Ansichten: “Auf dem Boden der Realität” – Über die Glaubwürdigkeit von Krimis
Henny Hidden on 21. Januar 2010 in 2010 | No Comments »Als ich mir neulich den Literaturclub mit Iris Radisch angesehen habe, wurde gerade der Krimi von William Boyd „Einfache Gewitter“ besprochen. Die Meinungen der Kritiker differierten zwischen Zustimmung und Ablehnung und plötzlich konnte man verfolgen, wie sich die Diskutanten an einem Argument festbissen, das für sie geeignet schien, das Buch total zu entwerten.
„Nicht glaubwürdig“, „abstrus“, „Kennst du jemanden, der das erlebt hat…“.
Auch im Genre der Kriminalliteratur begegnet man diesen Auffassungen und die Romane erfahren eine besondere Würdigung, denen eine große Nähe zur Realität bescheinigt wird.
Es trifft sich, dass ich gerade das Buch von Manfred Büttner und Christine Lehmann „Von Arsen bis Zielfahndung“ zur Hand nahm. Dieses sehr interessante und informative Sachbuch, das sich nach Aussagen der Verfasser an Krimiautorinnen und Neugierige richtet, sollte man sich nicht entgehen lassen. Aber aufgepasst, von Seite zu Seite wird der Eindruck größer, dass Autorenphantasie und Polizeiwirklichkeit sehr weit auseinander liegen. Nach fünfzig Seiten Hintereinanderlesens war es dann auch mit meiner Erträglichkeit vorbei. Würde man diese Wahrheiten in die literarische Welt der Krimis einzupassen versuchen, bedeute dies, den Kreativitätsraum eines Schriftstellers arg zu begrenzen und man kann wohl behaupten, dass viele Krimis, die gerade durch ihre Originalität bestechen, niemals das Licht der Welt erblickt hätten.
Realität tötet Phantasie, mal auf den einfachen Punkt gebracht.
Keine Frage beschäftigte mich im letzten Krimilesejahr mehr wie die Frage nach der Glaubwürdigkeit von Krimis. Und wenn ich meine Favoriten des Jahres ansehe, stelle ich fest, dass ich genau die Bücher erwählt habe, die sich mit ihrer Handlung mehr oder weniger aus der Wirklichkeit heben.
Meine Favoriten (in dieser Rangfolge) des Jahres 2009:
- Paule Constant: Das Brautkleid
- Catherine O’ Flynn: Was mit Kate geschah
- Tana French: Totengleich
- Gerard Donovan: Winter in Maine
Paule Constants Buch stellte für mich so etwas wie einen Durchbruch dar. Wie diese Autorin es schaffte, einer fast alltäglichen Geschichte eine Außergewöhnlichkeit anzuheften, ist schon lesenswert. Zwei Gestaltungsmittel, die mir besonders auffielen: Die Ausformung der Figuren bis in unerträglich extreme Verhaltensweisen, der übergreifende Rahmen einer Gerichtsverhandlung als Handlungsklammer. Bei einer anderen Fassung wären wohl die Einsichten, die der Leser durch die besondere Art der Darstellung gewinnt, nicht möglich gewesen. Aber gelingen diese Einsichten womöglich nur, weil der Glaubwürdigkeit weniger Beachtung geschenkt wurde? Sicher gewinnt man den Eindruck eines leichten Schwebens der Geschichte, eines Abgehobenseins der Figuren, doch mit welchem Gewinn, mit welchem literarischen Genuss.
Um hier Missverständnissen vorzubeugen, jeder Autor bewegt sich ja mit der Konstruktion seiner Geschichte von der Realität weg, und das Augenmerk möchte ich hier weniger auf den Wahrheitsgehalt des Gesamtaufbaus, sondern mehr auf den Realitätsbezug in der Handlung legen. Oft lese ich Krimis von AutorInnen, die nur einen Bezug zur Realität kennen, die Brücke zu beschreiben, die ihre Protagonisten von A nach B, d. h. zum nächsten Schauplatz führt. Bisweilen ein quälender Weg für den Leser, verknotet, verkrautet, verrüscht, viel unnützes Zeugs unterwegs, ätzend, besonders dann, wenn uns die AutorInnen doch nur ein Klappergerippe als den furchterregenden Täter am Ende präsentieren. Dabei liegt mir nicht daran, die unterschiedlichen Handschriften der KrimiautorInnen infrage zu stellen. Ob barock oder mit äußerster Sparsamkeit, viele Male kann man seine Helden von A nach B schicken, aber dann mit Methode bitte.
Viele Leser legen Wert darauf, die Realität in einem Krimi so detailgetreu wie möglich vorzufinden. Da wird in Krimiforen auch mal heftig gestritten, wenn etwas so gar nicht stimmig erscheint. Nicht nur die Ermittlungsarbeit einschließlich der Arbeit der Rechtsmedizin soll in ihrer Präzision nacherlebbar werden, auch die Schauplätze müssen für ein freudiges Wiedererkennen in der Realität taugen.
Und manchmal überfällt sie mich ebenso, die Frage nach der Glaubwürdigkeit.
Dann passiert es, dass ich eine Idee vehement ablehne, wie es bei Zoran Drvenkars “Sorry” der Fall war. Eigentlich eine originelle Idee mit dieser Agentur, die die Entschuldigungen für andere übernimmt, sage ich mir im Nachhinein. Müsste ich nicht eher Tana Frenchs Krimi „Totengleich“ beanstanden, in der eine Polizistin die Rolle einer Toten einnimmt, was ehrlich gesagt, um ein Vielfaches realitätsferner einzuschätzen ist. Ja ich gebe zu, anfangs war ich durchaus skeptisch, aber diesen wunderbar abgehobenen Krimi hätte die Autorin ohne diese Ausgangsidee gar nicht schreiben können. Und mir wäre viel psychologische Finesse entgangen, die jetzt in meinem Erfahrungsschatz ruht.
Lagen meinem Unbehagen bei Drvenkar wahrscheinlich andere Gründe zugrunde? Weil mir womöglich seine Gesamtkonstruktion nicht behagte? Diese Geschichte, die er wie eine gehäutete Schlangenhaut in eine Quasiwirklichkeit presste. Hier kann man sie finden, die Situationen, für die ein Leser bereitwillig allen Anspruch auf Realitätsnähe fahren lässt und bei denen ihn eine unwirklich rasche Abfolge von Wendungen nicht stört. Es sind die Gefühle, für die er bereit ist, alles Unmögliche, Unwirkliche hinzunehmen, wenn sich nur die Spannungs- und Gruseleffekte einstellen, denn dafür konsumiert er ihn schließlich, den Krimi.
Und so stellt sich die Frage, ob Glaubwürdigkeit und Realitätsnähe überhaupt als Kriterien herhalten können, um über die Güte eines Krimis zu urteilen?
Reicht es uns nicht, wenn wir in einem Krimi etwas finden, dass uns diese widersprüchliche Welt fernab aller medialen Manipulationen in ein anderes Licht taucht? Andere Zusammenhänge erkennbar werden.? Wenn wir uns mit dieser Ordnung der Dinge unserer tiefen Ängste und existentieller Verstörungen gewahr werden, etwas, was wir ansonsten nie an die Oberfläche holen, und wo wir auch keine Entsprechung in der Realität finden können.
Aber wenn wir nicht auf die Glaubwürdigkeit setzen wollen, wie sieht es dann aus mit der inneren Logik. Muss ein Text zwingend eine innere Logik besitzen? Nein. Aber doch ein Krimi? Nein. Wie viele Zufälle sind wir denn bereit zu akzeptieren? Eines sollte wohl zumindest erkennbar werden, der rationale Bezug zwischen den agierenden Personen. Auch auf diese Gewissheit kann man nicht bauen. Sowie das irrationale Element zu den unerlässlichen Bestandteilen des Spannungsaufbaues gehört, so sollte man nie auf eine erschöpfende Erklärung hoffen. In Krimis tummeln sich nun mal Serienmördern und Psychopathen, deren Zeichnung meist nicht über Stereotype hinausragen.
Mörder, Täter, Detektiv oder Kommissar, jeder Mensch besitzt nun mal eine innere Struktur, und nichts wünsche ich mir von KrimiautorInnen mehr, als dass sie mir diese glaubwürdig vermitteln. Dieses letzte Feld, von wo ich einen Ankerhaken zur Wirklichkeit werfe, ist ein weites Feld, wie man weiß. Das menschliche Spektrum an Verhaltensweisen ist so breit gefächert, dass alles akzeptierbar wird und anormale Charaktere in Krimis zu formen, gehört nun mal zum Brot eines jeden Krimischriftstellers.
Und ausgerechnet hier komme ich mir am wenigsten tolerabel vor.
So denke ich immer wieder darüber nach, warum ich es nicht schaffe, eine Figur anzunehmen. Z.B. die der Berenike Roither, der Protagonistin aus Anni Bürkls Krimi “Schwarztee“. Uns begegnet dort eine moderne Powerfrau, die nach einer erlittenen Demütigung einen Zusammenbruch durchlebt und fortan im esoterischen Gebaren aufblüht. Hören wir nicht oft auch im wirklichen Leben von Menschen, die sich nach einer existentiellen Krise neu ordnen und ganz ungewohnte Charakterzüge offenbaren? Aber von einem Autor verlange ich schon, dass er mir die Wesensveränderung seiner Hauptfigur nachvollziehbar veranschaulicht.
Das Minimum an Glaubwürdigkeit, das ich bei einem Krimi beanspruche.
Rufen wir uns dagegen den Helden Julius Winsome aus Gerard Donovans Krimi „Winter in Maine“ in Erinnerung. Auch hier erfährt die Figur einen großen Bruch in seinem Leben. Seinen Hund, das einzige Wesen, das ihm nahe war, findet er erschossen vor seinem Haus, und der Held wird nichts anderes zu tun haben, als jeden Jägern, der ihm im Wald begegnet, abzuknallen. Für mich eine glaubwürdig erscheinende Tat, in der Konsequenz seines Charakters liegend. Das Buch lebt davon, dass der Autor es immer wieder versucht, uns das Wesen des Julius Winsome nahe zu bringen. Und dabei einen Mann mit durchaus widersprüchlichen Charaktereigenschaften so zeichnet, dass ein zusammenhängender Kern für den Leser erkennbar wird.
Ganz natürlich beginnt man einen Vergleich mit dem wirklichen Leben, und wer denkt, es sei nicht so, täuscht sich, zu gewaltig bricht das Gelesene in uns ein, als dass es keine Abdrücke hinterlassen könnte, und irgendwann ist man dann auch bei sich selbst, erkennt die Widersprüchlichkeit seines Wesens und die große Gestaltungskraft des Autors und spürt jene Erhabenheit, die sich bei guter Literatur einstellt.
So diffizil kann es sein, mit der Realität, der Phantasie und der Glaubwürdigkeit.
Im Zweifel für die Macht des Fiktiven.
Henny Hidden









