der Handlung zu Tode kommen zu lassen, käme einem sträflichen Harakiri gleich, der abrupte Abbruch würde nicht nur der Einfühlung entgegenwirken, sondern würde die Leserin in einen ausweglosen Konflikt stürzen. Nebenbei wäre auch der Bildungsauftrag ade.
Will man den Gruseleffekt steigern, wähle man besser eine Frau, die sich in der Umgebung der Protagonistin aufhält oder die schon vor dem Auftreten der Heldin zu Tode kommt.
Und ehrlich, man könnte auch diese ganzen amerikanischen Schlüsse gleich über den Jordan werfen.
Aber wenden wir uns Esther Verhoefs Protagonistin zu. Sie heißt Margot Heijne, ist eine Frau Anfang dreißig ist, hat rote Haare und etwas zuviel Pfunde auf den Hüften, was ihr Selbstbewusstsein arg beutelt. Gerade hat sie ihren Ehemann verlassen, der sie mit einer anderen Frau betrog, weswegen sie sich in einem emotionalen Tief befindet und nach London fliegt, um ein paar Tage auszuspannen.
Punkt 2
Die Wahrnehmung stören.
Vergessen sie den Serienmörder, der hinter der Häuserecke lauert, weil er seine Triebe nicht unter Kontrolle halten kann. Ein Psychothriller gelingt umso wirkungsvoller, wenn er darauf bedacht ist, das gewohnte Umfeld der Heldin ins Wanken zu bringen.
Margot Heijne fühlt sich gleich von zwei Seiten resp. zwei Männern verunsichert. Ihr Ex- Mann kann nicht von ihr lassen und drängt auf ein heiliges Terrain vor. Er besucht ihre Familie, die ihm große Sympathien entgegenbringt, und sie fühlt sich fortan von ihren Eltern genötigt.
Der neue Mann hingegen, den Margot im Urlaub kennenlernte, erscheint von Anfang an geheimnisvoll. Diese positive Verunsicherung lieben Frauen. Margot erkennt in ihm schnell den Mann ihrer Träume, und wie er geschildert wird, ist er geeignet, in den Träumen aller Leserinnen herumzugeistern. Ein kantiges Gesicht mit einer ausgeprägten Kinnpartie, dunkle Augen, schöne Stimme, ein begehrenswerter Mann, der dazu noch einen Beruf ausübt, der an Exklusivität nicht zu übertreffen ist. Er ist ein Fotograf, der zur Weltspitze seines Fachs gehört, seine Fotos sind gefragt, dass er materiell sorgenlos seine neue Bekannte in teure Restaurants und Hotels einladen kann.
Punkt 3
Sex and Crime.
Männer und Frauen lieben Sex. Was gäbe man für einen Thriller, wo einem der Schauder über den Rücken läuft und es gleichzeitig zwischen den Beinen kribbelt? Ein nicht verachtenswerter zweifacher Lustgewinn. Und gehört nicht zum Ausleben von Leidenschaft die gewaltsame Inbesitznahme des geliebten Menschen? Wenn wir uns schon im richtigen Leben mit dem Phantasielosen begnügen müssen, wollen wir zumindest in Gedanken das Exzessive ausleben.
Der schöne Freund der Protagonistin besitzt natürlich seine dunklen Seiten. Seine bizarren Sexspiele werden von der Autorin angedeutet, wie gewaltsam sie enden, wird folgerichtig der Phantasie des Lesers überlassen. Das weckt nicht nur seine Neugier, es erspart ihm auch widerliche Details, was wiederum dazu dient, die Sympathie der Figur bis zum Ende offen zu halten.
Punkt 4
Ein Mord darf nicht fehlen.
Ein Psychothriller vermag gut ohne grausame Mordszenarien auszukommen. Wenn man sich doch entschließt, sie in den Handlungsverlauf einzubinden, will man die Gefährlichkeit des Bösen unterstrichen.
Problematisch kann es werden, wenn man sich einer zu stereotypen Figurenzeichnung bedient, sodass, wie im vorkommenden Buch, Zweifel am Motiv des Mordes und an der Reaktion des Opfers entstehen.
Punkt 5
Die unerwartete Wendung.
Für manche KrimiautorInnen scheint die Güte eines Thrillers von der Anzahl der unerwarteten Wendungen abzuhängen.
Der Auffassung hängt Esther Verhoef erfreulicherweise nicht an, dennoch kommt sie gegen Ende ihres Buches ohne die jähe Drehung nicht aus. Und wieder eine Schablone mehr, die den geschulten Leser ohnehin nicht sonderlich zu beeindrucken vermag.
Zusammengefasst:
Ich habe mich nicht nur über die Klischees geärgert, die sich in diesem Frauenthriller aneinanderreihen, sondern in erster Linie über das Frauenbild, welches hier so hingebungsvoll gepflegt wurde. Um nicht missverstanden zu werden, auch männliche Autoren wollen von diesen Thrillermustern nicht lassen. Thriller mit weiblichen Protagonisten in der Opferrolle scheinen geradezu geeignet, die Bestsellerlisten zu stürmen. Jede Variante, jede Wiederkehr ist willkommen und wird begeistert aufgenommen.
Fazit:
So nehme ich mir vor, auch einen Frauenpsychothriller zu schreiben. Ich will auch einen Krimipreis gewinnen. Den Deutschen, versteht sich.
Henny Hidden
(Ich danke dem btb Verlag für die Zusendung eines Rezensionsexemplares)












