Mein ganz persönliches Krimilesejahr 2011


Ich wünsche allen Lesern ein friedliches Jahr 2012.
Mögen wir ehrlich zueinander sein.
Das Buch, das mich im ersten Halbjahr am meisten beschäftigt hat, war Derek Nikitas Scheiterhaufen vom Seeling Verlag. In Schreibratgebern stößt man ja häufig auf die Ansicht, dass zu einem gelungenen Buch ein positiver Held gehört, der den Ereignissen trotzt. Nur wenn der Leser mit dem Helden mitfiebern kann, gelinge eine Einfühlung und ein erhabenes Lesegefühl stellt sich ein. Derek Nikitas versucht es anders. In mehreren Handlungssträngen lässt er seine nicht gerade sympathischen Protagonisten auf die Katastrophe zustreben und dem Leser wird, je ohnmächtiger er sich fühlt, der Glaube an das Gute im Menschen ausgetrieben. Auch Roger Smiths Blutiges Erwachenund Peter Temples Wahrheit bedienen sich ähnlicher Muster, ihre Krimis hallen lange nach, länger als bei den anderen, mit ihren Superkommissaren, die einen Fall auf jeden Fall lösen.
Seien wir ehrlich, ohne sie wäre die Krimiwelt aber auch nur halb so schön.
Dann erschien Friedrich Anis Süden. Und meine Vorstellung von Liebe bekam eine andere Dimension. Was wären Kriminalromane ohne die Thematisierung der Liebe? Blutleer. Aus Liebe sterben, in wunderbarer Ani’scher Ausführung, ein Buch, das mich zum Grübeln brachte.
Auch in Mechtild Borrmanns Wer das Schweigen bricht wird das Thema Liebe aufgegriffen, mit einem geschichtlichen Hintergrund verkoppelt und auf die Spitze getrieben. Die Frage bleibt im Raum, ob es sich um Liebe handelt, wenn ein Mensch seiner Angebeteten seelische Grausamkeit widerfahren lässt? Handelt es sich überhaupt um Liebe oder ist für uns Liebe das, wovon Menschen meinen, dass das zur Liebe gehört? Im Endeffekt ist das ja auch egal, beim Nachdenken bin ich dann auf den Luhmann’schen Liebesbegriff gestoßen und bin dann wieder zurückgekehrt zum Krimi, mit seiner auf Motivation basierenden Folgehandlungen, aus der sich die Logik einer Geschichte bestimmt. Und überhaupt gehört es zu einem guten Krimi, dass auf eine vollständige Erklärung des Unerhörten verzichtet wird. Nebenbei gehört für mich zu den besten Büchern, die von unerfüllter Liebe und der damit einhergehender Rache handeln, Sofi Oksanens Fegefeuer.
Immer aufgeschlossen bin ich gegenüber jenen AutorInnen, die Beziehungsdramen im überschaubaren Raum entwickeln. Anne Goldmann mit ihrem Buch Das Leben ist schmutzig lotet detailverliebt die Abgründe von Wohnungsnachbarn aus und Regine Nössler bietet mit Auf engstem Raum eine Kammer des Schreckens. (Nein, ich will auf dem Teppich bleiben, ist nur so ein schöner Bezug)
Überhaupt Ariadne. Der Krimiverlag so stark wie nie und seine Neuentdeckungen größtenteils eine Überraschung. Und der Emonsverlag hat sich regional so breit gefächert, dass man den Eindruck nicht los wird, die Zahl der AutorInnen nimmt von Monat zu Monat zu. Bei den Verlagen gehört es mittlerweile dazu, die Internetplattformen und auch die kleinen Blogger in ihre Marketingpolitik einzubinden und bei den Angesprochenen erzeugt es ja auch ein angenehmes Gefühl, so beachtet zu werden.
Aber wenn der Punkt naht, wo man dem Erwartungsdruck nicht mehr entsprechen kann, muss man die Reißleine ziehen. Im Sommer habe ich mich entschieden, anzukündigen, keine Rezensionen mehr zu verfassen. Längst überfällig hat es mir geholfen, mich auf mich selbst zu besinnen.
Mit den rareren Rezensionsexemplaren ändert sich auch das Auswahlverhalten bei der Anschaffung von Krimis. Es erstaunt mich schon selber, nach welche Kriterien ich auswähle: 1. nach der Leseprobe 2. nach dem Preis eines Gebrauchtbuches.
Leseproben sind für mich zum absoluten Muss geworden. Bei den deutschsprachigen Krimifrauen versuche ich jedes neue Buch über eine Leseprobe (soweit vorhanden!) zu erkunden. (So bin ich z. B. auf den Krimi Ich bin ein Mörder von Brigitte Pons aufmerksam geworden.)
Bei der Anzahl von Büchern, die ich lese, spielt der Preis eine große Rolle. Bestseller lassen sich gut wiederverkaufen, aber der Verlust von Zeit scheint inzwischen schmerzlicher als der Verlust von Geld beim Wiederverkauf.
Ja, ich habe alles mitgenommen, von Neuhaus, Landorff, Dorn, Bentow, Kliesch bis zum Augenjäger, von den Krimis der neuen skandinavischen Doppelautoren bis Nesboes „Larve“, die mir im Hals stecken blieb. Wenn ich ein Resümee ziehen müsste und meinen Erinnerungswert zugrunde lege, hätte ich mir vieles schenken können. Auch wenn die Verlage mit ihren Klappentexten noch so locken, meine Suche nach beeindruckenden Krimis wird sich wohl mehr zu den kleinen Verlagen mit weniger bekannten AutorInnen verlagern.
Manchmal lese ich die von der Seitenzahl „kleinen“ Krimis im Vorbeigehen und erlebe nicht selten ein großes Glück. Bernhard Aichner mit seinen slapstikartigen Dialogen in seinem Für immer tot: Ein Max-Broll-Krimi faszinierte mich, Ria Klug hat mit ihrer transsexuellen Protagonistin Nel in Kleine Betriebsstörung eine Figur geschaffen, die mir immer sympathischer wurde, und letztendlich hat Guido Rohm mit seinem Text Blutschneise es wieder geschafft, aufzutrumpfen.
Mein erster und letzter Gedanke beim letztgenannten Buch wohl so eine Art Quintessenz. Welchem Thema kann sich ein Autor nach diesem Stoff noch zuwenden, wenn er uns eine Wirklichkeit so minimalistisch auf den Punkt gebracht präsentiert? Wenn er sich nicht im Kreise drehen will? Nun ist das nicht mein Problem, aber gespannt bin ich schon. Und richtig konsequent gedacht stellen seine Opferbeschreibungen am Ende des Buches auch so etwas wie eine Vergewaltigung oder zumindest eine Entschuldung des vordem Erzählten dar. Sich selbst als Autor in die Geschichte einzubauen und auch noch durch Tod zu entledigen erscheint dagegen logisch. Guido Rohms Krimi zeigt, wie man Literatur in eine extreme Form gießen muss, damit der moralische Grad der gesellschaftlichen Beziehungen in seinem Ausmaß nicht nur erkennbar, sondern auch fühlbar wird.
Zum Jahresende las ich noch ein Buch, das mich in Aufruhr versetzte. Es handelt sich um Wolfgang Herrndorfs Sand. In diesem Krimi (ich weiß nicht, ob er überhaupt dem Genre zuzurechnen ist) erlebte ich einen Autor, der so erfrischend anders erzählt, dass Lesen zum reinen Vergnügen wird. Dabei Erzähltechniken anwendet, die wohl jeden Schreibcouch in Rage versetzen würde. Ganz beiläufig wird über Mord und Folter berichtet, Dialoge werden bis zum Geht nicht mehr hin und her gewendet, Handlungen in ungeahnte Höhe getrieben und dann ins Absurde verkehrt und kommt es vor, dass sich sein Held aus einer für ihn gefährlichen Situation befreit, wird der Erfolg auch noch lustvoll zerstört. Vielleicht spricht mich Herrndorfs Prosa deshalb so an, weil dieses widersinnige Denken nicht zum kriminalistischen Geschäft gehört. Und ich bewerte jetzt fernab jedes kriminalen Bajuwarentums. Ich wünsche mir von diesem originellen Autor noch einige “verquere” Bücher, auch wenn es bei seiner Krankheit schwer für ihn wird, zu schreiben.
Das Jahr ist zu Ende, von der Krimizeitbestenliste des Jahres habe ich, Wunder, fünf Krimis gelesen, zwei werden noch hinzukommen.
Homicide: Ein Jahr auf mörderischen Strassen würde ich gern noch lesen, ebenso Uta- Maria Heims Buch Feierabend, das eine gute Besprechung erhielt.
In nächster Zeit freue ich mich auf Geburtstagsgeschenke: Olga Tokarczuks Der Gesang der Fledermäuse und Judith Schalanskys Der Hals der Giraffe. Sommerhaus mit Swimmingpool von Herman Koch werde ich auch noch irgendwo anbringen und bei Die Schmerzmacherin von Marlene Streeruwitz überlege ich noch den Kauf.
Ein guter Leseanfang, meine ich.

Bis auf weiteres

Henny

Briefe an Henriette (6)

Ich mach’s kurz, beweg deinen Arsch, bevor du da oben festfrierst, beweg ihn rasch und in Richtung Heimat. Wenn sie dir lieb und teuer ist.
Was ist Heimat für uns? Dort wo ich aufgewachsen bin, werden viele sagen. Aber nicht nur die Erinnerungen an die Familie, in der wir hineingeboren sind, vermitteln uns ein Heimatgefühl, sondern mehr, viel mehr, die Gerüche auf der Straße, die Gesten der Nachbarn, die Sprechweise der Städter, der Dörfler, ihr, ihr Klagen und ihr Tun. Und die Landschaft, die wir als Kinder erkundet haben, Ruinen, Abbruchhäuser, Wiesen und Wälder, in denen nicht nur geheimnisvolle Steine uns vom früheren Leben erzählen, sondern auch manche Kriegsüberbleibsel.
Jeder Mensch spürt es, dieses Heimatgefühl, welches zu ihm gehört wie eine zweite Hülle, in der er sich wohlfühlt oder die er vergebens abzustreifen versucht. Heimat ist immer auch ein Reiben, ein Annehmen und Abstoßen, ein Leben lang.
Und manchmal findet man die geschichtlichen Begebenheiten in dem Landstrich, in dem man aufgewachsen ist, so ungeheuerlich und nachdenkenswert, dass man den Nachgeborenen erzählen will, was das für ein merkwürdiger Menschenschlag ist, von dem sie kommen und, warum sie so sind, wie sie sind.
Wir sind noch die Chronisten des zwanzigsten Jahrhundert. Es ist wahrlich kein einfaches Unterfangen, in das sich der Krimiautor und Chronist Manfred Wieninger da begeben hat. Mit seinen Reportagen an das „Das Dunkle und das Kalte“ in der Geschichte seiner niederösterreichischen Heimat zu erinnern, wird er vermutlich nicht bei allen seinen Landsleuten auf Gegenliebe stoßen.
Und doch ähneln sich bei den Bewohnern in dem niederösterreichischen Sankt Pölten die Abgrenzung- und Zuordnungsmechanismen mit denen vieler anderer Menschen in Provinzstädten und ländlichen Regionen. Oft häufen sich Konflikte, wenn es um die Toleranz im Zusammenleben geht, um Toleranz gegenüber Andersartigen, den „Zuagrasten“, den Fremdländischen, aus denen einfachstes menschliches Handeln gerade auch in den dunkelsten Zeiten erwächst.
In Sankt Pölten gruppiert sich das Leben im zwanzigsten Jahrhundert hauptsächlich um die Glanzstofffabrik, eine Chemiefabrik, die von 1904-2008 existierte und die die Stadt mit dem Gestank nach faulen Eiern beschenkte und einem örtlichen Fußballverein. Der Hunger nach Arbeitskräften mobilisiert den Einsatz von türkischen Gastarbeitern, die das Gesicht der Stadt mitprägen. Der Rhythmus des Lebens wird bei vielen Einwohnern durch die Maschinenarbeit bestimmt und das heißt Disziplin und Ordnung. Da passen z. B. die liederlichen „Jenischen“ nicht ins Bild. Heimatdichter nehmen dieses Lebensgefühl auf und zeigen, wie sich Provinzler zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex deutschnational und antisemitisch gebärden.
Mit der Kriegszeit und der Nachkriegszeit fing das dunkelste Kapitel in der Geschichte dieser Stadt an: Hauptsächlich ukrainische und russische Zwangsarbeiter, in Baracken zusammengepfercht, mussten unter unsäglichen Bedingungen in der Glanzstofffabrik arbeiten, unter miserablen hygienische Bedingen wohnen und hungern. Auch dass täglich nur 14 Brote für 180 Personen ausgeteilt wurden, dokumentiert Manfred Wieninger akribisch.
Und von jenen, die der Überlebensmut verlassen hat, berichtet er:

„So trank etwa der Zwangsarbeiter Forma Swinarenko am 4. Dezember 1944 um 14.20 Uhr in der Glanzstoff so viel Lauge, dass er wenigstens im Tode frei war.“

1945 erfolgte die Zwangsräumung des Lagers durch die SS und der Todesmarsch in Richtung KZ Mauthausen, den viele nicht überlebten. Er erzählt von Menschen, wie der Krankenpflegerin Ursula Skafar, die andere Menschen vor dem Tod retteten und später keine Würdigung erfahren, während Plätze in der Stadt den Namen ehemaliger Nazis tragen. Und das ist vielleicht der größte Skandal, den Wieninger beschreibt, die Karriere eines ehemaligen NS-Blutrichters, der nach dem Krieg ungestraft in Amt und Würden kommt und die Entschädigung von NS-Opfern hintertreibt. Und er spart auch die willigen Handlangerdienste der Einheimischen wie beim Massaker von Hofamt Priel nicht aus.
Das sind Reportagen, die aufgrund ihrer Faktendichte und den Erfahrungsberichten sehr eindrucksvoll geraten sind und denen man nicht nur viele aufgeschlossene Leser wünscht, sondern noch mehr jene Leser, die das erste Mal von den nicht ganz bequemen Geschichten aus dieser Provinz erfahren.

Grüße von Henny

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Briefe an Henriette (5)

Liebste Henriette,

diesmal empfehle ich Dir einen Krimi, von dem ich mir wünsche, dass er die Erinnerung an unsere Heimat ein bisschen wach hält und Dich ein großes Stück mehr ermuntert, zurückzukehren, in unseren geliebten Moloch mit seinen Absonderlichkeiten und Verrücktheiten. Berlin ist hip, schwärmen alle Berlinbesucher und ich halte dagegen, Berlin ist aufreibend, kleinlich und poplig.
Ein Beispiel davon kann man in Regina Nösslers Thriller „Auf engstem Raum“ erleben. Ja, soweit sind wir schon, dass wir die ungeschönte Realität hinter all den Sexy-Betörungen unseres Bürgermeisters in der Literatur suchen und finden müssen.
Der Roman ist in einem kleinen Schreibwarenladen in Zehlendorf angesiedelt, du weißt schon, diese winzigen inhabergeführten Läden, die stetig abnehmen, und in denen man immer etwas sucht, was man doch nicht finden kann. Es ist der Weg zurück in unsere Kindheit, die wir riechen und schmecken wollen, zurück in eine Zeit, in der uns noch bunte Abziehbildchen beglückten und wir in den Kisten und Regalen nach ausgefallenen Waren stöberten, weil wir unsere Freundinnen, die immer eine größere Farbanzahl von bunten Malstiften besaßen, auch mal beeindrucken wollten.
In diesem Buch tauchen wir in die Welt der Ladenbesitzer und ihrer Angestellten ein, in eine Welt, die alles andere als paradiesisch und friedlich ist. In der heutigen Welt sind ja die meisten Verkäufer keine Angestellten mehr, sondern Zeitarbeiter oder wie in diesem Fall mittellose Studenten, die als Aushilfskräfte den Laden zusammenhalten und nur nebenbei an ihrer Doktorarbeit werkeln können. Der männliche Part des Ladeninhaberehepaars ist ein Kontrollmensch und Gewohnheitstier, stur und rechthaberisch, seine Gattin eine unausgeglichene, unausgefüllte Frau. Womit ja schon mal die Konfliktherde geschaffen sind.
Allen ist gemeinsam, dass sie ihre Kunden hassen, diese ewig nörgelnden, meckernden, fordernden Schnäppchenjäger, Rabattfeilscher und Rentnerplagegeister, die sie zwingen, zu erläutern und zu suchen, was sie schon hunderttausend Mal erläutert und gesucht haben.
Jegliches Handeln geschieht auf engstem Raum, der keine Privatsphäre zulässt und den Abstandsradius, den ein Mensch für sein Wohlempfinden beansprucht, aufs Gröbste beschränkt. Man wartet geradezu, dass sich das explosive Gemisch entlädt. Bevor aber nun der eigentliche Mord geschieht, mehren sich die Anzeichen, ganz einem Psychothriller gemäß, dass etwas Unheilvolles im Schwange ist. Ein Mann stirbt an der Eingangstür, eine Kundin kippt im Laden um und dann geschieht der Mord, spektakulär unspektakulär für einen Krimi, und wird danach die Wogen für einige Zeit glätten helfen. Bis dieser kleine Tod auf Raten, den jeder einzelne Mitarbeiter tagtäglich in sich spürt, erneut den Anlass für einen Gewaltausbruch mit schlimmen Folgen gibt.
Das ist ein sehr gut zu lesender Krimi, einfallsreich und souverän komponiert, stilistisch sicher, spannungsgeladen, mit dem Mut zu Lücken, die zum Nachdenken anregen. Wer Kammerstücke mit ihrem begrenzten Personal mag, menschliche Abgründe und seelische Verletzungen, facettenreich aufgeblättert, besser verstehen will, wird den Krimi lieben. Diese gekonnt erzählte Geschichte fasziniert durch ihre Einfachheit ebenso wie durch ihre Konzentration.
Und ich bin mir sicher, dass Du nach dem Lesen des Buches den kleinen Laden nebenan nicht mehr mit unschuldigen Augen betreten wirst.

Liebe Grüße

Henny

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Briefe an Henriette (4)

Liebste Henriette,

ich glaube ja inzwischen, dass Du den Winter auf der Insel verbringen wirst. Einmal am Tag am Hauptmannhaus vorbei bis zum Leuchtturm hoch und zurück über den Dornbusch. Kannst Du Dich noch erinnern, wie uns der Wind fast auf die Erde drückte? Von der dortigen Wetterstation meldet sich im Fernsehen schon lange kein schwankender Wettermann mehr. Die Kraft des Windes auf dem Bildschirm zu sehen, entfachte in mir immer wieder die Sehnsucht nach diesem meerumtosten Landstreifen.
Nicht nur die platte mediale Abbildung entzückt uns. Wie du weißt, können auch mit Worten Welten erschaffen werden, die uns erfreuen oder erschaudern lassen, oder auch beides gleichzeitig.
Und manchmal wird man im Brustton der Überzeugung ausrufen: Genauso ist es! So habe ich es erlebt!
Ob ein Leser das Fiktionale so anzunehmen bereit ist, hängt von der Kunst eines Autors ab, die Welt glaubwürdig abzubilden. Was sich natürlich nicht darauf reduziert kann, eine Begebenheit in allen Einzelheiten zu beschreiben.
Dass ein Autor es schafft, dem Leser eine Glaubwürdigkeit vorzugaukeln, hängt von seiner Fähigkeit ab, essentielle Elemente aus dem Alltag herauslösend so zu verpacken, dass bei ihm ein Reiz des Bekannten ausgelöst wird. Womit wir beim Authentischen wären. Letztens habe ich im Radio einen interessanten Beitrag über das Authentische gehört. Inzwischen längst zu einem Modebegriff stilisiert, wurde der Begriff mehr und mehr aus der Kunst herausgehoben und dem menschlichen Verhalten zugesprochen, jenem Gebaren, das einen positiven Gegensatz zur Inszenierung bildet.
Das Authentische beinhaltet also Stimmigkeit, Glaubwürdigkeit, Plausibilität. Und das Urteilen fällen wir aus dem Grad der Übereinstimmung des Gegenwärtigen mit einem vorigen Erfahrungswert.
Einem Autor zu attestieren, dass er authentisch zu schreiben vermag, kommt wohl einem Qualitätsmerkmal gleich, weil wir über die Kunst uns selbst und unsere Umgebung besser verstehen wollen. Sich in die Höhe zu schwingen wird dem Phantastischen, dem Thriller und dem Horror erlaubt, Kriminalromane lieben wir mehr, wenn sie auf dem Teppich bleiben. Ausnahme Fred Vargas, der phantasievollsten aller KrimiautorInnen, der die Außenseiterstellung gegönnt wird.
In meinem vorhin erwähnten Radiobeitrag wurden auch bestimmte Authentisierungsstrategien angesprochen, derer sich die Akteure bedienen. Auf die Krimilandschaft bezogen, fallen mir gleich drei ein, die mich zum Nachdenken gebracht haben.
Norbert Horst mit seinem Krimi „Splitter im Auge“ zeigt am deutlichsten, wie Polizeiarbeit im Krimi gestaltet werden muss. Als ein Zusammentreffen von vielerlei Informationen, Dienstanweisungen, Hierarchien, persönlichen Unzulänglichkeiten, Zufällen und Glück. Ein Konglomerat aus eigener Lebenserfahrung und Vernetzung anderer Ansichten, die für den Ermittlungserfolg bestimmend werden.
Ähnlich Paulus Hochgatterer in „Das Matratzenhaus“, der die Entscheidungen seines Kriminalkommissars aus der inneren Verfasstheit ableitet. Emotionales und Rationales fließen ineinander, Privates überlagert das Berufliche, und Überforderung verhindert, Wichtiges bei der Aufklärung eines Falls herauszufiltern.
Eine dritte Kunst habe ich bei Cynthia Webb in ihrem Krimi „Die Farbe der Leere“ entdeckt. Ihre Protagonistin, Anwältin in einer Behörde, entscheidet, ob ein Kind den Eltern entzogen wird oder nicht. Sie entscheidet über das Schicksal von misshandelten, missbrauchten und vernachlässigten Kindern, eine Arbeit, an der man zerbrechen kann, wenn man sich nicht bestimmter Verdrängungs- und anderer Mechanismen bedient. Niemals Betroffenheit zeigen, niemals besondere Nähe herstellen, niemals ein Kind bevorzugen, immer auf der Hut, die Tricks der Eltern und ihrer Anwälte zu erkennen, ja keine Blöße durch Überschreiten des gesetzliche Rahmens bieten. Ein Ankämpfen gegen die ständige Überforderung, mit Schuldgefühlen beladen und unter Zeitdruck, weil die Aktenberge sich stapeln.
Dem Alltag ein Schuss Lächerlichkeit drangeben. Ironie als Abstandswahrer.
Das ist eine Überlebensstatik, und wir wissen, dass auch Ärzte sich bei emotional aufwühlenden Patientenschicksalen ähnlich verhalten.
Dieser geplante Realismus, mit dem die Autorin den Behördenalltag zeichnet, und nebenbei zeigt, wie die selbst auferlegten Regeln immer wieder aus emotionaler Bedrängnis verletzt werden, ist schon sehr beeindruckend. Vielleicht heißt authentisch schreiben auch, das menschliche Defizitäre verbunden mit dem gesellschaftlich Defizitären bloßzulegen.
Wobei wir beim Politischen wären.
Gute Kriminalromane zeichnen sich immer dadurch aus, dass man weiter denken kann. Den Faden aufnehmen und aus seinen gewohnten Denkmustern heraustreten. Sicher fragt man sich, warum die Frauen so agieren, warum sie jedes Kind, das sich an sie hängt, abwehren, weil sie wissen, bei aller Betreuung, die ihnen von der Staatsmacht zuteil wird, werden diese Kinder es nie schaffen, aus ihren inneren und äußeren Slumgebieten auszubrechen. Man fragt sich auch, warum die staatliche Struktur nicht trägt, die in gutem Vorsatz aufgebaut wurde? Ein pauschales Urteil nach der Lektüre zu geben, fällt schwer, aber schweifen wir ab, stellen uns vor, ein paar Milliarden, die man z.B. für die Bankenrettung bereitstellt, würden in eine bessere Kinderbetreuung fließen, Vielleicht um jedem Kind eine dauerhafte Bezugsperson an die Seite zu stellen, weg von zweifelhaften Pflegefamilien, die auch den geldwerten Vorteil im Auge haben. Wie viel Kinder könnten vor der inneren Verwahrlosung gerettet werden. Oder muss man früher ansetzen. Eltern ein menschenwürdiges Dasein bieten? Ich weiß, ich weiß, das ist alles weit hergeholt. Das darf man nicht gegeneinanderstellen. Eine gerechte Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass staatliche Institutionen jedem Kind eine Entwicklungschance einräumt. Daran miß sich die Humanität einer Gesellschaft. Wir sind ja da einer Meinung.
Cynthia Webb webt einen dichten, authentischen Text, und sie bleibt doch dabei eine gute Erzählerin. Natürlich gibt es einen Jungen, deren Schicksal sich die Protagonistin annimmt, ein Junge, von dem sie meint, dass er den Aufstieg durch seine intellektuellen Fähigkeiten schaffen kann. Und dieser Junge wird durch einen Serienmörder gefoltert und umgebracht. Aber um sich in dieser spannenden Geschichte zu verlieren, die nebenbei bemerkt noch mit einem interessanten Ermittlerpaar aufwartet, liest Du sie am besten selbst. Ich werde Dir den Krimi schicken.

Liebe Grüße

Henny

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Briefe an Henriette (3)

Liebste Henriette,

heute möchte ich Dich mal an deine Heimatstadt erinnern, die sehnsüchtig auf Dich wartet und deren Gewusel Du schon zwei Monate schmerzlich vermisst, wie ich Deinem letzten Brief entnehme.
Hast Du Dir schon einmal die Frage gestellt, warum die meisten Krimis aus Deutschland in irgendwelchen beschaulichen Ecken des Landes spielen? Warum sich bei vielen Lesern das Gruselgefühl gerade zwischen Misthaufen und Hühnergegacker einstellt?
Nun, diese Frage stellen sich nicht nur Literaturkritiker und Feuilletonisten, sondern auch Wissenschaftler und Kulturkenner, von denen einige schon mal krampfhaft versuchen, dem Phänomen auf die Spur zu kommen. Mit zu den originellsten Antworten gehört sicher die einer Autorin, die auf der Seite des Goethe-Instituts unter dem Titel Der Boom der Regionalkrimis schrieb:

„In Deutschland gibt es schlichtweg mehr Klein- als Großstädte – und somit auch eine höhere Zahl an potenziellen Handlungsschauplätzen mit provinziellem Flair!“

Mal ernsthaft, einen Krimi in einer Großstadt anzusiedeln, bedeutet dem Krimi einen ganz anderen Drive mitzugeben als den einer ländlichen Idylle. Daraus hat sich ja auch eine ganz besondere Art von genretypischen Romanen entwickelt.
Ich versuche ja in den Krimis immer das Spezifische von Berlin herauszulesen. In meinen beiden letzten Berlinkrimis, die ich gehört habe, bin allerdings nicht so fündig geworden. Weder in „Der Federmann“ von Max Bentow noch in „Der Todeszauberer“ von Vincent Kliesch kamen die Autoren über die Erwähnung bekannter Straßennamen oder Berliner Ecken hinaus.
Den Rhythmus der Großstadt Berlin hat wohl einzigartig Walther Ruttmann in seinem Dokumentarfilm “Die Sinfonie der Großstadt”, der 1927 aufgeführt wurde, zum Ausdruck gebracht.

Was assoziieren wir mit Berlin? Verkehr, breite Straßen, U-und S-Bahnen, Tempo, Hast, Unruhe, Lärm, Hochhäuser, Fahrstühle, Treppen, Reklame, Kaufen, Kaufen, Kaufen. Menschen, Touristen, Einheimische weiß, schwarz, bunt, Völkergemisch, Beziehungen zwischen allen.
Der Grund, warum ich darüber nachgedacht habe, liegt in meiner neuen Krimientdeckung, in Walter Mosleys Buch „Manhattan Karma“.
Als der eindrucksvollste Krimi über die Molochstadt New York galt ja für mich in den letzten Jahren immer „Cash“ von Richard Price, weil er mit seinen beiden Ermittlerfiguren Matty und Yolanda, mit seiner Schilderung ihres Arbeitsalltages auf einer New Yorker Polizistenstation, die Atmosphäre der Stadt so gekonnt einzufangen vermochte.
Bei Walter Mosley lernt man die Gegenseite kennen. Die Subkultur eines Ganovenmilieus mit ihren typischen Bestandteilen wie Erpressung, Gewalt, Mord. Walter Mosley schildert das Leben einer Großstadt aus den Beziehungen zwischen Menschen, die in einem eigenen Milieu nach eigenen Regeln agieren.
Wie das abläuft, lernen wir aus der Sicht des Privatdetektivs Leonid McGills kennen, einem einundfünfzigjährigen Mann, mit aus früherer Boxtätigkeit ausgestatteter Kraftfülle, der zwar finanziell nicht besonders gut ausgestattet ist, aber, was ja auch zählt, sich bisher nach allen Seiten gut zu behaupten wusste.
Das, was ihn zurzeit schmerzt, ist nicht, dass ihm ein Killer auf den Fersen ist, seitdem er einen rätselhaften Auftrag übernommen hat, sondern das Unwissen über das Motiv der Auftragsvergabe.
Dem versucht er auf die Spur zu kommen, denn manchmal überfallen ihn schon moralische Skrupel über die Folgen seiner abgelieferten Recherchen, besonders wenn er Namen und Aufenthaltsorte von Personen preisgegeben hat.
Und bei seiner Suche können wir miterleben, wie Menschen in einer Großstadt verbunden sind, über Beziehungen zwischen denen, die versuchen skrupellos ihren Schnitt machen, und denen, die einfach mitschwimmen, den rettenden Anker suchen, um nicht unterzugehen, und denen, die sich für ermächtigt halten, den Daumen über andere nach oben oder unten zu bewegen.
Wo Recht und Moral die Starken im „Kreis“ bestimmen und die Gesetzesgewalt nur mühsam oder gar nicht mehr greift. Und in dieser Wildnis, in dem man sich nicht ungestraft leichtfertig umdreht, braucht man Mitspieler, denen man absolut vertrauen kann. Am besten solche, die in den Netzwerken Schlüsselpositionen einnehmen oder in einer Pyramide oben stehen. Man braucht Geld, um Leute für sich einzunehmen und man braucht Informationen, um strategisch vorgehen zu können. Das alles hat Leonid McGill in vielen Berufsjahren gelernt und sich geschaffen und trotzdem keine Zufriedenheit bekommen.
Darüber kann auch der trockene Humor nicht hinwegtäuschen, mit dem er weder die schlimmen Wahrheiten hinwegwischen noch seine tiefe Melancholie vergraben kann und die ihm immer wieder die Sinnfragen nach oben spülen, bei denen alternden Killern wie alternden Detektiven die Reflexe abhanden kommen.
Eines wird bei Walter Mosley auch klar. Auch die Akteure des mörderischen Treibens brauchen ein Refugium, um Menschen zu sein. Und die Familie ist für sie der Ort, wo man sich nicht mehr umdrehen muss. Der Ort des Vertrauens und der geschützten Nähe.
So ist der Einzelne bereit, für das Wohlergehen seiner Familie die schlimmsten Taten zu begehen oder begehen zu lassen. Das muß ich sagen, erinnerte mich dann doch sehr an die ausgetretenen Pfade in den skandinavischen Krimis.
Aber gut. Vielleicht können wir das als die Botschaft des Buches mitnehmen. Noch bekommen wir Geschichten erzählt, in denen uns Menschen mit menschlichen Zügen begegnen.
Das liest sich z. B. bei Roger Smith über die Hölle Kapstadts ganz anders.

Willst Du nicht doch lieber in das beschauliche Berlin zurückkehren?

Ich vermisse Dich

Henny

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Briefe an Henriette (2)

Liebste Henriette,
heute berichte ich Dir von zwei deutschen Autorinnen, die zu den besten ihres Fachs gehören. Mechtild Borrmanns Krimi „Wer das Schweigen bricht“ hat es sogar auf den ersten Platz der KrimiZeitbestenliste geschafft. Wer mit einer Wucht einer griechischen Tragödie daherkommt, hat es verdient. Es geht um die Liebe und wie so oft um eine Art Dreieckskonflikt, dessen Lösung stark mit den sozialen Bedingungen der Zeit verknüpft ist. Man beginnt sich schon die Augen zu reiben, wenn ein Thema über die nationalsozialistische Zeit in der zeitgenössischen Krimiliteratur auftaucht. Obwohl es bei genauerem Überlegen gar nicht so selten vorkommt. Z. B. Seghers und Schirach fallen mir spontan ein, als deutschsprachige Autorin nur Elisabeth Herrmann.
Das Buch hat wieder einmal dazu geführt, dass ich über die Liebe nachdachte. Jeder definiert diese Nähe zweier Menschen zueinander anders, wie Du Dir denken kannst. Ich denke, dass es besonders zwei Punkte sind, die zur Liebe gehören. Ein Liebender kann ohne den Geliebten nicht leben, und ein Liebender wünscht sich nichts mehr, als dass es dem, den er liebt, körperlich und geistig gut geht. Dass diese beiden Punkte in unterschiedlicher Gewichtung stehen, ja gegeneinander streben können, ist der menschlichen Variation zuzuschreiben.
Eindrucksvoll hat Friedrich Ani in „Süden“ einen seiner Protagonisten den Tod wählen lassen, weil es dieser auch nach einigen Anläufen, sein Leben mit anderen Frauen neu zu ordnen, nicht geschafft hat, ohne die geliebte Frau weiterzuleben. Dieses Sichnichtlösenkönnen bis in den Tod erkennen wir auch in einigen Todesanzeigen, wenn man sieht, dass das Sterbedatum des hinterbliebenen Ehepartners nur kurz nach dem Tod des Betrauerten liegt.
In Borrmans Buch wird der Mann, der die geliebte Frau auch bei unerwiderter Liebe unbedingt erobern und ehelichen will, den Nebenbuhler erschießen. Und die Frage stellt sich in den Raum, ob das aus Liebe geschieht, wenn man den tötet, den die Frau so unsterblich liebt. Ob man es aushält, sie leiden zu sehen. Irgendwie bestand auch keine Notwenigkeit den anderen Mann zu töten, weil sich diese Beziehung durch die Wirrungen des Krieges sowieso erledigt hätte. Was steckte dann dahinter?

Reinhard Haller, Psychiater und Neurologe, sieht als überragendes Tötungsmotiv eine Kränkung des Ichs, ein Zustand, der dann, wenn Sanktionen fehlen, eine außerordentliche Zuspitzung erfahren kann. Und damit hieven wir uns auf die gesellschaftliche Ebene. Ist es so, dass Menschen sich die Köpfe leichter einschlagen, wenn in der Gesellschaft unliebsame Personen bestimmt werden, ja, wenn Gewalt und Mord an ihnen keine große Ächtung erfahren? Weißer oder Indianer, Jude, Christ oder Muslim, Israeli oder Palästinenser, Ungläubiger oder Gläubiger, man könnte die Reihe nicht unendlich aber erschreckend weit fortsetzen. Genau deshalb sollten wir uns für jede Abwertung in der Gesellschaft sensibilisieren und genau aufhorchen, wenn Politiker mit dazu tun, Menschen zu deklassieren. Wenn Literatur uns dieses in menschlichen Tragödien anschaulich vor Augen führen kann, ist sie ein Grund, sie unter das Volk zu bringen, und ihr Autor ist hochzuheben. Wie Mechthild Borrmann.
Zoë Beck rangiert mit ihrem Roman „Der frühe Tod“ einige Stufen tiefer. Ich habe lange überlegt, warum mich ihr Krimi mit durchaus sozialkritischem Anspruch so wenig gefesselt hat, an der Sprache lag es nicht, die war wie bei Mechtild Borrmann konzentriert und ohne Schnörkeleien. Zusammenfassend würde ich sagen, ihren Figuren fehlt die psychologische Dimension. Ihre Figuren werden oft zu einer, wie ich kürzlich in einem Blog über das Schreibhandwerk so auf den Punkt gebracht lernen konnte, Marionette des Plots. Es wird etwas gesagt, weil in der Situation etwas gesagt werden muss. Der Dialog verharrt an der Oberfläche.
Aus der vermeintlich existenziellen Situation, in der die Protagonistin Caitlin gerät, findet sie allzu schnell wieder heraus. Am Ende sind sogar ihre Eheprobleme, auf deren Ausmalung anfangs soviel Wert gelegt wurde, auf eine einfache Trennung zusammengeschrumpft. Sicher wird das Buch dich eher als der erste Krimi an Deine Situation erinnern.
Trotzdem, es ist ein Geschehen, das sich schnell im Gedächtnis verflüchtigt, auch weil keine Freiräume des Nachdenkens erzeugt werden.
Mechtild Borrmann erzählt über etwas eine Geschichte, Zoë Beck erzählt eine Geschichte.
Jetzt bin ich gespannt, worauf Deine Wahl fällt. Aber nicht wie Buridans Esel davor stehenbleiben.
In bin krank und habe Kopfschmerzen. Vielleicht komme ich demnächst hoch ans Meer und lasse mir den Wind um die Nase wehen.

Liebe Grüße

Henny

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Briefe an Henriette (1)

Liebste Henriette,
nun hockst Du schon einige Zeit auf der Insel, deren erste Silbe meinen Namen trägt, und erst jetzt bekomme ich das erste Lebenszeichen von Dir. So ist es wohl, wenn man von seinem Ex davongelaufen ist. Da bekommt das Leben einen anderen Gang. Dir sei langweilig, schreibst du und ich soll dir ein paar spannende Bücher empfehlen. Dass ich überwiegend Krimis lese, ist Dir ja bekannt und so werden es nur Bücher aus diesem Genre sein.
Mail, Facebook und Twitter kontrolliert er, sagst du, gut werden wir uns also über den guten alten Brief verständigen. So bekommt der tägliche Gang zum Briefkasten für Dich auch etwas Prickelndes.

Ich hoffe, es stört Dich nicht, wenn ich Dir heute nur Krimis von Männern vorstelle. Auch wenn Du zurzeit keinen dieser Spezies sehen willst, lesen kannst Du ihre Krimis allemal.
Den Autor des ersten Krimis kennt die Öffentlichkeit nicht, weil er unter Pseudonym schreibt. Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass sich zwei Journalisten dahinter verbergen. Vorerst sprechen wir von Max Landorff, der den „Regler“ geschrieben hat und mittlerweile auf den Bestsellerlisten weit nach vorn gerückt ist.
Der Regler hilft Menschen in Not, die es sich leisten können. Er übernimmt unliebsame Aufträge und ebnet ihnen den Weg in ein unbeschwertes Leben. Ich höre Dich schon meutern, dass das nicht Deine Welt ist. Nein, dies hat nicht das Revoluzzerhafte, Aufrührende, das Du immer in Büchern suchst. Aber wenn ich Deinen Alltag ansehe, agierst Du auch nicht gerade aus dem Hinterhalt. Und wir werden alle ruhig. Leider.
Vielleicht erinnerst Du dich an den Krimi “Sorry” von Zoran Drvenkar, der mit einer ähnlichen Idee aufgewartet hatte. Du weißt schon, sie schien uns etwas verquer, eine Truppe Jugendlicher bot in einer Dienstleistung an, sich für andere zu entschuldigen. Das mit dem Regeln kommt natürlich viel besser. Es bietet ja viel mehr Möglichkeiten, wenn Du nur mal an Deinen Fall denkst. Leider überzeugt die Auswahl der Fälle in ihrer Originalität keineswegs. In der Mitte verliert der Krimi sogar an Kraft. Wären da nicht die populärwissenschaftlichen Erklärungen, die ein bisschen Neues boten, hätte ich ans Aufhören gedacht. Zum Ende erscheint das Ganze dann auch verquer, weil die Schwere der Tat und das Täterprofil nicht so recht zusammenpassen. Der perfideste Thriller des Jahres, wie es der Klappentext verspricht, ist er nicht, aber auch nicht der schlechteste. Mach Dir ein Bild.

Wie ins volle Polizistenleben gegriffen, erscheint dagegen der neue Roman von Norbert Horst „Splitter im Auge“. Sein neuer Protagonist Thomas Steiger, in den Augen der anderen Kollegen der abgewrackteste Bulle im ganzen Revier, raucht Shit, besucht Spielcasinos und fühlt sich bei einer Prostituierten wohl. Erkläre mir, warum der Autoren liebste Ermittler so gern die Nähe zu Huren suchen? (Ani, Wagner, Horst) Sind ihnen Ehefrauen zu spießig, zu weltfremd, oder meinen sie, dass Männer sich dann wohlfühlen, wenn durch geteilte Freude doppelte Freude aufkommt? Welche Krimiautorin würde ihre Kommissarin ständig zu einem Callboy rennen lassen? Profillos und langweilig wäre das.
Gegen die Horst’sche Polizistenwelt kann man so gar nichts einwenden. Der Autor weiß es besser, er arbeitet nämlich im Polizeidienst. Ein Revier wie ein Bienenstock, in dem ein Bulle sich zu Hause und zugleich fremd fühlt. Erinnert an Dominik Graf mit seinem Münchner Polizeiruf und an die Serie „KDD“. Letztendlich ist kriminalistische Arbeit dann erfolgreich, wenn Erfahrung und Intuition zusammentreffen. Wenigstens im Krimi erscheinen die Hartnäckigen als die Erfolgreichen, in unserem rastlosen Leben bleibt für diese Tugend keine Zeit mehr. Na ja, anders würde auch kein Krimi funktionieren. Und was sich Männer mühsam erarbeiten müssen, wie im richtigen Moment die richtigen Zeichen zu lesen, ist uns Frauen ja angeboren. Leider wollen wir lange nicht glauben, was wir sehen. So bleiben wir das Kaninchen vor der Schlange.
Ob so oder so, letztendlich fährt ein Krimi auch immer auf der gleichen Schiene. Finde den Mörder. Die Geschichte mit den zwei Brüdern, die von sich nicht lassen können, fand ich jenseits aller Serienmörderei originell begründet, mit dem kleinen Minus, dass mir die tragende Figur zu fremdbestimmt erschien.

Noch konventioneller kommt Jussi Adler-Olsen mit „Erlösung“ daher. Es ist sein bester Krimi und deshalb habe ich meinen Frieden mit ihm gemacht. Sein erstes Buch erweckte in mir zu sehr den Eindruck eines Cody McFadyen Verschnitts, sein zweites war zu unspektakulär, vom jetzigen kann man sich, ohne viel nachzudenken, tragen lassen. Es hat mich beeindruckt, wie der Autor aus einer mickrigen Flaschenpost einen Fall entwickelt, wie sein Täter durch einen starken biographischen Hintergrund eine nachvollziehbare Motivation bekommt und wie seine Ermittler skurril wie eh und je durch die Handlung ziehen.

Das letzte Buch, das ich Dir ans Herz legen möchte, ist Bernd Aichners neuer Max Broll-Krimi “Für immer tot”.
Kein Krimi für die Verschlinger, sondern für die Genießer. Und schon komme ich ins Schwärmen. Aichner kann wunderbar schreiben, wunderbare Dialoge, wunderbare Übergänge, ein ganz und gar rundes Buch. Was sogar äußerlich an den abgerundeten Seitenecken zu sehen ist.
Aber zum Inhalt. Die Schwiegermutter von Max Broll liegt in einer Kiste, die irgendwo im Wald vergraben wurde. Das stärkste und einzige Motiv hat ein Mann, der schon seit achtzehn Jahren hinter Gittern sitzt. Keiner der Agierenden glaubt, dass dieser Mann mit der Entführung etwas zu tun haben kann. Nur Broll ergreift den Strohhalm und macht sich mit seinem Freund Baroni auf den Weg ins Gefängnis, um den Häftling zu besuchen und ihm ein Geständnis abzupressen. Und bevor die nächsten Wendungen passieren, denkst du immer, dass das so nicht eintreten wird, dass sie sich verrennen und ehe du dich versiehst, bist du mittendrin in den wahnwitzigen Aktionen der beiden Freunde. Überhaupt noch nie so ein phantastisches Übergleiten gesehen. Vielleicht sind auch die Kerle einfach zu sympathisch, leidende Männer erwecken ja immer unser Mitgefühl.
Oh, das hätte ich wohl nicht sagen sollen.
Na irgendwann musst Du auch mal ins normale Leben zurück. Bis dahin kannst du am Fiktionalen deinen Scharfsinn stärken.

Liebe Grüße
Henny

Hier noch mal alle Bücher in der Ansicht und wenn Du meinen Brief im Internet lesen würdest, könntest Du sie gleich bestellen.

Krimiwettbewerb à la Bachmann?

Über sieben Brücken mußt du gehen…
Die Bachmanntage sind lange vorbei, und sie spuken immer noch in meinem Kopf. Während AutorInnen, die dabei waren und sicher die, die gerne dabei gewesen wären, strahlen, lamentieren oder abwinken, dabeigewesene KritikerInnen längst an den nächsten Verrissen arbeiten, bin ich an meinem Schreibtisch zwar nicht mehr im Bachmannfieber, aber immer noch beim Lesen der AutorInnenbeiträge und dem Verfolgen der Diskussionen auf der Bachmannseite.
Ich lese die Texte der Teilnehmer, vergleiche und staune, über Vielfalt und Einfälle, höre die Kritiken in den Videos, schaue in die eifernden Gesichter und denke, dass es wunderbar wäre, würde sich jemand finden, der sich so intensiv der neueren Kriminalliteratur annähme. Wer ermuntert hierzulande junge KrimiautorInnen, anspruchsvolle und originelle Texte vorzulegen?
Dass es ein Defizit gibt, wird nicht nur an den auf den Markt geschwemmten Krimis sichtbar, sondern auch an den zu vergebenen Krimipreisen. Ich wage die Behauptung, dass Preise, die den schriftstellerischen Kriminachwuchs herausfordern, sich mit ungewöhnlichen Texten zu präsentieren, praktisch nicht existieren.
Ich denke, es müssten Nachwuchspreise ausgeschrieben werden, bei denen die PreisträgerInnen nicht nur richtig viel Kohle mit nach Hause nehmen können, sondern auch besondere Qualitätsmaßstäbe gesetzt werden. Wie es beim Bachmannwettbewerb der Fall ist.
Warum? Weil damit vielleicht der Kriminalliteratur ein innovativer Schub verpasst werden könnte. Weil man DebütantInnen signalisiert, dass unkonventionelle Werke gewünscht sind. Weil Krimiliebhaber in Veranstaltungen erleben können, wie über Krimiliteratur gestritten werden kann; über die Verschiedenheit der Handschriften, über ungewöhnliche oder trendige Themen, über Stile und Formwillen der Teilnehmer.
Nun könnte man meinen, Krimis eignen sich nicht für diese Art von Wettbewerb. Man müsse einen Krimi im Ganzen werten und nicht irgendwelchen stilistischen Raffinessen hinterherlaufen. Aber ehrlich, Krimileser und Kritiker wissen schon nach fünfzig Seiten, ob etwas in einem Buch steckt.

Groß ist die Literatur nämlich nicht, weil sie dieses oder jenes Thema aufgreift, sondern weil ihr in ihrem sprachlichen Ausdruck ein Moment der Intensität, der Überraschung, der Verfremdung oder der Schönheit gelingt. (Der beste Leser)

So ein öffentliches Textfleddern brauchen wir nicht, werden einige sagen. Aber was nehmen wir denn von den Krimipreisverleihungen an Anregungen mit?
In Deutschland existieren für das Krimigenre zwei bedeutende Preisverleihungen; die jährliche Verleihung der Friedrich-Glauser-Preise von der Autorenvereinigung Syndikat initiiert und die Verleihung des Deutschen Krimipreises. Die Preisentscheidungen, die von der Autorenjury des Syndikats gefällt werden, sehen ziemlich glattgebügelt aus und erwecken den Eindruck, dass man sich an der Zuschauergunst orientiert. Den Ehrenglauserpreis einmal außen vorgelassen. Der undotierte Deutsche Krimipreis wirkt wie ein Anhängsel der KrimiZeit-Bestenliste.
Der Radio Bremen Krimipreis geht abwechselnd an deutsche und internationale AutorInnen und wird eher an gestandene KrimiautorInnen verliehen. Einige Kurzkrimipreise ( Kärtner-, Krefelder Krimipreis) werden auf regionaler Ebene ausgeschrieben und auch so gewertet. Der Agatha-Christie-Preis als der Literaturpreis für unveröffentlichte Kriminalkurzgeschichten bietet unbekannten Autoren ein Terrain, läuft aber leider ohne öffentliche Diskussion ab.
Warum man den Marlowe-Literaturpreis für Kriminalliteratur, der zwischen 1992 und 2002 von der Raymond-Chandler-Gesellschaft verliehen wurde, abschaffte, weiß ich nicht. Eine Bereicherung wäre er schon.
Letztendlich nützt es nichts, über die Qualität der Kriminalliteratur zu klagen, wenn der Markt und die Marktteilnehmer andere Prioritäten setzen. Wenn regionale und gleichartige Schemata bedienende Psychokrimis nachgefragt werden, wird die Nachfrage auf Biegen und Brechen bedient und umgekehrt von den Verlagen forciert. So wird DebütantInnen der regionale Bezug vorgeschrieben oder werden Krimis mit mehreren Erzählperspektiven als zu schwierig für die Zielgruppe abgelehnt.

Mit dem so genannten Regionalkrimi nämlich scheint die deutsche Kriminalliteratur endlich zu sich selbst gefunden zu haben. (In jeder deutschen Stadt wird gemordet. In jeder?)

Wenn Nele Neuhaus im Fernsehen berichtet, dass ihr erst der Durchbruch mit der regionalen Einbindung ihrer Krimis gelang, wundert es niemanden, dass ein großer Verlag sie unter seine Fittiche nimmt und weiter auf diese Erfolgsschiene baut. Bestseller müssen das Geld für das Verlegen von „großer Literatur“ einspielen.
Manchmal denke ich, dass heute ein Friedrich Ani als Neueinsteiger auf wenig Gegenliebe bei großen Verlagen stoßen würde. Und wenn ich über interessante KriminalautorInnen nachsinne, fallen mir immer wieder die gleichen Namen ein: Ani, Steinfest, Hochgatterer, Wagner. Sicher habe ich nicht den großen Überblick, aber ein sehr andersartiger Krimi würde in den Medien nicht unerwähnt bleiben.

Frauen, traut euch. Versucht doch nicht dauernd zu gefallen. Runter von der Bremse, rauf aufs Gas, probiert euch aus, sucht nach euren Stärken, sagt, was ihr wirklich sagen wollt und hört auf mit dem Scheiß, von dem ihr denkt, er würde von euch erwartet. (Zoë Beck über die Frauenfrage)

Und so hilft Zoe Becks hilfloser Appell an die Krimiautorinnen auch nicht viel weiter.
Es gibt keinen Grund. Keinen über den eigenen Anspruch hinaus.

Henny Hidden

Blogsommerpause

Eigentlich hatte ich vor, mit Rabea Edels Roman “Ein dunkler Moment” meine Besprechungen abzuschließen. Da ich aber diesem Buch außer wohlgeformten Sätzen nichts abgewinnen kann, lasse ich es. Ich werde eine Blogpause einlegen und überlegen, wie es weitergehen soll.
Nur eines ist klar: Ich werde keine Rezensionen mehr schreiben.
Ich werde nach anderen Formen suchen und mich weiter mit spannender Kriminalliteratur auseinanderzusetzen.

Bis die Tage

Henny Hidden

Rezension: Dominique Manotti –”Roter Glamour”


ISBN: 9783867541923
Originaltitel: Nos fantastiques années fric.
Übersetzt von Andrea Stephani
‘Ariadne’ Argument- Verlag GmbH
März 2011 – 245 Seiten

Wenn beim Lesen eines Kriminalromans wie Dominique Manottis „Roter Glamour“ das Gefühl aufkommt, die Handlung sei wie aus dem Leben gegriffen, dann stellt man sich wieder mal die Frage, warum es so ist, dass Menschen Menschen verachten.
Warum erwarten wir gerade von Krimiautoren Antworten, die wir uns schon längst gegeben haben? Ist es nicht so, dass wir im Grunde genommen nur eine Bestätigung unserer Gesinnung erwarten? Sicher sind wir nie abgeneigt, neue Zusammenhänge zu erkennen, neue Einsichten aufzunehmen, aber mehr denn je suchen wir in politischen Romanen eine Aufpolsterung unserer moralischen Entrüstung, um unseren resignativen Grundton zu nähren.
Den die Autorin durchaus mit uns teilt.

„Ich habe eine „schwarze“(noir) Sicht auf die Dinge, weil ich glaube, dass meine Generation die sozialen Veränderungen, von denen ich träumte, nicht mehr erleben wird.“(Manotti)

Nun erleben wir im Fiktionalen auch immer eine Zuspitzung oder Biegung realer Verhältnisse, Stilmittel von AutorInnen, um ihre Sichtweise zu verdeutlichen.
Zwei ganz unterschiedliche Lebenswelten bekommen wir zum Beispiel in „Kap der Finsternis“ von Roger Smith und in „Roter Glamour“ von Dominique Manotti präsentiert. Und die gegenseitige Verachtung der Menschen wird über alle Gesellschaftsschichten thematisiert und in seiner ganzen Härte dargeboten.
Während bei den unteren Schichten aggressives Verhalten aus ihrer verzweifelten Lage zu erklären versucht wird, aus verrotteten und verwahrlosten Familienverhältnissen, aus Vernachlässigung in der Kindheit, aus Lebensverhältnissen, die keinen Blick mehr für die Bedürfnisse des anderen zulassen, wird die Brutalität, mit der bei den oberen Zehntausend vorgegangen wird, in anerzogenem Dünkel und Elitebewußtsein begründet.
In Dominique Manottis Krimi bewegen wir uns in den achtziger Jahren, als in Frankreich die Sozialisten an der Macht waren. Alles dreht sich um die Figur Francois Bornand, der ganz oben mitspielt, an der Seite von Mitterand als Berater und Chef einer Polizeigruppe fungiert, die für besondere Einsätze, wie zum Beispiel der Befreiung französischer Geiseln im Libanon, vorgehalten wird. Nebenbei organisiert Bornand, nicht ganz uneigennützig, ein Waffenlieferungsgeschäft mit dem Iran, Handel mit einem Land, das von einem Embargo belegt war. Beim Absturz des Flugzeugs, das diese Waffen an Bord hatte, droht diesem Ehrenmann die Demaskierung, und er setzt alle Hebel in Bewegung, um aus der Affäre sauber herauszukommen.
Eine junge Frau wird tot aufgefunden, weil sie Kontakte zu einem Journalisten, der den Deal publik machen wollte, pflegte und deshalb eingeschüchtert werden sollte. Aber auch andere einflussreichere Personen werden erpresst, bestochen, ermordet, gerade so wie es hineinpasst.
In anderen Krimis wird uns häufig das Leben ganz unten als stressig und gewalttätig vorgeführt, in diesem erleben wir, dass die Akteure ganz oben auch ständig dabei sein müssen, ihre Position zu halten, zu verbessern und mit Kapital zu unterfüttern. Den enormen Druck, der existiert, auszuhalten, geschieht nur unter Beschädigung der eigenen Persönlichkeit. Dass Menschen draufgehen, wird in Kauf genommen, und hat man diese Vorgehensweise einmal akzeptiert, verschwindet nach und nach jeglicher ethischer Maßstab, selbst die schöne Tochter wird ins Bett gezogen.
Die Gier nach Macht, die in den Menschen wie ein Urtrieb zu stecken scheint, präsentiert sich fortgesetzt als das aus dem Felde schlagen von Konkurrenten mit allen Mitteln. Die Frage, ob die, die den Weg nach oben schaffen, besonders charakterlose Menschen sind oder ob in der Oberschicht nur gewissenlose Schurken herangezogen werden, ist da schon nebensächlich.
Macht, die, wie man sagt, auch von Einsamkeit geprägt ist, weil mit dem Misstrauen die Freundschaft schwindet, tötet emotionale Beziehungen, die dann anderswo und sei es wie bei Bornand die Liebe zu den Rennpferden kompensiert werden.
Und noch etwas scheint bei mächtigen Männern zusammenzugehören, Macht versteht sich auch als Macht über dienstbereite und dienstfähige Menschen, käuflicher Sex eingeschlossen. Das Selbstverständnis, dass man sich vom weiblichen Teil der Menschen alles nehmen kann, was man begehrt, trägt sich durch die Jahrhunderte und durch die Kulturen.

„Die Frauen im meinem Leben waren immer nur das Territorium, auf dem ich Männern begegnet bin, Männer, mit denen ich Frieden geschlossen oder Krieg geführt habe, Männer, die ich geliebt oder bekämpft habe, was, so denkt er in seinem Dämmerzustand, letztlich dasselbe ist“,

lässt die Autorin Bornand am Ende des Buches sagen und muss uns mehr Verachtung begegnen, um zu verstehen.
Es erstaunt, wie eindrucksvoll uns Dominique Manotti diese Lebenswelt mit seinen Verbindungen und Einflusssphären nahezubringen versteht, detailgetreu und glaubhaft realistisch, sodass sich ein Strauß-Kahn mit seinem Gebaren mühelos in die Szenerie eingliedern ließe.   

Henny Hidden

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