Als ich mir neulich den Literaturclub mit Iris Radisch angesehen habe, wurde gerade der Krimi von William Boyd „Einfache Gewitter“ besprochen. Die Meinungen der Kritiker differierten zwischen Zustimmung und Ablehnung und plötzlich konnte man verfolgen, wie sich die Diskutanten an einem Argument festbissen, das für sie geeignet schien, das Buch total zu entwerten.
„Nicht glaubwürdig“, „abstrus“, „Kennst du jemanden, der das erlebt hat…“.
Auch im Genre der Kriminalliteratur begegnet man diesen Auffassungen und die Romane erfahren eine besondere Würdigung, denen eine große Nähe zur Realität bescheinigt wird.
Es trifft sich, dass ich gerade das Buch von Manfred Büttner und Christine Lehmann „Von Arsen bis Zielfahndung“ zur Hand nahm. Dieses sehr interessante und informative Sachbuch, das sich nach Aussagen der Verfasser an Krimiautorinnen und Neugierige richtet, sollte man sich nicht entgehen lassen. Aber aufgepasst, von Seite zu Seite wird der Eindruck größer, dass Autorenphantasie und Polizeiwirklichkeit sehr weit auseinander liegen. Nach fünfzig Seiten Hintereinanderlesens war es dann auch mit meiner Erträglichkeit vorbei. Würde man diese Wahrheiten in die literarische Welt der Krimis einzupassen versuchen, bedeute dies, den Kreativitätsraum eines Schriftstellers arg zu begrenzen und man kann wohl behaupten, dass viele Krimis, die gerade durch ihre Originalität bestechen, niemals das Licht der Welt erblickt hätten.
Realität tötet Phantasie, mal auf den einfachen Punkt gebracht.
Keine Frage beschäftigte mich im letzten Krimilesejahr mehr wie die Frage nach der Glaubwürdigkeit von Krimis. Und wenn ich meine Favoriten des Jahres ansehe, stelle ich fest, dass ich genau die Bücher erwählt habe, die sich mit ihrer Handlung mehr oder weniger aus der Wirklichkeit heben.
Meine Favoriten (in dieser Rangfolge) des Jahres 2009:

  1. Paule Constant: Das Brautkleid
  2. Catherine O’ Flynn: Was mit Kate geschah
  3. Tana French: Totengleich
  4. Gerard Donovan: Winter in Maine

Paule Constants Buch stellte für mich so etwas wie einen Durchbruch dar. Wie diese Autorin es schaffte, einer fast alltäglichen Geschichte eine Außergewöhnlichkeit anzuheften, ist schon lesenswert. Zwei Gestaltungsmittel, die mir besonders auffielen: Die Ausformung der Figuren bis in unerträglich extreme Verhaltensweisen, der übergreifende Rahmen einer Gerichtsverhandlung als Handlungsklammer. Bei einer anderen Fassung wären wohl die Einsichten, die der Leser durch die besondere Art der Darstellung gewinnt, nicht möglich gewesen. Aber gelingen diese Einsichten womöglich nur, weil der Glaubwürdigkeit weniger Beachtung geschenkt wurde? Sicher gewinnt man den Eindruck eines leichten Schwebens der Geschichte, eines Abgehobenseins der Figuren, doch mit welchem Gewinn, mit welchem literarischen Genuss.
Um hier Missverständnissen vorzubeugen, jeder Autor bewegt sich ja mit der Konstruktion seiner Geschichte von der Realität weg, und das Augenmerk möchte ich hier weniger auf den Wahrheitsgehalt des Gesamtaufbaus, sondern mehr auf den Realitätsbezug in der Handlung legen. Oft lese ich Krimis von AutorInnen, die nur einen Bezug zur Realität kennen, die Brücke zu beschreiben, die ihre Protagonisten von A nach B, d. h. zum nächsten Schauplatz führt. Bisweilen ein quälender Weg für den Leser, verknotet, verkrautet, verrüscht, viel unnützes Zeugs unterwegs, ätzend, besonders dann, wenn uns die AutorInnen doch nur ein Klappergerippe als den furchterregenden Täter am Ende präsentieren. Dabei liegt mir nicht daran, die unterschiedlichen Handschriften der KrimiautorInnen infrage zu stellen. Ob barock oder mit äußerster Sparsamkeit, viele Male kann man seine Helden von A nach B schicken, aber dann mit Methode bitte.
Viele Leser legen Wert darauf, die Realität in einem Krimi so detailgetreu wie möglich vorzufinden. Da wird in Krimiforen auch mal heftig gestritten, wenn etwas so gar nicht stimmig erscheint. Nicht nur die Ermittlungsarbeit einschließlich der Arbeit der Rechtsmedizin soll in ihrer Präzision nacherlebbar werden, auch die  Schauplätze müssen für ein freudiges Wiedererkennen in der Realität taugen.
Und manchmal überfällt sie mich ebenso, die Frage nach der Glaubwürdigkeit.
Dann passiert es, dass ich eine Idee vehement ablehne, wie es bei Zoran Drvenkars “Sorry” der Fall war. Eigentlich eine originelle Idee mit dieser Agentur, die die Entschuldigungen für andere übernimmt, sage ich mir im Nachhinein. Müsste ich nicht eher Tana Frenchs Krimi „Totengleich“ beanstanden, in der eine Polizistin die Rolle einer Toten einnimmt, was ehrlich gesagt, um ein Vielfaches realitätsferner einzuschätzen ist. Ja ich gebe zu, anfangs war ich durchaus skeptisch, aber diesen wunderbar abgehobenen Krimi hätte die Autorin ohne diese Ausgangsidee gar nicht schreiben können. Und mir wäre viel psychologische Finesse entgangen, die jetzt in meinem Erfahrungsschatz ruht.
Lagen meinem Unbehagen bei Drvenkar wahrscheinlich andere Gründe zugrunde? Weil mir womöglich seine Gesamtkonstruktion nicht behagte? Diese Geschichte, die er wie eine gehäutete Schlangenhaut in eine Quasiwirklichkeit presste. Hier kann man sie finden, die Situationen, für die ein Leser bereitwillig allen Anspruch auf Realitätsnähe fahren lässt und bei denen ihn eine unwirklich rasche Abfolge von Wendungen nicht stört. Es sind die Gefühle, für die er bereit ist, alles Unmögliche, Unwirkliche hinzunehmen, wenn sich nur die Spannungs- und Gruseleffekte einstellen, denn dafür konsumiert er ihn schließlich, den Krimi.
Und so stellt sich die Frage, ob Glaubwürdigkeit und Realitätsnähe überhaupt als Kriterien herhalten können, um über die Güte eines Krimis zu urteilen?
Reicht es uns nicht, wenn wir in einem Krimi etwas finden, dass uns diese widersprüchliche Welt fernab aller medialen Manipulationen in ein anderes Licht taucht? Andere Zusammenhänge erkennbar werden.? Wenn wir uns mit dieser Ordnung der Dinge unserer tiefen Ängste und existentieller Verstörungen gewahr werden, etwas, was wir ansonsten nie an die Oberfläche holen, und wo wir auch keine Entsprechung in der Realität finden können.
Aber wenn wir nicht auf die Glaubwürdigkeit setzen wollen, wie sieht es dann aus mit der inneren Logik. Muss ein Text zwingend eine innere Logik besitzen? Nein. Aber doch ein Krimi? Nein. Wie viele Zufälle sind wir denn bereit zu akzeptieren? Eines sollte wohl zumindest erkennbar werden, der rationale Bezug zwischen den agierenden Personen. Auch auf diese Gewissheit kann man nicht bauen. Sowie das irrationale Element zu den unerlässlichen Bestandteilen des Spannungsaufbaues gehört, so sollte man nie auf eine erschöpfende Erklärung hoffen. In Krimis tummeln sich nun mal Serienmördern und Psychopathen, deren Zeichnung meist nicht über Stereotype hinausragen.
Mörder, Täter, Detektiv oder Kommissar, jeder Mensch besitzt nun mal eine innere Struktur, und nichts wünsche ich mir von KrimiautorInnen mehr, als dass sie mir diese glaubwürdig vermitteln. Dieses letzte Feld, von wo ich einen Ankerhaken zur Wirklichkeit werfe, ist ein weites Feld, wie man weiß. Das menschliche Spektrum an Verhaltensweisen ist so breit gefächert, dass alles akzeptierbar wird und anormale Charaktere in Krimis zu formen, gehört nun mal zum Brot eines jeden Krimischriftstellers.
Und ausgerechnet hier komme ich mir am wenigsten tolerabel vor.
So denke ich immer wieder darüber nach, warum ich es nicht schaffe, eine Figur anzunehmen. Z.B. die der Berenike Roither, der Protagonistin aus Anni Bürkls Krimi “Schwarztee“. Uns begegnet dort eine moderne Powerfrau, die nach einer erlittenen Demütigung einen Zusammenbruch durchlebt und fortan im esoterischen Gebaren aufblüht. Hören wir nicht oft auch im wirklichen Leben von Menschen, die sich nach einer existentiellen Krise neu ordnen und ganz ungewohnte Charakterzüge offenbaren? Aber von einem Autor verlange ich schon, dass er mir die Wesensveränderung seiner Hauptfigur nachvollziehbar veranschaulicht.
Das Minimum an Glaubwürdigkeit, das ich bei einem Krimi beanspruche.
Rufen wir uns dagegen den Helden Julius Winsome aus Gerard Donovans Krimi „Winter in Maine“ in Erinnerung. Auch hier erfährt die Figur einen großen Bruch in seinem Leben. Seinen Hund, das einzige Wesen, das ihm nahe war, findet er erschossen vor seinem Haus, und der Held wird nichts anderes zu tun haben, als jeden Jägern, der ihm im Wald begegnet, abzuknallen. Für mich eine glaubwürdig erscheinende Tat, in der Konsequenz seines Charakters liegend. Das Buch lebt davon, dass der Autor es immer wieder versucht, uns das Wesen des Julius Winsome nahe zu bringen. Und dabei einen Mann mit durchaus widersprüchlichen Charaktereigenschaften so zeichnet, dass ein zusammenhängender Kern für den Leser erkennbar wird.
Ganz natürlich beginnt man einen Vergleich mit dem wirklichen Leben, und wer denkt, es sei nicht so, täuscht sich, zu gewaltig bricht das Gelesene in uns ein, als dass es keine Abdrücke hinterlassen könnte, und irgendwann ist man dann auch bei sich selbst, erkennt die Widersprüchlichkeit seines Wesens und die große Gestaltungskraft des Autors und spürt jene Erhabenheit, die sich bei guter Literatur einstellt.
So diffizil kann es sein, mit der Realität, der Phantasie und der Glaubwürdigkeit.
Im Zweifel für die Macht des Fiktiven. 

Henny Hidden

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ISBN: 9783630872728
Originaltitel: Julius Winsome.
Übersetzt von Thomas Gunkel
Luchterhand Literaturverlag
September 2009 - 208 Seiten

„Winter in Maine“ ist ein außerordentliches Buch.
Es liegt wohl auch an der exklusiven Situation, in die der Autor seinen Protagonisten stellte. Nein, von einer Kaspar Hauser Kindheit kann man bei Julius Winsome, der in einer Hütte in den abgeschiedenen Wäldern Kanadas aufwuchs, nicht sprechen. Im Gegenteil, man könnte sie durchaus als liebevoll bezeichnen.
Wir erfahren es von ihm selbst. Dass seine Mutter bei der Geburt gestorben ist, dass sich der Vater um ihn kümmerte, dass er zur Schule gegangen ist, dass er keine Schulfreunde erwähnenswert fand, dass der Vater die wichtigste Person in seinem Leben war, dreißig Jahre lang, mehr als die Hälfte seines Lebens, immer nur der Vater.
Der Vater, den er als einen mit Worten und Gefühlen sparsamen Mann beschreibt, der im Krieg war und seitdem mit keinem Gewehr mehr schießen kann. Der liebenswürdige Vater, der seinem Sohn sagt, dass er ein kluger Sohn ist. Der Vater, der seine Aufgabe darin sieht, ihn auf das Überleben vorzubereiten. In dieser Wildnis. Der ihm das Schießen lehrt, weil er immer der Stärkere bleiben soll. Der ihm die Techniken und Situationen erklärt, die einen Schützen erfolgreicher als sein Gegner operieren lassen. Der seinen Sohn zu einem einzigartigen Jäger ausbildet. Und ihm auch das geistige Rüstzeug gibt, um im Kampf Jäger und nicht Gejagter zu sein.
Kampf und Gewalt spielen auch in den Dramen Shakespeares eine Rolle. Der Dichter gehört zu den Lieblingsschriftstellern im Hause Windsome. Der Vater, der eine umfangreiche Bibliothek von 3282 Büchern besitzt, hält seinen Sohn an, sich mit den elisabethanischen Wortprägungen Shakespeares zu beschäftigen, um dessen Werke bis auf den Grund verstehen zu können.
Und um der Einsamkeit in den langen Wintermonaten Herr zu werden, erschließt er sich unter den Augen des Vaters die Schönheit der Literatur und man kann Julius Winsome durchaus als einen feingeistigen Mann ansehen.
Als er einunddreißig Jahre alt ist, stirbt der Vater, und seitdem lebt er allein. Zwar verdient er sich in den Sommermonaten als Gärtner und Automechaniker etwas Geld, aber er ist und bleibt ein Einzelgänger. Im Alter von siebenundvierzig Jahren geschieht etwas Unerwartetes, Unvorhersehbares. Eine Frau, die sich im Wald verirrte, betritt seine Hütte, er verliebt sich in sie, und sie werden einen ganzen Sommer zusammenbleiben. Als sie weggeht, bleibt ihm der Hund Hobbes, den sie einmal gemeinsam aus dem Tierheim geholt haben. Vier Jahre später ist Hobbes tot. Er wurde aus nächster Nähe, vermutlich vorsätzlich, von einem Unbekannten erschossen. Daraufhin geht Julius Winsome in den Wald und erschießt jeden Mann, der ihm vor seine Enfield-Flinte läuft.
Und das zu verstehen, fällt dem Leser, der das Leben des Julius Winsome bis dahin mit zunehmender Sympathie verfolgte, schwer.
Dieses Buch verschließt sich vorschnellen Interpretationen, ja, man möchte meinen, dass sich der Text jeder Interpretation, die nach rationalen Erklärungen sucht, entzieht. Durch die Figur eines Ich- Erzählers wird dem Geschehen eine subjektive Färbung gegeben, die dem Leser einen vielschichtigen wie widersprüchlichen Charakter offenbart, der als Projektionsfläche für seine Gefühlsregungen und Lebensvorstellungen dient und ihn gleichzeitig herausfordert, nach einem konsistenten Kern zu suchen.
Beim Verstehenwollen der Taten des Julius Winsome  kann man seine Beziehung zu Claire nicht außer Acht lassen. Deren Ende eng mit der Erkenntnis seines Scheiterns verbunden ist. Man könnte auch in Claire das nach außen gestülpte Ich des Protagonisten sehen, mit der uns das ganze Dilemma der Figur anschaulicher wird.
Julius Winsome ist ein gefühlvoller, aber auch ein egozentrischer Mensch. Ein Mensch, dem das Korrektiv im Leben fehlte. Der sein Handeln nicht in Auseinandersetzung mit anderen korrigieren musste. Der die Außenwelt stets auf sich bezogen interpretierte. Weil es zu seiner Überlebensstrategie gehört.
Ein gefühlvoller Mann. Bis in die Extreme. Über die Aneignung von Büchern auf eine kontemplative Weise geprägt. Mit Eindrücken und Gefühlswallungen, gewonnen aus Kampf- und Gewaltszenen wie aus lyrischen Erbauungen. Zu deren Einsichten auch das im Einklang mit der Natur leben gehört. So kann er sich an den von ihm gepflanzten Blumen vor seiner Hütte ebenso erfreuen wie an den Vögeln, für die er im Winter Futter bereithält. Und die leichte Verachtung für die mordlüsternen Jäger und für die Zerstreuung suchenden Stadtmenschen ist obliegend.
Der Tod seines Hundes lässt seine Gefühle explodieren. Die Morde an den Jägern stehen für eine adäquate Ausdrucksform, mit dem er dem großen Schmerz des Verlustes begegnen will. So gesehen könnte er alle Männer in diesen Wäldern abknallen, und es würden nie genug sein.
Seine Taten stehen auch für den Versuch, bis zum Größtmöglichen an dem bisherigen Leben festzuhalten, sich in den Denkstrukturen von Kampf, Rache und Gewalt bewegend etwas zu rechtfertigen, was, wie er weiß, längst verloren ist.
Er hat es in seiner Liebe zu Claire verloren.
Ja, er ist ein zur Liebe fähiger Mann, aber ihm fehlt etwas, das zur Liebe gehört, die Fähigkeit zur Empathie, eine Fähigkeit, die er nicht herausbilden konnte, weil es ein Gegenüber braucht, um sich einzufühlen und den Bedürfnissen des anderen gerecht zu werden. Er kann Claire nicht halten und mit ihrem Weggang gerät auch sein Selbstbild ins Wanken. Sein bisheriges Leben erscheint leer, seine bestehenden Koordinaten geraten bedeutungslos. Er kann in der Natur überleben, aber leben ohne Nähe, ohne menschliches Miteinander wird für ihn zu einem Leben ohne Wert.
„Winter in Maine“ ist ein Roman mit einer tiefen humanistischen Aussage.
Der Weg in die Stadt – ein Eingeständnis des Scheiterns und ein Triumph zugleich.
Lesern, die nach einem Sinn des Lebens suchen, sei das Buch empfohlen.

Henny Hidden

Rezension: Christine Lehmann – “Mit Teufelsg’walt”

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ISBN: 9783867541794
Lisa Nerz’ achter Fall.
‘Ariadne’. Argument- Verlag GmbH
September 2009 – 285 Seiten

Die Rollen sind verteilt.
Lisa Nerz, die Schwabenreporterin aus Stuttgart, trifft sozusagen vor ihrer Wohnungstür auf  die Verwaltungsmaschinerie deutscher Wirklichkeit, und wenn diese ins Rollen kommt, spielt der gesunde Menschenverstand eine untergeordnete Rolle.
So muss sie mit ansehen, wie Mitarbeiter des Jugendamtes ein Nachbarskind in ihre Obhut nehmen wollen, unter aller Gegenwehr der Betroffenen, ihr Handeln mit dem Wohlergehen des Kindes rechtfertigen, das sie sicherstellen müssen und bei der in der Wohnung lebenden leiblichen Mutter gefährdet sehen. Lisa, ganz Retterin der Schwachen und Unterlegenen, kann dank resoluten Auftretens erstmal die Mitnahme des Kindes verhindern. Und erstmal heißt, dass die Staatsmachtvertreter wiederkommen und erfolgreicher sein werden.
Damit ist das Thema Kinder aber nicht aus Lisas Blickwinkel. Im Gegenteil, es drängt mehr in ihren Alltag, als ihr lieb ist. Sie findet im Wald eine tote Richterin und ein quicklebendiges Baby unter ihr, und es wird sich kein geringerer als ihr Lebensgefährte Dr. Richard Weber dieses Kindes annehmen und den Leser wundert’s, es fortan nicht mehr aus den Händen geben. Während Lisa Nerz sich in intellektueller Haltung den Geschehnissen nähert.
Ihre Recherchen um den Verbleib des Nachbarjungen und um den Tod der Richterin führen dem Leser anschaulich vor Augen, wie Korruption in Behörden funktioniert und wie erfinderisch Menschen Lücken im Gefüge der staatlich beaufsichtigten Kindesfürsorge für eigene Interessen auszunutzen vermögen. Das ist faktenreich erzählt und von meinem Empfinden her manchmal sehr dicht an der Reportage angesiedelt. Durch Medien auf diese Themen eingestellt, auf Opfermentalitäten kanalisiert, sind wir schnell mit unseren Urteilen dabei, wenn es darum geht, die psychischen Schäden, die eine solche organisierte Verantwortungslosigkeit bei den Betroffenen hinterlässt, zu benennen. Und dass in einer Gesellschaft, die den Wert eines Menschen mehr und mehr an seiner Brieftasche misst, Gier zum höchsten Motiv des Handelns aufsteigt, gehört inzwischen zu unseren Grundwahrheiten. Dennoch, die Vorzüge des Krimis liegen in der Gedrängtheit des Komplexen zu erfahren, wie einzelne Motivbündel unbeabsichtigt ineinandergreifen, in einem gut konstruierten Gebilde werden nicht nur die strukturell erzeugten Auswüchse sondern auch die damit verbundenen Gefährdungen der Gesellschaft sichtbar.
Mir ist die Autorin immer dann besonders nah, wenn man sehen kann, wie sich durch Lisa Nerz sezierenden Blick Haltungen offenbaren.

„Sie (die Mutter) stand vor der Tür, hielt das Figürchen gerade wie ein Prügel und die Nase kompassgenau Richtung Dreifaltigkeit.“

Einer der wunderbaren Lehmannschen Sätze. Überhaupt gehört der Kaffeekränzchenbesuch bei Lisas Mutter zu den gelungensten Passagen des Buches. Hier werden die unterschiedlichen Lebensauffassungen zwischen Jung und Alt, Arrivierten und Degenerierten nicht nur offengelegt, sondern auch in seiner Tragweite erahnbar. Mit dieser Konfliktschiene, die im weiteren Verlauf in die Höhe getrieben wird, gewinnt das Buch eine starke Aussagekraft.
Politikern, die uns täglich einimpfen wollen, dass die Frage nach dem Schuldenberg, den wir unseren Kindern hinterlassen, zu den dringlichsten unserer Gegenwart gehört, könnte man entgegenhalten, ob nicht die Frage, welche Kinder wir überhaupt in welcher moralischen Integrität hinterlassen, nicht eine weitaus brennende Brisanz besitzt. Und der Glaube, dass die Ausgeschlossenen es hinnehmen und sich nicht wehren werden, wird uns mit diesem Buch anschaulich ausgetrieben. Dieser Kampf, auf Leben und Tod, hatte für mich schon animalische Züge und ich wage es kaum auszusprechen, es erinnerte mich an ein Buch von Jack Ketchum. So die Zeichen an der Wand deutend könnte es eine düstere Zukunft werden.
Und irgendwie stimmt es schon traurig, den autoritären Oberstaatsanwalt Richard Weber in einer Rolle zu erleben, in der er in der Sorge um ein Baby emotional aus dem Häuschen geraten kann. Als kontrastive Figur ein Fossil, geprägt in einer vergangenen Zeit.

Kurzrezension: Elke Schwab – “Hetzjagd am Grünen See”

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ISBN: 9783936950953
‘Conte Krimi’. Conte-Verlag
Oktober 2009 – 295 Seiten

Harald Steiner ist ehemaliger Leiter eines Sondereinsatzkommandos und passionierter Jäger. Als in seinem Revier eine entstellte Leiche gefunden wird, findet er keine Ruhe mehr, denn der Tote war ein wichtiger Zeuge in seinem letzten Fall. Und damit nicht genug, gerät er sogar selbst in den Kreis der Verdächtigen. Für Steiner beginnt der Kampf gegen einen unheimlichen Mörder, der mit weiteren Bluttaten den großen Wald zu seinem Spielplatz und ihn selbst zur Marionette macht. Was dann ans Tageslicht kommt, übertrifft alles Erwartete, denn der Wald um den Oberlimberg birgt dunkle Geheimnisse. (Verlagstext)

Mein Eindruck: Beeindruckende Recherchearbeit, Handlung krautig, „blaffen“ scheint die bevorzugte Kommunikationsform der Saarländer zu sein, nur so kann ich mir erklären, warum die Lektorin den inflationären Gebrauch des Verbs in diesem Regiokrimi nicht gestoppt hat.

BohnetPleitgen

ISBN: 9783867541770
‘Ariadne’. Argument- Verlag GmbH
September 2009 - 248 Seiten

Vor ein paar Wochen in die SchämDichEcke gedrängt, wäre es mir lieber gewesen, hier beim Schreiben den Krebsgang einzulegen, als mir eine Beule am Kopf zu holen.
Die Misshelligkeiten beim Lesen von Bohnet/Pleitgen’s Krimi „Freitag isst man Fisch“ begannen schon frühzeitig. Als ich die Figur Nikola Rührmann anzunehmen versuchte und es mir nicht gelang. Nach fünfzig Seiten musste ich mich immer noch auf der Umschlagseite vergewissern, dass von einer weiblichen Person die Rede ist. Dieses Spiel mit der Identität, für den weiteren Verlauf so gänzlich unnötig, irritierte mich sehr. Was ich jetzt, genauer betrachtet, auch nicht mehr als so besonders schlimm empfinde.
Wir lernen Nikola Rührmann kennen, eine Studentin, die im Jahre 1989 an der Hamburger Uni Physik studiert und dessen Genderbalance sich schwergewichtig zu Julia, einer Germanistikstudentin verschiebt, als sie das bildhübsche Mädchen erblickt und es fortan nicht mehr aus dem Kopf bekommt.
Nur wie sich der Schönen nähern? In ihr reift die Idee, Julia mit einem Vorhaben für sich zu interessieren, dass recht ungewöhnlich daherkommt. Sie beabsichtigt, die Umstände des tödlichen Verkehrsunfalls des Freundes ihrer Angebeteten aufzuklären.
Gesagt, getan, der weitere Verlauf der Handlung wird fortan von dem Weg geprägt sein, den die Hobbydetektivin findet, um sich die nötigen Informationen zu beschaffen. Mit diesem Plot feierten schon Autorenladies älteren Semesters Erfolge, und genauer betrachtet bewegen sich in diesem Fahrwasser neunzig Prozent aller Krimihandlungen. Was ja wiederum auch nicht so besonders schlecht ist.  
Diesmal taucht die Protagonistin ins Hamburger Szeneleben ab. Und das Lokalkolorit sollte uns wohl besonders präsent werden durch die einschlägigen Kneipen, in denen Nikola ihre Stichwortgeber trifft. Leider konnte ich nicht erkennen, warum die Autorin sich nicht auf eine beschränkte, unterschieden sie sich doch nur im Namen. Dafür aber so exotisch und retro wie Gnosa, Blauer Lotus oder Dschungel.
Lokalkolorit war dann auch der Oberbegriff, der sich in meinem Kopf einnistete, und dazu passten die Typenstudien vom seine Seele verkaufenden Junkie bis zum skrupellosen Villenbesitzer. Die Welt steckt nun mal voller Extreme. Gegen Ende ist unsere Heldin berufen, noch eine riesengroße Sauerei aufzudecken, was ja schätzungsweise in fünfzig Prozent aller Krimifälle geschieht und uns wieder mal zeigt, wie böse diese Kapitalistenwelt ist. Ein kurzes Luftanhalten dann doch, als die Akteurin in eine bedrohliche Lage gerät und auf einen Angreifer schießt, ungewöhnlich für einen Protagonistin aus deutschen Krimilanden, na ja aus Notwehr versteht sich, die Figur muss schließlich rein bleiben.
Flüchtig dann Nachdenkliches, Gegensätzliches, hätte man sich breiter gewünscht, aber da ist es schon vorbei.  
Nein, eine Vic Warshawski oder Lisa Nerz ist Nikola Rührmann nicht. Beides Frauen, die im Geschehen eine Kraft entwickeln, die die Dinge zu ihren Gunsten beherrschen wollen, die mit ihren Methoden ihren Widersachern auf Augenhöhe begegnen wollen, um in einer Welt voller Gewalt gegen das Unrecht zu kämpfen und sich für die Schwachen und Wehrlosen einzusetzen. Da wird eine Haltung erkennbar, in der der Leser die Wut, die Verzweiflung und den Willen zur Gegenwehr erfährt und sich emotional aufladen kann.
Wer ist Nikola Rührmann? Eine junge Frau, die wohl nicht auf den Kopf gefallen ist und Beharrlichkeit an den Tag legt, um ihr Ziel, das Herz einer Frau zu erobern, zu erreichen. Verliebtheit, die man nicht erklären muss, – was auch gar nicht versucht wird-, und die der Liebenden Flügel verleiht. Ein Motiv, das für sich steht.
Eine nichtreflektierende Icherzählerin, die Tempo vorlegt, ohne je nennenswert innezuhalten.
Zu eindimensional- nichts Doppelbödiges, nichts Nachhaltiges – so gehen die Gedanken spazieren, und zwei Finger spielen schon mal Daumenkino.
Jedoch Edus himmlische Ratschläge: Das Beste am Norden.

Henny Hidden

wegerich

ISBN: 978382603985
Königshausen & Neumann
225 Seiten

Anzunehmen, mit der Einbettung der rauen gesellschaftlichen Wirklichkeit in einen Krimi wäre einem Autor der Erfolg schon beschieden, könnte eine Fehleinschätzung sein.
Wurde noch der Krimi von Aechtner/Vogt „Frauenschwimmen“ mit der Hinwendung zur Unterschichtenproblematik als Garnierung aufgeputzt, sind wir bei Ullrich Wegerichs Krimi „Berliner Macht“ mittendrin, in das, was gemeinhin mit Hartz IV umschrieben wird, und bei dem jeder Krimi, der mehr als ein Rätselkrimi sein will, ein Achtungszeichen verdient.
Ein Sozialleistungsempfänger wird tot in seiner Wohnung aufgefunden. Sein soziales Umfeld war ein Kieztreff in Berlin-Wedding. Der Wedding, ein Bezirk in der Hauptstadt, der als einer der sozialen Brennpunkte gilt. Kein Wunder, dass der Leiter des Kieztreffs dem zu ermittelnden Kommissar ohne Umschweife bescheinigt, dass es sich bei dem Ermordeten um eine Person handelt, die auf der Verliererseite dieser Gesellschaft stand. Umso mehr überraschte ihn, dass er in letzter Zeit großzügig mit Geld umgegangen ist und auch mal die dort die Zeit absitzenden Arbeitslosen zum Hummeressen einlud. Was war geschehen? Bald stellte sich heraus, dass der Tote in seinen letzten Tagen Detektiv spielte und ausgerechnet der Vizepräsidentin des Bundestages nachspionierte.
Und da ist der große Bogen schon gespannt, zwischen den da oben und den da unten, und da der Krimi sich hauptsächlich zwischen diesen beiden Polen bewegt, lernen wir die sozialen Gegensätze über Macht- und Intrigenspiele, in denen Ehrgeizlinge und Egoisten auch vor Morden nicht zurückschrecken, in einigen Facetten kennen. Und bei dem sozialen Impetus, dem der Autor sich verpflichtet fühlt, versteht es sich, dass die Fieslinge sich mehr oben als unten tummeln. Das mag nicht so richtig überraschen, und auch der Plot kommt ziemlich unaufgeregt und konventionell daher.
Zusammenfassend glaube ich sogar, dass der Autor seine Figuren nicht ausreichend liebte.
Erhellend fand ich eine Passage im Krimi, in dem der Kommissar folgende Worte spricht:
„Jeder lebt in seiner eigenen Welt und die hält man dann für normal…. Aber sind die Menschen, Ihre Leidenschaften und Motive, deswegen so verschieden? Der Rahmen ist eben ein anderer.“
Bei aller Vorsicht des Schließens von Figurenmeinung auf Autorensicht meine ich zu erkennen, wie nach Ansicht des Autors ein Krimi beschaffen sein sollte. Man nehme ein Handvoll Figuren und dem, den man für den Mord verantwortlich machen will, gebe man ein paar Leidenschaften  und Motive hinzu. Nur so kann ich mir erklären, warum wir gegen Ende beim Täter ein Gefühlszenario so unvermittelt erleben wie ein sich aufblätternder Blumenstrauß aus dem gezogenen Hut. 
Störend und wirklich sehr störend empfand ich die langen Erklärungen, die sich hauptsächlich mit den geografischen Gegebenheiten der Stadtteile und der prekären sozialen Lage der Großstadt befassen. Das ähnelt bisweilen den Schönfärbungen in Touristenbroschüren, Kritiksüchten in Betroffenheitsreportagen und stilistisch einem Zeitungsdeutsch.
Auf der Suche nach einer Begründung meines Missbehagens habe ich mir noch einmal Don Winslows Krimi „Pacific Private“ vergegenwärtigt, in dem mich der Autor mit seinen Beschreibungen des historischen Gewachsenseins der Gegend, in der sein Krimi spielt, beeindruckte. Den Unterschied würde ich u.a. auch in der verschiedenen Perspektivenwahl sehen. Während Winslow aus Figurensicht beschreibt, steht bei Wegerich der Autor immer irgendwie im Wege.
Und manchmal möchte man vorwitzig hinzufügen: Literatur ist mehr als das, was in der Tagespresse steht.

Henny Hidden

Ich hatte ja schon einmal angedeutet, dass ich nicht mehr alle Krimis in der bisherigen Ausführlichkeit besprechen möchte. Jetzt starte ich mit einer neuen Rubrik, die ich „Von Farbenspielen und Fehlfarben“ nenne.
Warum dieser Titel?
Farbenspiel steht bei Wictionary als Synonym für Farbenharmonie, Farbenintensität, Farbenreichtum, Farbensinfonie, Farbverlauf, Regenbogenfarben. Wörter, die den Reichtum und die Schönheit eines Eindrucks wiedergeben. Und darunter möchte ich auch meinen Eindruck ordnen. Eine Vorstellung von Krimis, die sich durch ein gelungenes Farbenspiel auszeichnen.
Manchmal kommt es vor, dass ich mit Krimis wenig anzufangen weiß. Ich denke, es liegt daran, dass ich bestimmte Eigenschaften, die für mich wichtig sind, vermisse. In diesem Fall würde ich sagen, dass der Krimi Fehlfarben enthält.
Eine Fehlfarbe wird beim Kartenspiel im Gegensatz zu Trumpf als Lusche angesehen. Mit „fehl“ verbinden wir aber auch entbehren, mangeln, ausbleiben, abgehen, vermissen, missen. Verben, die einen Mangel benennen. Auch wenn ich in einen Krimi Fehlfarben entdecke, kann er durchaus in seinem Farbenspiel leuchten, alles ist relativ und jeder Leser liest ein Buch anders.
Sichtabstand und Farbumfang sind hierbei entscheidend. Und nebenbei habe ich mir auch einen kleinen Ausweg geschaffen. Denn rauszufinden, in welchen Farbenspielen Fehlfarben auftauchen, überlasse ich der Weitsichtigkeit des Lesers.
Es ist mir auch ein Anliegen, hin und wieder auf Bücher oder Filme hinzuweisen, an denen man nicht vorbeigehen sollte.

 

 Rezension: Christian Pernath -„Ein Morgen wie jeder andere“

 
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Ein nicht gerade sympathischer Mann ist das, der dickliche Tierarzt, der seine Tage in einem kleinen Provinznest Frankreichs verbringt. Sein stetig gleichbleibender Tagesablauf, der ihn zwischen der Praxis und Wohnhaus wechseln lässt, wird jäh unterbrochen, als er eine Frau verletzt im Straßengraben findet und sie in sein Haus aufnimmt. Er versorgt sie, so gut er kann und versucht sogar, sie aus ihrer einsilbrigen Verstörtheit zu holen. Er nimmt sogar Kontakt zu ihrem Ehemann auf, von dem er vermutet, dass er sie geschlagen hat. Sein ganzes Trachten richtet sich darauf, dieser Frau wieder ein ordentliches Leben zu geben. Notfalls in einer für sie neuen Umgebung, die er sich auch als die seine vorstellen kann, denn wenn er ehrlich ist, übt die schöne Frau schon einen gewissen Reiz auf ihn aus.
Gleichzeitig mit dem Vorkommnis geschehen in der Gegend grausame Morde, deren Opfer alle Mitglieder einer Familie sind. Die Dorfbewohner rätseln, welches Motiv der Täter wohl gehabt haben könnte, diese Familie auszulöschen. Die Unruhe, die die polizeilichen Ermittlungen und die ins Dorf einfallenden Journalisten mit sich bringen, heizt die Stimmung an. Es werden Verdächtigungen gegen Nachbarn gehegt, die sich die Dorfbewohner vor einiger Zeit nicht hätten vorstellen können. Und auch der Tierarzt ergeht sich in Mutmaßungen und reimt sich aus für ihn nicht erklärbaren Umständen eine Theorie zusammen…
Eine feine psychologische Studie, die uns einen Protagonisten erleben lässt, der mehr und mehr in seiner eigenen Wirklichkeit gefangen ist. Bis zum Moment des Erkennens, der alle vorangegangenen Bestrebungen zunichte macht. Allein dafür lohnt die Lektüre. Die Unbeholfenheit, mit der sich der Held in der Handlung bewegt, wird auch noch durch die textliche Unbeholfenheit, mit der die Geschichte dem Leser präsentiert wird, unterstrichen. Durch diese Ganzheit entfaltet sich ein sehr stimmiges Bild, und unsere Vorstellung über das beklemmende Leben in der französischen Provinz bekommt eine neue Farbnuance.

(ISBN: 9783423247191, Originaltitel: Un matin de juin comme les autres, übersetzt von Nathalie Mälzer-Semlinger, DTV Deutscher Taschenbuch, Juni 2009 - 220 Seiten)
 
Rezension: Anni Bürkl-„Schwarztee“

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Berenike Roither liebt Tee. Am liebsten trinkt sie den Tee, den sie im eigenen Teesalon anbietet. Die Eröffnung eines Teesalons im beschaulichen Altaussee im Salzkammergut sollte der berufliche Neuanfang werden, den die Protagonistin nach einem psychischen Zusammenbruch wagt. Leider steht er unter einem dunklen Vorzeichen. Bei einer Lesung, die sie in ihrem Salon veranstaltet, wird der Journalist Robert Rabenstein ermordet aufgefunden. Und ausgerechnet mit einer Teesorte aus ihrem Bestand wurde er vergiftet.
So mit seinem Schicksal verhaftet, beginnt sich Berenike Roither für die Nachforschungen, die dem Journalisten vermutlich das Leben kosteten, zu interessieren und gerät dabei selbst in gewaltige Turbulenzen.
Auffällig ist, dass die Autorin ein sehr sympathisches Bild ihrer Hauptfigur zeichnet. Für mein Empfinden wurde dieses mit einer esoterischen Ader zu überfrachtet, da sind einfach zu viele „Om’s“ dabei, dennoch kann ich akzeptieren, dass Frauen sich in Krimis nicht immer nur als Wuchtbrummen ausstellen müssen und auch für diese Leichtfüßlerinnen ein Lesepublikum vorhanden ist.  
Weniger zustimmen kann ich der charakterlichen Anlage der Figur. Mein Glaubwürdigkeitsproblem beginnt mit dem Umschwung der taffen Geschäftsfrau, die gern schnellen Sex hat, Nacktbilder ins Internet stellt, Gruppensex nicht abgeneigt ist, zu einer Frau, die total zusammenbricht, weil ihr ein Mann sein Geschlecht brutal vors Gesicht hielt. Ich will sexuelle Gewalt von Männern nicht kleinreden, beileibe nicht, aber mit dieser Vorgeschichte nehme ich der Figur ihr nachfolgendes Verhalten einfach nicht ab.
Das, was mich schon an der Figur störte, setzt sich in der Handlung fort. Vieles kommt aufgesetzt und allzu bemüht daher. Spannung ergibt sich nicht organisch, sondern wird künstlich hochgetrieben, indem die Protagonistin dauernd dunkle Schatten hinter sich vermutet.
Gegen Ende nimmt das Geschehen so richtig klamaukartige Züge an. Mit dem Gebiss in der Hand beim Auftauchen im Badesee ebenso wie durch die Faschingsmaskerade der Bösewichter auf dem Schiff kippt das Buch in die Klamotte.
Überhaupt einige Ungereimtheiten, die mir unerklärlich sind. Warum sollte Berenike ermordet werden und warum wurde es nicht bei bester Gelegenheit ausgeführt, warum wurden dem Journalisten die Finger gebrochen, warum war der Mord von Rolanda nötig, u.s.w?
Eine hübsche Idee von der Autorin, die einzelnen Kapitel mit Teesorten zu übertiteln. Auf jeden Fall dürften teetrinkende Krimiliebhaber bei diesem Krimi auf ihre Kosten kommen. Om!

(ISBN: 9783839210239, Tatort-Salzkammergut, Gmeiner Verlag, Juli 2009, 323 Seiten)

Empfehlung: Roberto Bolaño - „2666“

 boleano

Ein Meilenstein der Literatur soll es sein, wie ich von Literaturkritikern vernommen habe. Und damit ein ideales Weihnachtsgeschenk. Überzeugen sie sich.
Ein Zitat aus dem ZEIT-Artikel: “Ein James Dean war er nicht

“Niemand beachtet diese Morde”, sagt eine Figur in 2666, “aber in ihnen ist das Geheimnis der Welt verborgen”. Bolaños Fähigkeit, eine haarsträubende Wirklichkeit zu erfinden, das Geheimnis der Welt im Geheimnis des Bösen zu suchen, hat mit der Schilderung der modernen Hölle in Ciudad Juárez ihren Höhepunkt erreicht. Der Roman steht in einer Reihe mit den großen unvollendeten Romanen des 20. Jahrhunderts: Wie im Fall von Proust und Musil wird auch dieser Text weltbekannt, aber nur von den wenigsten gelesen werden und zur Mythisierung der Autorenpersönlichkeit beitragen.

Wer jetzt noch Zweifel hegt, der höre sich Stefan Zweifel (Video bei 35.00) an:

Literaturclub vom 20.10.2009

(ISBN: 9783446233966, übersetzt von Christian Hansen, Hanser, September 2009, 1096 Seiten)
ISBN: 9783502101925
Originaltitel: The Likeness.
Übersetzt von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann
Scherz Verlag GmbH
August 2009- 784 Seiten

Das nenne ich eine abgefahrene Situation.
Detective Cassie Maddox wird von ihren Kollegen zu einer Toten gerufen, die ihr äußerlich bis aufs Haar gleicht. Und dessen nicht genug. Wie sich herausstellt, bediente sich die Tote einer Identität, die sich Cassie einmal als Undercover-Agentin zugelegt hatte. Für die ermittelnden Kollegen zwei Überlegungen wert, diese überraschenden Umstände bei der Aufklärung des Mordfalls zu nutzen. Nach wie vor stehen sie vor einer rätselhaften Tat. Auch bei den einzigen näheren Bekannten der Toten, den Bewohnern des Hauses, mit denen sie zusammen wohnte, lassen sich keine Verdachtsmomente erhärten.
So erwächst bei Cassies früherem Agentenführer Frank die Idee, sie als Lexie Madison in das Haus zurückkehren zu lassen. Mit der Legende, dass sie nach dem Anschlag aus dem Koma erwacht sei, wird sie mit einem Mikrofon versehen in die Rolle der Studentin Lexie Madison schlüpfen, und es ist vorgesehen, dass sie solange bleibt, bis die mithörenden Polizisten einen Hinweis auf den Hergang des Tötungsverbrechen erhalten.
Das Haus, ein heruntergekommenes Herrenschloss, ist so ungewöhnlich wie seine vier Mitbewohner, drei Jungen und ein Mädchen, die alle an der Universität der benachbarten Stadt studieren. Cassie erlebt sie als eine verschworene Gemeinschaft, ebenso angestaubt wie ihre Behausung, sitzen sie abends im gemeinsamen Wohnzimmer zusammen, spielen Karten, lesen, nähen. Sie pflegen ein „Gute Nacht“ Ritual, indem sich einer auf das Bett eines anderen setzt und sich nach seinem Wohlbefinden erkundigt. Sie fahren früh gemeinsam los und kehren abends gemeinsam heim. Sie genießen den gegenwärtigen Augenblick und verbieten sich, über die Vergangenheit zu reden.
Mit dieser wiederholenden Abgeschiedenheit entsteht beim Leser ein leicht abgehobenes Bild des Realen, es entwickelt sich der Zauber einer behaglichen, harmonischen Welt, der die Unschuld der Anwesenden verstärkt und durch den Gegensatz zur grausamen Tat eine unheimliche Stimmung erzeugt.
Und auch die Hauptfigur Cassie erliegt dieser Magie und wird zunehmend in Konflikt zu ihrer Aufgabe geraten. Aber zuallererst muss sie sich in die Gemeinschaft einpassen und alles daran setzen, nicht aufzufliegen.  
Die Autorin führt uns so in eine Spielsituation, wobei sie die Regeln meisterhaft beherrscht.
Um die Komplexität, mit der wir es zu tun haben, zu verdeutlichen, will ich etwas ausholen. Als Studentin nahm ich an einem Experiment teil. Dabei sollte ich mich und einen mir zugewiesenen Kommilitonen unter bestimmten Aspekten auf folgenden Wahrnehmungsstufen beurteilen:
1. Wie schätzen sie sich selbst ein? 2. Wie schätzen sie ihren Partner ein? 3. Was glauben sie, wie sie von ihrem Partner eingeschätzt werden? 4. Was glauben sie, wie sich ihr Partner selbst einschätzt? 5. Was glaubt wohl ihr Partner, wie sie sich selbst einschätzen? 6. Was glaubt wohl ihr Partner, wie sie ihn einschätzen?
Ich erinnere mich noch, wie schwierig es mir fiel, meine Urteile auf den höheren Reflexionsebenen zu differenzieren.
Auch die Hauptfigur Cassie muss ja bei jeder Kommunikation ständig reflektieren, welches Verhalten die anderen von ihr, Lexie, erwarten. Ebenso muss sie erspüren, welche Informationen außer dem Redeinhalt noch mitgegeben wurden, jeder Kommunikationsakt wird neben dem Inhalt ja auch von einer Beziehungsebene getragen. Bei einem Kreis von fünf untereinander agierenden und einer mithörenden Person kann man sich vorstellen, was eine Autorin bei einer Dialoggestaltung berücksichtigen müsste, aber auch welche Chancen des Schreibens sich für sie eröffneten.
Tana French ist eine Meisterin im Aufzeigen psychologischer Verästelungen.
Auf die gefällige Art, angemerkt.
Sie entwickelt einen unglaublich spannenden Plot, der von zwei Seiten gesteigert wird.
Einmal wartet man darauf, dass sich Cassie durch eine Unwissenheit oder Widersprüchlichkeit verrät, auf der anderen Seite lauert man auf irgendeinen Fehler eines Mitbewohners. Die Autorin versteht es, den Leser hinzuhalten, indem sie lange auf gleichbleibendem Level verharrt. 
Und noch ein Spannungsmoment kommt hinzu. Ungeduldig überlegt man, in welche Richtung die Autorin das Ganze laufen lassen könnte. Unter der Annahme, dass der Täter tatsächlich kein Gruppenmitglied ist, kann die Handlung sich über zwei Dimensionen entwickeln. Über eine räumliche oder über eine zeitliche Ausdehnung. Die räumliche Betrachtung findet ihren Ausdruck in der geografischen Ausweitung über die Grenzen des Herrenhauses hinaus z. B. die Suche nach einem Täter im angrenzenden Dorf, eine zeitliche Entfaltung wäre mit der Durchleuchtung der Vergangenheit der Protagonisten denkbar. Sicher kann man beide Größen verschränken, aber so sehr sich die Autorin müht, den Leser auf diese Pfade zu locken, gefühlsmäßig konzentrieren sich all seine Gedanken auf das Miteinander der Hausinsassen.
Wenn sich dann zwischendurch so ein paar Hänger einstellen, denkt man auch mal darüber nach, mit welchen Argumenten man dieses mächtige Werk „aushebeln“ könnte. Bricht nicht mit dem Einbinden der Sorgen und Nöte der Dorfbewohner das Profane zu sehr ein, erscheint nicht mit den Wertediskussionen die Handlung über Strecken zu kopflastig, mit den Naturschilderungen zu kitschig, gerät die Auflösung nicht zu simpel und überhaupt, wirkt nicht alles viel zu konstruiert?
Die Auflösung als die beste aller möglichen zu empfinden, wird man, wenn man über die Beziehung, den die Ich-Erzählerin zu ihren zwei Gegenspielern einnimmt, nachdenkt.
Einmal ist sie fasziniert von ihrem Agentenführer und mithörendem Aufpasser Frank, der immer zwei Schritte im Voraus zu denken vermag, eine Spielernatur, die bis an ihre Grenzen geht, um ihren Intellekt zu fordern und der ihre Annäherung an Daniel, den Führer der Gruppe, sofort erspürt.
Andererseits kann sie sich dem entwaffnenden Gedankengebäude Daniels nicht entziehen.
Daniel, der in seinen jungen Jahren begriffen hat, dass er von seiner Natur her wenige Möglichkeiten besitzt, sich intellektuell in sozialen Gemeinschaften auszuleben und der sich daher seinen Kreis schafft. Indem er andere in seine Abhängigkeit zwingt.
In beiden Figuren präsentiert die Autorin Lebensentwürfe, hinter denen die Frage steht, wie man sich in einem sozialen Gefüge die höchstmöglichen Freiheitsgrade erhalten kann. Freiheit heißt, darauf hinzuarbeiten, dass in einer sozialen Gemeinschaft die Menge der zu akzeptierenden Regeln kleiner ist als der Maß an Abhängigkeiten, die man anderen aufzwingt. Freiheit heißt auch, sich selbst bejahend wahrzunehmen, indem man sich in der Abhängigkeit der anderen widerspiegelt.
Eine Freiheit, die immer das Moment der Bedrohung in sich trägt.
Wer diesen Krimi einmal in die Hand genommen hat, wird von ihm so schnell nicht losgelassen, er wird lesen und lesen wollen, jede Ablenkung verdammen und sich wünschen, dass er kein Ende findet.
Kann man ein Buch besser preisen?

 Henny Hidden

Interview mit Tana French bei fischerverlage.de

ISBN: 978855350445
Originaltitel: The Guards.
Übersetzt von Harry Rowohlt
Atrium Verlag, Zürich
August 2009 – 302 Seiten

Sätze zum Mundwinkelverziehen. Sätze zum Gesichtverbergen. Sätze zum Verkriechen.
- Dialoge zum Auswendiglernen.
Helden am Saufen. Helden am Kotzen. Superheld am Versinken.
- Handlung zum Vergessen.
Jack Taylor, notorischer Säufer und wie er sagt, mit Geduld und schweinemäßiger Sturheit ausgestattet, hält sich nach dem Rauswurf aus dem Dubliner Polizeidienst mit Detektivaufträgen über Wasser. Im Grogan’s, der einzigen Kneipe in Galway, in der er noch nie Lokalverbot hatte, zeigt er sich fortan der Welt, trifft seine Freunde, seine Auftraggeber und auf seinen ärgsten Feind, den Alkohol.
Nicht erst seit Andreas Dresens neuestem Film „Whisky mit Wodka“ wissen wir, dass mit dem Thema Alkoholismus ein abendfüllender Spielfilm gedreht werden kann, und das, was in diesem Buch abläuft, ist ein abendfüllender Krimi. Immer mit der wichtigsten Frage im Raum, wird er oder wird er nicht – anfangen zu trinken, und das ist zugleich die spannendste, die wir erleben, und da ahnten wir schnell, dass wir an einem Befindlichkeitsdrama nicht vorbeikommen.
Dabei haben wir es mit einem hardboiled Helden zu tun, wie er im Buche steht. Ein ganzer Mann, kräftig im Zuschlagen, auch mal weich im Herz, mit Gerechtigkeitssinn und struppigem Witz ausgestattet, der stolz und einsam seine Runden dreht. Seine Reviere sind die Straßen der Großstadt und die Verlorenen an den Rinnsteinen seine Gefährten. Unter ihnen Psychopathen, Gerechtigkeitsfanatiker, Gottesanbeter, die wie alle nach Auswegen aus der dreckigen, erbarmungslosen Realität suchen und sie in der Unduldsamkeit, der anderen Form der Erbarmungslosigkeit, gefunden haben.
Jedem seine Flucht. Entkommen wird keiner.
Günstigenfalls so wie Jack Taylor, der sich wie ein räudiger Hund in einer Ecke seiner Behausung die Wunden leckt, die ihm draußen zugefügt wurden. Der sich zitternd und schweißnass in seinem Bettzeug wälzt, unter Schmerzen, die er sich selber zugefügt hat, auf Entzug, wartend des Tages, an dem er sich länger als fünf Sekunden aufrecht halten kann. Als dieser kommt und er wieder hinauszieht, beginnt alles von vorn – er bleibt der Alte.
Beim Leser, der nach wiederholten Malen des Abwartens müde, schwindet mit dem Zuwachs an gelesenen Seiten das Mitgefühl, und er langt an den Punkt, an dem er sich als Vernunftmensch, der er sich nun mal wähnt, fragt, was ihm am Ende bleibt.
Auch wenn es streckenweise nicht danach aussieht, es gibt ihn, den Fall, den Jack Taylor lösen will. Er nimmt sich vor, den mysteriösen Tod eines jungen Mädchens, ein Fall, der von der Polizei als Selbstmord zu den Akten gelegt wurde, aufzuklären, nachdem die Mutter des Mädchens sich hilfesuchend an ihn wendet, weil sie an der polizeilichen Entscheidung zweifelt.  
Ich hätte sie gern verfolgt, die hehre Geschichte über die Lösung dieses Kriminalfalls, und mit der Enttäuschung ist mir bewusst geworden, wie sehr ich mich beim Krimilesen wohlfühle, wenn sich eine Handlung an einem Fall aufhängt, dem Leser einen Bezug bietet, mit Enden, die sich immer fester zurren lassen, mit Gebilden, in denen Gedanken gummizellartig hin und her springen können, wo Erzählungen wie Zwangsjacken sitzen, in denen sich umhertigern lässt.
Ich ersehne dieses Gefüge und habe es erst gegen Ende erspürt. Dann aber gewaltig.
In der Geschichte einer Freundschaft, die tragisch endet.
Nicht das Ende überraschte, es ist die Fatalität, mit der versucht wurde, diese Beziehung zu verstärken, die bestürzt. Ein Szenario, das mir so bekannt und doch wieder anders vorkam, dass ich lange mein Gehirn nach literarischen Parallelen durchforstete, aber keine fand. Ich kenne keinen Autor, der in so extremer Form zeigt, wie ein Verlangen nach Nähe unter Inkaufnahme des Gegensatzes, d. h. der größtmöglichen Ferne, der Auslöschung, befriedigt wird.
Eine Beziehung an den Enden des Erträglichen. Eine Zweipersonenbeziehung auf den Punkt gebracht. Großartige Konstruktion.
Ist man gewillt, die Geschichte aus dieser Perspektive zu betrachten, bekommt die vergammelte Handlung plötzlich ihren Sinn. Als eine Folie gewissermaßen, die dazu dient, den Konflikt in seiner ganzen Schärfe auszubreiten. Uns wird plötzlich bewusst, wie in einer Gesellschaft, in der Gewalt strukturell erzeugt wird, diese auch dem Einzelnen zur Erreichung persönlicher Ziele und sei es das menschlichste, das er anstrebt, als akzeptiertes Maß gilt.
Es kann mehr als einen Abend füllen, darüber nachzudenken.

Henny Hidden

ISBN: 9783897736023
Kappes neunter Fall. Es geschah in Berlin 1926.
Jaron Verlag GmbH
April 2009 - 205 Seiten

Dieses kleine Buch aus dem Jaron Verlag hat mir gefallen. Es ist Teil eines Kettenromans um den Kommissar Hermann Kappe und der neunte Band aus einer Reihe, in der uns in fiktiven Kriminalfällen des frühen 20. Jahrhunderts das Leben der damaligen Zeit nähergebracht wird. Von Anfang an stellt sich das Gefühl ein, dass sie stimmig ist, die Welt, in die wir versetzt werden und von der wir durch viele kleine Alltagsgeschichten, die sich alle um einen Kriminalfall ranken, erfahren.
Wir erleben etwas, was Soziologen gern mit den Begriffen Soziologie des Alltags oder Alltagssoziologie belegen. Besonders spannend wird die Erforschung des Alltagslebens dann, wenn man aufzuzeigen vermag, wie geschichtliche Umwälzungen ins tägliche Leben der Menschen eingriff und ihre Lebensweise veränderte. Historische Quellen über das Alltagsleben finden sich in u. a. in Tagebuchaufzeichnungen,  Befragungen von Zeitzeugen, Briefen, Protokollen, Fotos, aber auch in literarischen Schriften. Befassen sich heutige Autoren mit Stoffen aus vergangenen Zeiten, wird die Qualität ihrer Arbeit auch daran gemessen, inwieweit es ihnen gelingt, aus den vorhandenen Quellen das damalige Leben facettenreich abzubilden und literarisch zu verdichten.
In Petra A. Bauers Krimi „Unschuldsengel“ lernen wir das Leben des Kommissars Hermann Kappe aus Berlin kennen, der einen Serienmörder fassen muss.
Wie gefährlich die Tritte auf dem Großstadtpflaster einer Millionenmetropole sein können, ist jungen Frauen nicht immer bewusst. Und so kann ein Serienmörder nicht nur die Polizei in Atem halten, sondern auch Mädchen wie Mina mit Liebesschwüren betören, die weg von ihren privaten Liebesproblemen in die Großstadt Berlin floh, um Arbeit und Anschluss zu finden.
Bald wird dem Kommissar Kappe klar, dass der Tod der drei aufgefundenen Frauen auf ein und denselben Mörder zurückzuführen ist. Zu dieser Erkenntnis zu gelangen war zur damaligen Zeit ungleich schwieriger als heute. Es ist dem Verdienst von Ernst Gennat zuzuschreiben, dass 1925 eine zentrale Mordinspektion eingerichtet wurde, ein Ort, wo die Morduntersuchungen koordiniert werden konnten und stabile Ermittlungsgruppen sich um die Lösung der Fälle kümmerten. Natürlich kommt ein Krimi an einer Figur wie Gennat nicht vorbei, der die Arbeit der Kriminalpolizei so umfassend revolutionierte. Er war es, der nicht nur nach dem Motiv, sondern auch nach den Umständen fragte, die bei einem Menschen zu der Mordtat führten. 
Und über die Arbeit des Oberkommissars Kappe und seines Kollegen Galgenberg können wir verfolgen, wie diese neue Betrachtungsweise dazu beiträgt, dem Serienmörder ein Gesicht zu geben und ihn schließlich zu stellen.
Aber auch an den alltäglichen Sorgen, von denen Staatsbedienstete nun mal zu allen Zeiten gequält werden, können wir teilhaben. Die unbequemen Stühle in den Büros drücken nicht minder wie die Fragen nach den nächsten Beförderungen und Gehaltserhöhungen. Da haben sind schon rechte Biedermänner in der Inspektion am Alexanderplatz versammelt, mit mäßiger Intelligenz behaftet und bisweilen stumpfem Humor versehen. Auch das vermag die Autorin, ein Bild großsprecherischer Männer zu zeichnen, die einerseits das emanzipatorische Gehabe ihrer Frauen misstrauisch beäugen, andererseits den Reizen der Großstadt durchaus aufgeschlossen gegenüberstehen.
Ein Krimi: Nicht aufdringlich, nicht aufgesetzt, nicht wichtigtuerisch – aber atmosphärisch dicht.
Wer einen Einstieg in die Geschichte der Kriminalpolizei der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts sucht, ist hier gut beraten.

Henny Hidden

Es gab ein paar Schwierigkeiten, die Bloginhalte aus dem alten Blog zu importieren. Irgendwann kamen dann auch die Ratschläge des Providers zu spät, weil ich inzwischen die Posts alle per Hand rüberkopiert habe. Die alten Kommentare fehlen, einige Posts mit psychologischen Inhalten stelle ich auf www.frauenkrimis ein. Auch die Unterseiten sind noch nicht fertig.  Aber jetzt geht’s weiter mit Fred Vargas.