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ISBN: 9783442752386
Originaltitel: Close-up. Übersetzt von Stefanie Schäfer
Btb Verlag
Mai 2010 – 416 Seiten

Manchmal kann die Vorstellung, dass KrimiautorInnen, die schon mehrere Krimipreise gewannen, auch gute Krimis schreiben können, schon sehr ins Wanken geraten. Die niederländische Autorin Esther Verhoef wurde schon mit vielen Preisen ausgezeichnet. Für ihren Krimi „Hingabe“ bekam sie den niederländischen Thrillerpreis. Algemeen Dagblad bezeichnet ihr Buch als den „besten Frauenthriller seit Jahren“ und vrouwenthrillers.nl sogar als den „besten Frauenthriller aller Zeiten!“
Wenn Sie jetzt die Neugierde treibt und Sie erfahren wollen, wie man es schafft, einen Psychothriller zu schreiben, der diese Elogen auslösen kann, dann folgen Sie den fünf Punkten.
Punkt 1
Thriller leben von der Angst der Frauen.
Die größten Chancen ein Bestseller zu werden, besitzt ein Krimi, der die Opferrolle seiner Protagonistin bis zur letzten Seite wahrt. Je langsamer man das bis zum Tode Fürchten der Heldin zu steigern vermag, umso größer der Gruseleffekt.
Amerikanische Wissenschaftler wollen herausgefunden haben, dass Frauen Krimis lesen, um zu erfahren, wie sie in Notsituationen überleben können. Mit dieser hehren Zielstellung im Blick, sollte man Notsituationen so gestalten, dass eine Leserin in genügendem Maße erfährt, welchen Möglichkeiten des Quälens, Peinigens und Massakrierens ihr im wirklichen Leben offenstehen. Kopfschütteln könnte man schon über ein weiteres Ergebnis der Studie, in dem die Forscher herausgefunden haben wollen, dass die Furcht der Frauen umso größer wird, je mehr Krimis sie lesen. Diesen Umstand sollten KrimiautorInnen bei ihrer Konzipierung unbedingt berücksichtigen. Eine Protagonistin im Laufe der Handlung zu Tode kommen zu lassen, käme einem sträflichen Harakiri gleich, der abrupte Abbruch würde nicht nur der Einfühlung entgegenwirken, sondern würde die Leserin in einen ausweglosen Konflikt stürzen. Nebenbei wäre auch der Bildungsauftrag ade.
Will man den Gruseleffekt steigern, wähle man besser eine Frau, die sich in der Umgebung der Protagonistin aufhält oder die schon vor dem Auftreten der Heldin zu Tode kommt.
Und ehrlich, man könnte auch diese ganzen amerikanischen Schlüsse gleich über den Jordan werfen.
Aber wenden wir uns Esther Verhoefs Protagonistin zu. Sie heißt Margot Heijne, ist eine Frau Anfang dreißig ist, hat rote Haare und etwas zuviel Pfunde auf den Hüften, was ihr Selbstbewusstsein arg beutelt. Gerade hat sie ihren Ehemann verlassen, der sie mit einer anderen Frau betrog, weswegen sie sich in einem emotionalen Tief befindet und nach London fliegt, um ein paar Tage auszuspannen.
Punkt 2
Die Wahrnehmung stören.
Vergessen sie den Serienmörder, der hinter der Häuserecke lauert, weil er seine Triebe nicht unter Kontrolle halten kann. Ein Psychothriller gelingt umso wirkungsvoller, wenn er darauf bedacht ist, das gewohnte Umfeld der Heldin ins Wanken zu bringen.
Margot Heijne fühlt sich gleich von zwei Seiten resp. zwei Männern verunsichert. Ihr Ex- Mann kann nicht von ihr lassen und drängt auf ein heiliges Terrain vor. Er besucht ihre Familie, die ihm große Sympathien entgegenbringt, und sie fühlt sich fortan von ihren Eltern genötigt.
Der neue Mann hingegen, den Margot im Urlaub kennenlernte, erscheint von Anfang an geheimnisvoll. Diese positive Verunsicherung lieben Frauen. Margot erkennt in ihm schnell den Mann ihrer Träume, und wie er geschildert wird, ist er geeignet, in den Träumen aller Leserinnen herumzugeistern. Ein kantiges Gesicht mit einer ausgeprägten Kinnpartie, dunkle Augen, schöne Stimme, ein begehrenswerter Mann, der dazu noch einen Beruf ausübt, der an Exklusivität nicht zu übertreffen ist. Er ist ein Fotograf, der zur Weltspitze seines Fachs gehört, seine Fotos sind gefragt, dass er materiell sorgenlos seine neue Bekannte in teure Restaurants und Hotels einladen kann.
Punkt 3
Sex and Crime.
Männer und Frauen lieben Sex. Was gäbe man für einen Thriller, wo einem der Schauder über den Rücken läuft und es gleichzeitig zwischen den Beinen kribbelt? Ein nicht verachtenswerter zweifacher Lustgewinn. Und gehört nicht zum Ausleben von Leidenschaft die gewaltsame Inbesitznahme des geliebten Menschen? Wenn wir uns schon im richtigen Leben mit dem Phantasielosen begnügen müssen, wollen wir zumindest in Gedanken das Exzessive ausleben.
Der schöne Freund der Protagonistin besitzt natürlich seine dunklen Seiten. Seine bizarren Sexspiele werden von der Autorin angedeutet, wie gewaltsam sie enden, wird folgerichtig der Phantasie des Lesers überlassen. Das weckt nicht nur seine Neugier, es erspart ihm auch widerliche Details, was wiederum dazu dient, die Sympathie der Figur bis zum Ende offen zu halten.
Punkt 4
Ein Mord darf nicht fehlen.
Ein Psychothriller vermag gut ohne grausame Mordszenarien auszukommen. Wenn man sich doch entschließt, sie in den Handlungsverlauf einzubinden, will man die Gefährlichkeit des Bösen unterstrichen.
Problematisch kann es werden, wenn man sich einer zu stereotypen Figurenzeichnung bedient, sodass, wie im vorkommenden Buch, Zweifel am Motiv des Mordes und an der Reaktion des Opfers entstehen.
Punkt 5
Die unerwartete Wendung.
Für manche KrimiautorInnen scheint die Güte eines Thrillers von der Anzahl der unerwarteten Wendungen abzuhängen.
Der Auffassung hängt Esther Verhoef erfreulicherweise nicht an, dennoch kommt sie gegen Ende ihres Buches ohne die jähe Drehung nicht aus. Und wieder eine Schablone mehr, die den geschulten Leser ohnehin nicht sonderlich zu beeindrucken vermag.
Zusammengefasst:
Ich habe mich nicht nur über die Klischees geärgert, die sich in diesem Frauenthriller aneinanderreihen, sondern in erster Linie über das Frauenbild, welches hier so hingebungsvoll gepflegt wurde. Um nicht missverstanden zu werden, auch männliche Autoren wollen von diesen Thrillermustern nicht lassen. Thriller mit weiblichen Protagonisten in der Opferrolle scheinen geradezu geeignet, die Bestsellerlisten zu stürmen. Jede Variante, jede Wiederkehr ist willkommen und wird begeistert aufgenommen.
Fazit:
So nehme ich mir vor, auch einen Frauenpsychothriller zu schreiben. Ich will auch einen Krimipreis gewinnen. Den Deutschen, versteht sich.

Henny Hidden

(Ich danke dem btb Verlag für die Zusendung eines Rezensionsexemplares)

Grotesk
ISBN: 9783442301300
Originaltitel: Grotesque.
Übersetzt von Rainer Schmidt
Goldmann Wilhelm
Mai 2010 – 640 Seiten

Natsuo Kirinos Radikalität ist bestürzend.
Dabei beginnt ihr Krimi noch ganz erträglich. Eine neununddreißigjährige Erzählerin blickt auf ihre Kindheit und Jugend zurück, erinnert sich an die wichtigsten Personen, die sie in ihrem Denken und Verhalten beeinflussten.
Nicht nur die Anwesenheit ihrer Schwester Yuriko provozierte sie nachhaltig, auch die Haltung ihrer Mitschülerinnen Kazue Sato und Mitsuru forderte sie heraus. Die Annäherung ist nach den vielen vergangenen Jahren ein Erinnern an Verletzungen. Gefühle keimen auf, die nicht mit einem Satz abgetan werden können. Kirino erzählt ausschweifend, wuchernd, umkreisend, nebensächlich, umständlich, als ob sich die Hauptfigur beständig ihrer richtigen Darstellung und Schlussfolgerung vergewissern will.
Das fordert die Aufmerksamkeit des Lesers, der sich ohnehin ab und an mal zurücklehnt und die Augen schließen muss. Auf der Suche nach Orientierung versucht er sich dieses dicken, gewaltigen Wortfleisches zu entledigen, und wenn er da ist, wo sich ein Knochengerüst aus geordneten Wahrheiten herausschält, wünscht er sich, das Buch nie gelesen zu haben.
Nichts geschieht ohne Grund, und Kirino ist keine Autorin, die trügerische Idyllen malt.
Ihre Erzählerin, von Hass und Missgunst zerfressen, lässt ihre Welt auch daran teilhaben. Wie sollte man aufwachsen neben einer Schwester, so schön wie das Schneewittchen im Märchen „die Haut so weiß wie Schnee, die Lippen so rot wie Blut, und die Haare so schwarz wie Ebenholz“? Deren Schönheit sie als monströs bezeichnet, weil die Leute mit offenen Mündern stehenbleiben, um die Außergewöhnliche zu betrachten, weil sich Schüler um sie als Schwester drängeln, um einen Abglanz der Wunderbaren zu erhaschen. Welche Möglichkeiten besitzt man als Mädchen, aus dem Schatten dieser Schwester herauszutreten?
Da uns nur Körper und Geist gegeben sind, lässt nur noch eine herausragende Intelligenz eine Gleichwertigkeit zu.
Sie tritt in eine Eliteschule ein, der begabten Schülern den Weg in die Universität ebnen soll. Die Q-Schule, von der alle mit Ehrfurcht reden, beruft sich zwar auf die Stärkung der Prinzipien wie Unabhängigkeit, Selbstvertrauen und Selbstachtung, aber im täglichen Leben regieren andere Maßstäbe. Die Normen werden von SchülerInnen reicher Eltern gesetzt und diese orientieren sich an materiellen Statussymbolen. Und so stehen nicht die besten Schüler ganz oben in der Rangordnung, sondern die Schönen und die Reichen.
Kein Wunder, dass Schwester Yuriko eine Ausnahmestellung einnimmt. Sie schafft es, nicht nur mit ihrer mäßigen Intelligenz auf die Schule zu gelangen, sondern einen Lehrer, der bei seinen Schülern nichts mehr als rationales und kreatives Denken schätzt, mit ihren körperlichen Vorzügen zu betören. Verzweifelt versuchen die Außenseiterinnen, die aufgrund ihrer Intelligenz diese Schule besuchen, in den inneren Machtzirkel zu gelangen. Und manchen gelingt es nur durch Selbsttäuschung die Diskriminierungen zu überstehen.
Kirino zeigt hier anschaulich das Konfliktfeld unserer Leistungsgesellschaft.
Es sind die Werte Leistung, Fleiß, Disziplin, auf die eine Arbeitsgesellschaft beruht. Die den Menschen nicht nur die Möglichkeit gibt, Anteil zu nehmen, sondern auch durch besondere (intelligente) Leistung, eine Stufe höher zu gelangen. Erodieren diese Werte, gerät das gesellschaftliche Zusammenleben ins Rutschen.
Schöne Menschen haben es leichter, so der allgemeine Tenor, und schöne Frauen können sich leicht nach oben schlafen. Schaffen überhaupt Frauen, die nichts außer Schönheit oder Klugheit besitzen, den Weg nach oben?
Um es mit Kirino zu beantworten: Nein. Beide Frauen, mit der einen oder anderen Eigenschaft ausgestattet, landen in der Gosse, und beide werden von demselben Freier ermordet.
Die schöne Yuriko verliert, weil sie weiß, dass sie außer ihrer Schönheit nichts zu bieten hat und sich auch so verhält. Sie versteht es nicht, ihren Vorteil effektiv auszubeuten, kein Quäntchen List und Tücke, das ihr in den Sinn kommt. Leichtfertig gibt sie sich denen hin, die für das Begehren schöner Frauen bereit sind, ihren Preis zu zahlen. Den Sinn ihres Lebens beschränkt sie darauf, männliche Nähe zu spüren, die ihr das Gefühl gibt, zu leben. Folgerichtig findet sich ihr erster Zuhälter schon an der Schule, der Schönhaut als Wettbewerbsvorteil erkennt und vermarktet. Da das Schönheitskapital einer Prostituierten altersbedingt an Wert verliert, endet sie konsequent auf dem Straßenstrich.
Der Weg nach oben ist verbaut, nach unten grenzenlos, resümiert einmal treffend Yurikos Schwester.
Kazue Sato, die schon in der Schule durch anstrengendes Lernen brillieren wollte, schafft es in einem großen Unternehmen immerhin bis zur stellvertretenden Büroleiterin. Ein guter Posten möchte man meinen, dennoch geht die Karriere durch ein festgefügtes Netzwerk nicht weiter und auch die erreichte Position wird durch eine männerzentrierte Leitungsebene untergraben. Der Anspruch, durch Intelligenz Macht und Ansehen in einer Gesellschaft zu erreichen, so erkennt sie desillusioniert, bleibt unerfüllbar.
Wo existiert der Raum, wo ich mich als Mensch frei fühlen kann? Sie glaubt, ihn in der Prostitution zu finden. Nicht fremdbestimmt agieren zu müssen, sich spüren zu können, für kurze Zeit frei zu sein, diese Glücksmomente definiert sie über Männerbeziehungen. Männer, die sich ihr im Akt unterwerfen. So begreift sie ihr Tun als eine Art von Rache, weil es ihr ermöglicht, die, die sie im normalen Leben beherrschen, in ihrer unbeherrschten Natur erleben zu können.
Dass Kirinos Romane keinen Hochglanzprospekten ähneln, haben wir schon in der „Umarmung des Todes“ erfahren, wir finden in ihr eine Autorin, die den ausgestoßenen Menschen in der japanischen Gesellschaft thematisiert. Kein Sumpf scheint ihr tief genug, kein Dreck zu abstoßend, um ihren düsteren Bildern jene Drastik zu verleihen, die nötig ist, Menschenunwürdiges in der so gepriesenen Wettbewerbsgesellschaft anzuprangern. Geradezu exemplarisch verdeutlicht sie, wie Menschen, mit den besten Eigenschaften ausgestattet, an den besten Schulen des Landes ausgebildet, an einem verkalkten System zerbrechen. Und da enden, wo selbst Würde, der Wert, den ein Mensch zuletzt bereit ist, herzugeben, nicht mehr existiert.
„Wir haben uns von einer Illusion das Herz aus dem Leib reißen lassen.“
Die große Kunst eines Autors erkennt man auch an seinem Vermögen, gesellschaftliche Hemmnisse mit individuellen Eigenarten so zu verkoppeln, so dass sich der Eindruck aufzwingt, es gäbe eine Menge an Wahlmöglichkeiten und persönliches Unvermögen bestimme letztendlich den Werdegang der Protagonisten.
Nicht von ungefähr wurde aus der boshaften Schwester und Icherzählerin eine kleine Verwaltungsangestellte, angepasst und unbefriedigt und niemals die Nähe eines anderen Menschen zulassend, die sich auch darin gefällt, nicht mehr vom Leben gewollt zu haben. Rauschhaftes, Exzessives, Verzückendes hat sie nie gespürt.
Kirinos Roman – erschreckend, berauschend und beschämend zugleich.
Deshalb gehört Natsuo Kirino für mich zu den besten Krimiautorinnen der Welt. Da komme, wer will.

Henny Hidden

nibelungen

ISBN: 9783937782973
Kommissarin Mettenheimer ermittelt auf offener Bühne.
Leinpfad Verlag
März 2010 – 256 Seiten

Inhaltsangabe:
Ausgerechnet im schönen rheinhessischen Sommer wird die idyllische Region von einer Serie ungeklärter Todesfälle erschüttert: Vier Winzer sterben unter mysteriösen Umständen, und das Gerücht vom „Winzerfluch“ verbreitet sich blitzschnell zwischen Worms und Mainz. Als dann auch noch ein prominenter Schauspieler auf offener Bühne bei den Nibelungen-Festspielen tot zusammenbricht, wird die Kriminalpolizei in Worms mächtig unter Druck gesetzt.
Um ihren fünften Fall zu lösen, schlüpft Anne Mettenheimer, Kommissarin bei der Kripo in Worms, in eine ungewohnte Rolle und ermittelt undercover. Dabei lernt sie eine aufregende neue Freundin kennen. Und ihrem Chef, dem Hauptkommissar Norbert Olmer, geht dieser Fall – auch im wörtlichen Sinne! – richtig zu Herzen …
Gelingt es dem Team von Wormser K1, die Absage der Nibelungen-Festspiele zu verhindern, oder muss das kulturelle Highlight einer ganzen Region ausfallen?

Rezension: Antje Fries – „Nibelungen-Tod“
Liegt es an der freundlichen Seelenlage der Bewohner des rheinhessischen Landstrichs oder an dem sonnigen Gemüt der Autorin, dass sich bei mir ein mörderisch- gruseliges Gefühl beim Lesen des Krimis „Nibelungen-Tod“ nicht einstellen wollte? In der so mit dem positiven Grundton unterlegten Handlung werden Untiefen umschifft und der Kurs geht in Richtung Seichtgewässer.
Die ermittelnden Kommissare fleißig, fleißig, fleißig, die Mordmethode sehr originell und faszinierend, leider durch die Beschränkung des Personenkreises bald enträtselt und der Täter ein Sympathiebündel. Wem sollte man da noch so richtig böse sein?
Nicht mal der Autorin.

Henny Hidden

timms
ISBN: 9783941970021
‘Edition BitterBöse’.
Via Terra Verlag
März 2010 – 347 Seiten

Inhaltsangabe:
Ein kleiner Junge wird tot aus der Nidda geborgen. Ein halbes Jahr nach dem Mord an dem siebenjährigen Frederik ist der Täter noch immer nicht überführt. Kommissar Schweikert befürchtet weitere Kindermorde. Um den Ermittlungen neue Impulse zu geben sieht er sich wieder zu der Zusammenarbeit mit der Medienpsychologin Leonora Timms gezwungen. Und tatsächlich verschwinden zwei weitere Frankfurter Jungen. Sind sie Opfer desselben Täters? Und welche Rolle spielt das schreckliche Manuskript, das Timms zugestellt wird – und dessen Autor nicht nur von ihr und Schweikert verzweifelt gesucht wird? Mit Leonora Timms betritt eine erfrischend neue Ermittlerin die deutsche Krimi-Landschaft. Cornelia C. Ankens psychologisch fundierter Kriminalroman lässt den Leser tief in die Seele des Mörders blicken. Feinfühlig zeigt sie auf, dass es keine Frage des Alters ist, ein verlorenes Kind zu sein.

Rezension: Cornelia C. Anken – „Leonora Timms und die verlorenen Kinder“
Geheimnisvoll und merkwürdig kommt Cornelia C. Ankens Krimi „Leonora Timms und die verlorenen Kinder“ daher. Und ich verrate nicht zuviel, wenn ich behaupte, dass alles „Psycho“ ist.
Ein eigenwilliges Ermittlerpaar setzt neue Akzente, sie Medienpsychologin, er Kriminalkommissar, sie reiben sich aneinander, stoßen sich ab und ziehen sich wieder an. In welchem Fortsetzungskrimi sie wohl zueinander kommen, fragt man sich manches Mal und nicht nur das. Denn am Ende bleibt bei dieser gut inszenierten Handlung ein Achselzucken zurück. Beim Versuch, den Täter zu verstehen, blieb einiges unerklärbar, und ich dachte, dass sich wohl deshalb so viele AutorInnen an Kriminalromane wagen, weil man einer Täterfigur sein Geheimnis lassen kann. Psychopathen genügen auch so.
Ich kann mich aber auch irren.

Henny Hidden

Witwe2
ISBN: 9783941970014
‘Edition BitterBöse’.
Herausgegeben von Mechthild Zimmermann, Simone Jöst
Via Terra Verlag
Dezember 2009 – 333 Seiten

AutorInnen:
Cornelia Christina Anken: Rückblende
Bettina von Cossel: Rache auf Hausfrauenart
Daniela Dangl: Altweibersommer
Karen Ebs: Die Kornblumenfrau
Antje Fries: Unser täglich Brot
Mariam Gensdorff: Wirklich Witwe
Astriddella Giustina: Die Trockenpflaume
Gina Greifenstein: Zum Wohl, Liebling
Anne Grießer: Zweite Wahl
Jutta Herrmann: Das Haupt des Johannes
Susanne Hotttendorf: Der besondere Geburtstag
Daniela Jäger: Sinnestäuschung
Simone Jöst: Die Witwenmacherinnen
Swenja Karsten: Pudding für Friederun
Dietlind Kreber: Dreizehn
Helga Maurer: Das schwarze Kleid
Thomas Nomensen: Elsas Liste
Britt Reißmann: Das Schweigen der Hühner
Martha Ruso: Amanita pantherina – auf die Menge kommt es an
Regina Schleheck: Sternschnuppen
Elke Schwab: Der Unfall
Christine Sylvester: Und Fingernägel in Barbie- Pink
J. Monika Walter: Lila Nacht
Mechthild Zimmermann: Tödlicher Sonntag
Mila Zimmermann: Bis dass der Tod euch scheidet?

25 bitterböse Geschichten, von 23 weiblichen und 2 männlichen AutorInnen verfasst, beschert uns der Via Terra Verlag, und er wird mit ihnen vor allen Dingen krimilesende Frauen beglücken. Impliziert der Titel doch jenen Kern, den der pensionierte Münchner Mordermittler Josef Wilfing mit der Lebenserfahrung umfasst: „Frauen töten, um jemanden loszuwerden, Männer töten, um jemanden zu behalten.“
Jener Tatsachenbestand, der sich hier im Fiktionalen bündelt, wäre einiger feministischer Überlegungen wert, aber ein Krimiband, der sich auch der Unterhaltung verschreibt, vereint neben den düsteren Wahrheiten ebenso Darstellungen, in denen man den turbulente Freuden der Krimiautorinnen gewahr wird, wenn es galt, über möglichst originelle Methoden des Ablebens von Ehemännern nachzusinnen.
Wie wir wissen, ist die Bandbreite weiblicher Raffinesse groß, und die Spielarten der Hinterlist werden meist im Verborgenen ausgelebt. Ganz wie im richtigen Leben sind die Geschichten voll davon, wie Männer ihre Angetrauten in die zweite Reihe drängen, wissend über festgefügte Abhängigkeiten ignorieren sie nicht nur ihre Wünsche und Meinungen sondern verhöhnen und verspotten sie obendrein. Wie demütigend Frauen diese Situation erleben, kann man neben dem Unterhaltungswert dieser Kurzgeschichten auch eindringlich erfahren.
Einziger Ausweg, der ihnen bleibt: Mord.
Und ganz wie im richtigen Leben bevorzugen potentielle wie ungeübte Mörderinnen den Giftmord. Die Küche ist ihr Lebensreich. Immer wieder bieten sich die Pilzgerichte an, aber auch präparierte Kuchen, Soßen, Pralinen tragen den Duft des Todes in sich, manchmal bringt es auch ein einfacher Tabaksud. Als treu umsorgende Ehefrau versteht man es, Krankheiten wie Allergien, Asthmaanfälle oder Infarkte zum richtigen Zeitpunkt zu initiieren, um dem Ungeliebten den nötigen Schub bis an den Grabesrand zu versetzen, eingeschlossen aller Unfälle, die einem Gatten nun mal so passieren.
Etwas härter geht es zu, wenn eine Schrottpresse und ein Gärofen ins Spiel kommen. Auch Liebesspiele sollen schon so manchen Liebestrunkenen die Luft genommen haben. Robustere Frauen benutzen einen Ziegelstein, eine Eisenpfanne oder das Beil.
Das bei vielen Kurzkrimis zu beobachtende augenzwinkernde Moment gewinnt auch in diesen Geschichten die Oberhand. Aber letztendlich wollen Frauen sich auch mal in ein Leseerlebnis flüchten, bei denen die Bitternis einem befreiten Lachen weichen kann.
Frauen solidarisiert euch! So lautet letzten Endes die Quintessenz dieses Buches. In vielen Geschichten ist zu beobachten, wie viel Wert der Frauensolidarität zugemessen wird. Und noch eins. Dass berufstätige Frauen in diesen Mordgeschichten seltener anzutreffen sind, ist wohl als ein gutes Zeichen zu sehen.
Spontan konnte ich nach dem Lesen nicht sagen, welche Geschichte mir am besten gefallen hat. Und auch nach längerem Überlegen kann ich keinen Tipp abgeben. Ich finde viele Geschichten so originell, dass ich mich frage, wo die tiefsinnigen und erregenden Kriminalromane dieser Autorinnen bleiben.
(Die wunderschöne Covergestaltung von Tamar Haber-Chaim soll nicht unerwähnt bleiben)

Henny Hidden

manotti
ISBN: 9783867541886
Originaltitel: Lorraine Connection.
Übersetzt von Andrea Stephani
‘Ariadne’ Argument- Verlag GmbH
April 2010 – 252 Seiten

„Es war, als wäre die ganze Fabrik eine Kulisse, und wir führten ein Stück auf, ohne es zu verstehen…“, stößt die Hauptakteurin in Dominique Manottis Geschichte „Letzte Schicht“ hilflos aus, und wir können diese Ohnmacht durchaus nachempfinden, überfällt sie uns doch täglich, wenn wir den Wirtschaftsteil einer Zeitung aufschlagen.
Dass es in der Absicht der Autorin stand, uns einige wirtschaftliche Verknüpfungen in dieser komplizierten Welt aufzuzeigen, kann man ihr wohlwollend unterstellen.
Ihre Geschichte basiert auf einem wahren Ereignis. Sie thematisiert den Kampf um die Übernahme des französischen Rüstungskonzerns Thomson, der von den konkurrierenden Unternehmen Alcatel und Matra-Daewoo ausgetragen wurde.
Man meint ja landläufig, dass das Leben die besten Geschichten schreibe und weil es so ist, sei die Fiktion nachrangig, da sie nie das Erstaunen über das Authentische zu übertreffen vermag und deshalb könne man auch gleich auf jedwede Erklärung und Ausschmückung verzichten. In der Tat balanciert die Autorin hart am journalistischen Metier, lässt eher die Fakten sprechen, bedient sich einer schroffen, kargen Sprache.
Dieser Ausdrucksweise nicht abgeneigt bin ich jedoch grundsätzlich der Meinung, dass Faktendarstellungen in gut strukturierten Dokumentarberichten besser aufgehoben seien. Gerade eine unverblümte Darstellung lässt Einsichten entstehen, die genügend Potential in sich tragen, um beim Leser Wut und Empörung über die Skrupellosigkeit von Akteuren hervorzurufen.
Ja, natürlich besitzt Dominique Manottis Krimi seine Reize, und es ergeben sich Erkenntnisse, die anderswo sicher nicht so eindringlich entstanden wären.
Begeben wir uns zum Anfang der Geschichte. Alles beginnt mit einem Aufruhr in einer lothringischen, dem Daweoo-Konzern gehörenden Bildröhrenfabrik, einem heruntergekommenen Werk, verlustbringend und von Subventionen abhängig. Unnötig zu erwähnen, dass es mit der Arbeitsicherheit auch nicht zum Besten steht.
Eine Arbeiterin bekommt einen Stromschlag, eine andere begehrt auf und wird entlassen, was Empörung hervorruft, und als dann noch die Angestellten erfahren, dass die Unternehmensleitung dieses Jahr keine Prämien auszahlen will, steht die Fabrik still. Die Arbeiter besetzen sie, in der Hoffnung, ihren Forderungen Gehör zu verschaffen, und im Lauf der Ereignisse wird die Fabrik brennen.
Aber warum sollten Arbeiter zündeln und damit ihre Arbeitsplätze vernichten?
Wie so oft sind die Arbeiter zum Spielball mächtiger Drahtzieher geworden. Nicht nur die örtliche Geschäftsleitung lenkte durch fingierte Buchungen Gelder in eine andere Zentrale um, um Mitglieder zu begünstigen und Entscheidungsträger zu schmieren, auch das Tauziehen um die Übernahme des Konzerns ruft die Gegenseite auf den Plan, um das Terrain zu sondieren.
Nicht nur Geld ist Macht, Wissen ist Macht, und Herrschaftswissen beginnt mit dem Sammeln unscheinbarer Auffälligkeiten.
Zu diesem Zwecke wird von der Gegenseite der nicht ganz unbefleckte Privatermittler Charles Montoya in die lothringische Provinz geschickt, um Material, das für eine Kompromittierung des Unternehmens ausreicht, zu beschaffen. Und seine Erfolge muten den Leser wie ein Durchmarsch an.
Die Arbeiter zu dumm, um zu begreifen, die Polizei dümmer als ihr erlaubt ist, die regionalen Spitzen korrumpiert und erpressbar.
Geschichte kann man ja immer als Geschichte von Einzelinteressen begreifen, welche sich kreuzen, aufdrängen, versiegen, sie werden dirigiert und katapultiert, und im Ergebnis denkt man oft, das habe keiner so gewollt oder vorhersehen können. Mit der Autorin begreifen wir, wie ungleich von Anfang an ihre Gewichtung ist und wie chancenlos einige ins Rennen gehen.
Rührend, wie die Arbeiter aufbegehren, so planlos, so ziellos, so haltlos.
Der marode Betrieb nicht im Fokus der Gewerkschaft. Dabei wäre sie die Institution, die ihrerseits Wissen sammeln und einsetzen könnte, um in diesem ungleichen Spiel wenigstens ein paar Fäden in der Hand zu halten. Aber bei Dominique Manotti, die übrigens von 1976-1983 Generalsekretärin die Pariser Sektion der CFDT war, steckt da sicherlich Kalkül dahinter, wenn sie ihre Rolle so reduzierte.
Andere wissen um das Spiel und wissen, wann sie eingreifen müssen. „Was kann ein Streik gegen die Deals der Finanzwelt ausrichten?“, resümiert der Vertreter des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung, als er liest, wie sich Thomsonmitarbeiter gegen die Übernahme wehren. Diese Strippenzieher, so selbstbewusst und so sicher, sind längst konditioniert, wo die wirklichen Gefahren lauern und wen man z. B. mit Arbeitsplatzverspechen um den Finger wickeln kann.
„Wenn die Subventionsgeber so dumm sind und trotzdem weiterhin Subventionen verteilen, ist das ihre Sache.“
Und noch ein kleiner Hieb an eine andere Adresse: „Unternehmensfinanzierung bleibt ein abstraktes Thema, und die Journalisten verstehen kein Wort.“
So entfernt erscheinen staatliche wie andere gesellschaftliche Kontrollinstanzen, dass in der „freien“ Marktwirtschaft nur noch den Konkurrenten zugetraut wird, ihnen gefährlich zu werden. Um zu agieren, braucht man Informationen und Kontakte d.h. „…man muss die wahren Netze der Macht kennen.“
Nicht nur Geld ist Macht, organisierte Gewaltausübung gehört auch zur Macht.
Das sind Erpressung, Einschüchterung, Mord.
Diese Methoden waren schon immer gängige Praxis, um bei der Durchsetzung von Wirtschaftsinteressen nachzuhelfen, aber dass ihre Akzeptanz in den höchsten Wirtschaftskreisen nicht mal den Hauch eines moralischen Bedenkens auslöst, verwundert immer wieder oder schon lange nicht mehr. Längst sind nicht nur auf regionaler Ebene viele Unternehmen mit der Mafia verwoben. Wie die Verquickung von Oberwelt und Unterwelt geschieht, können wir anschaulich erleben. Und wer will dem Kreislauf des Geldes seine ursprünglichen Quellen ansehen? Ganz selbstverständlich, bei der Jagd oder anderen Vergnügungen, treffen sie sich, erteilen Aufträge oder nehmen sie entgegen und der unliebsame Gegner oder Mitwisser erhält beim Aperitif sein Todesurteil, für dessen Vollstreckung gedungene Mörder bereitstehen.
Auch wenn diese Mechanismen der Macht in der einen oder anderen Weise nicht unbekannt erscheinen, erzeugt doch ihre komplexe Darstellung beim Leser eine besondere Eindringlichkeit.
Zu den interessantesten Aspekten des Krims gehört es, das Denken bis in die obersten Führungsetagen zu verdeutlichen.
Immer wieder findet sich in der Presse, in den Zeiten der Finanzkrise, nach all diesen Bankdesastern die Frage, wie denn das maßlose Handeln von Unternehmern und Bankern zu erklären sei. Und es fällt die stereotype Antwort: Gier. Und manchmal auch das Wort: Spiel.
Dominique Manotti analysiert auch die strukturellen Abhängigkeiten dieser Verhaltensweisen. „Wir sitzen am Spieltisch und wollen gewinnen.“
Insgesamt würde ich kritisch sehen: Da Dominique Manotti sehr auf vielseitige Faktendarstellung orientiert ist, verliert die psychologische Ausarbeitung der Figuren. Z.B. wurde die Protagonistin, diese starke Frauenfigur, diese stolze Schöne, nur in ihren Ansätzen belassen, die Polizei als eine Deppenmannschaft karikiert, und manchmal wurden mir auch einfach zuviel Leute in die Luft gejagt.
Und dennoch. Auch Krimileser lieben das Spiel. Wenn in diesen Tagen die Krimileserschaft beschäftigt, warum der Augensammler Augen sammelt, sei es angemerkt, dass Fitzeks Thriller gegen Manottis Krimi wie ein biederer Volksschwank wirkt.
Nicht unerwähnt soll bleiben, dass Dominique Manotti für ihren Kriminalroman mit dem Ducan Lawrie International Dagger 2008 geehrt wurde. Dabei stach sie AutorInnen wie Fred Vargas, Stieg Larsson und Andrea Camilleri aus. Könnte man das als Indiz werten, dass angesichts schwieriger wirtschaftlicher Verhältnisse das Bedürfnis nach Kriminalromanen mit authentischem Bezug zunimmt?
Na, es muss ja nicht immer gleich noir sein.

Henny Hidden

WMrot
ISBN 9783940610-09-6
2010, Kölnisch-Preußische Verlagsanstalt

Nicht dass ich etwas gegen Fußball hätte. Ich kann nur nichts Raffiniertes an diesen Spielen entdecken.
Nicht dass ich etwas gegen Kurzkrimis hätte. Sie sind nur zu kurz, um mich aus dem emotionalen Gleichgewicht zu bringen.
Beste Voraussetzungen also, die Anthologie „WM blutrot“, 20 Turniere. 98 Tote. Ein Spiel., herausgegeben von Andreas Izquierdo und Wolfgang Kemmer, zu lesen. Zwanzig Fußballkrimigeschichten von zwanzig AutorInnen. Dass sich unter ihnen nur fünf Autorinnen versammeln, kann ich verstehen.
Jede Kurzgeschichte wurde einer Weltmeisterschaft zugeordnet. Die Erste beginnt im Jahr 1930, in dem Uruguay Weltmeister wurde, und die Letzte endet im Jahre 2042, wo eine fiktive WM in Dubai ausgetragen wird. Eine sinnfällige Idee, wie ich finde, denn so wurde nicht nur Breite und Vielfalt erzeugt, sondern auch dem unkundigen Leser Orientierung gegeben.
Bisher habe ich es gemieden, Kurzkrimis zu bewerten. Sie besitzen ihre eigene Dramaturgie, die mir nicht fasslich wird, und ich konnte nie so richtig sagen, warum mir eine Geschichte gefällt und eine andere nicht. Beim Lesen wächst oft der Eindruck, dass sich die Geschichte vergröbert, Psychologisches nicht so richtig auf den Punkt gebracht wird und das Bestreben des Autors nur im Herausarbeiten einer effektvollen Pointe besteht.
Aber womit hier anfangen? Ich versuchte, die Krimis unter eine grobe Einteilung zu bringen.

1. Krimis mit politischem Hintergrund
Jürgen Ehlers- „Das Chaco-Spiel“
Gisbert Haefs- „Mussolinis Dackel“
Sandra Niermeyer- „Selbstmord kann man immer noch begehen“
Sandra Lüpkes- „Buenos Dias Argentina!“
Die Frauen haben die Nase vorn. Vielleicht liegt es an den einfacheren Geschichten, die dann doch mehr berühren, Die Idee des Austausches eines argentinischen Untergrundkämpfers mit einem Spieler der deutschen Fußballelf bei Sandra Lüpkes fand ich ebenso gelungen wie das Grundmotiv von Sandra Niermeyer, die uns die traurige Geschichte zweier jüdischer Schwestern im besetzten Paris 1945 erzählt, Todessehnsucht und ein Hauch von Morbidem eingeschlossen.

2. Organisierte Kriminalität
Arnold Küsters- „Die Schande von Gijón“
Thomas Askan Vierich- „Meisterspieler“
Ralf Kramp- „Stinkefinger“
Christiane Geldmacher- „Nachspielzeit“
Carsten S. Henn- „Der Bomber“
Christiane Geldmacher wartet mit einer schönen Adaption aus dem Hitchcockschen Repertoire auf, die Geschichte fängt tollkühn an, schwächelt aber gegen Ende. Ralf Kramps „Stinkefinger“ entwickelt sich dagegen stilsicher und originell zu übermütiger Größe.

3. Beziehungsdramen
Klaus Stickelbroeck- „Brasilianischer Tod“
Carmen Korn- „Begegnung in Bern“
Norbert Horst- „Spiel der Teufel“
Wolfgang Kemmer- „Das Hass-Spiel“
Roger Fiedler- „Die Revanche für `66“
Beziehungsdramen gefallen mir durch ihren psychologischen Aspekt am besten.
Aber nicht deshalb hat mich Norbert Horsts Geschichte schon nach wenigen Sätzen erfreut. In einer Anthologie werden ja auch durch den unmittelbaren Vergleich die unterschiedlichen Schreibweisen der AutorInnen deutlicher als sonst. Und Norbert Horst versteht es nun mal, seine Sätze melodisch zu verbinden. Auch inhaltlich zeigt er in einem überzeugenden Plot, wie verschiedene Interessen unabhängig voneinander zu einer ungewollten Katastrophe führen können.
Roger Fiedlers Geschichte ist eine Klasse für sich. Auch wenn Sex und … immer Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die Zeichnung der 200 Kilo Frau und die Darstellung des kuriosen Todes stellen für mich einfach irre Ideen dar.
Klaus Stickelbroecks Krimi kommt einfach und schlicht daher. Der Verrat, ein Motiv, welches sicher schon tausendmal als Mordanlass diente, wird hier in einer sehr ansprechenden Variante dargestellt.
Mit Carmen Korns Krimi hatte ich so Schwierigkeiten. Ich führe das nicht so sehr auf den Inhalt, sondern auf die Erzählhaltung zurück. Der ständige Wechsel brachte eine Unruhe in die Geschichte, die ihr abträglich war. Schade.

4. Geschichten, die unter religiösem Eifer im weitesten Sinne fallen
Jürgen Siegmann- „Voodoo“
Bernhard Jaumann- „Die Hand Gottes“
Judith Merchant- „Finale à trios“ (Judith Merchants psychologische Studie über eine Wettleidenschaft habe ich dem Reich der Eiferer einfach mal zugeordnet.)
Ich fand alle drei Geschichten interessant und auch sehr passend. Zum Fußball gehört auch Leidenschaft und die veranlasst Menschen nun mal, zukünftigen Ereignissen den eigenen Stempel aufdrücken zu wollen.

5. Nicht richtig einordnen lassen sich die schrägen und überdrehten Geschichten von
Andres Izquierdo- „Materazzis Hochzeit“ und Thomas Kastura- „England, 1966“
Diese Geschichten werden bestimmt andere Leser finden, die darüber schmunzeln können. Zu der Geschichte „Hunter“ von Jan Zweyer, die zu sehr auf die Pointe reduziert wurde, weiß ich auch nichts weiter zu sagen.

Bei allem Fremdeln mit dem Thema und mit der Form fällt mir ein abschließendes Wort schwer. Vielleicht können sich die Fußballanhänger, wenn Deutschland in Südafrika verliert, mit diesen Krimis trösten. Vergnüglich ist das allemal.

Henny Hidden

Duncker
ISBN: 9783827009159
Originaltitel: The Strange Case of the Composer and his Judge.
Übersetzt von Barbara Schaden
Berlin Verlag
April 2010 – 350 Seiten

Ich bin mir fast sicher, dass jeder, der das Buch liest, es als ein Liebhaberstück bezeichnen wird. Etwas für die Freunde der schönen Künste, der ernsten Musik, der bibliophilen Bücher und der Romane, die von den Leidenschaften dirigiert wurden und in denen die Leidenschaft regiert. Anders kann man wohl das Verhältnis der Autorin zu ihrem opulenten Werk nicht umschreiben. Damit soll nicht auf die Fülle der Handlung mit ihren 348 Seiten hingewiesen werden, sondern die inhaltliche Durchdringung des Gegenstandes seinen Ausdruck finden. Nein, nicht um eine materialisierte Form geht es hier, sondern um nichts weniger als die Liebe zum Glauben, zum anderen Geschlecht und zur Wahrheit.
Dabei fängt der Fall ganz fasslich an. Im Jura, zwischen Schweiz und Frankreich gelegen, werden an einem Neujahrstag auf einer Lichtung neun Erwachsene und sieben Kinder, die in einem Halbkreis angeordnet liegen, tot aufgefunden. Bis auf eine Leiche haben alle Gift im Körper, die Frau, die in der Mitte des Halbkreises liegt, wurde erschossen. Alles lässt auf die Verrichtung einer Sekte schließen.
Fünf Jahre früher, im Jahre 1994, ereignete sich ein ähnlicher Fall, bei dem neunundsechzig Menschen in einem Schweizer Bergdorf starben. Damals arbeitete die französische Richterin Dominique Carpentier, beheimatet in der Region Languedoc, zusammen mit ihrem Kollegen Kommissar André Schweigen aus Straßburg an dessen Aufklärung. Und auch an dem neuen Geschehensort sind beide wieder zur Stelle. Natürlich fangen sie nicht mehr beim Punkt Null an. Der „unberechenbare, impulsive und nervenaufreibende“ Schweigen liebt seither die kühle, rational agierende „Sektenjägerin“, „die es gewohnt ist, bewundert zu werden und gewohnt war, den Ton anzugeben“. Das komplizierte Verhältnis, das bisher durch Annäherung und Distanziertheit vonseiten der Richterin gespeist wurde, verzwickt sich nicht nur durch den liebestrunken drängenden und zudem verheirateten Kommissar, sondern auch durch den Lauf der Ermittlungen. In den Fokus der Aufklärungsarbeit rückt ein Mann, der in seinem Liebeswerben und geistigem Widerpart die Richterin so fasziniert, dass sie Mühe hat, die ihr zugedachte Rolle aufrechtzuerhalten. Leider handelt es sich bei dem sie so verwirrenden Mann, einem Komponisten und Dirigenten eines Orchesters, gleichzeitig um den Haupttatverdächtigen, der, wie sich herausstellt, auserkoren wurde, den Glauben, so der Name der Sekte, weiterzuführen. Eine gefährliche Liebschaft, auf das sich die Richterin einzulassen droht, denn schnell wird klar, dass sich körperliches Begehren dem geistigen Führen einer dem Todeskult anhängenden Gemeinschaft unterzuordnen hätte. Aus der Sektenjägerin wird womöglich eine neue Wegweiserin? Welches Paradoxon.
Patricia Duncker hat einen sehr kunstvollen Roman geschrieben, artifiziell im besten Sinne. Stimmungen und Befindlichkeiten der Akteure wurden perfekt ausgeleuchtet. Großartige Inszenierungen, üppig, überbordend, verführerisch in den Beschreibungen von Kochkünsten, Gartenkünsten, schönen Kleidern und rauschenden Festen mit einer Gesellschaftsschicht auf oberem Rang.
Ach ja, der Mörder, der die Sektenvorsteher erschoss, wird dann auch mal am Ende sichtbar, aber weder für die Autorin noch den Leser spielt das in dieser sich so untypisch schwerkraftverlagernden Krimigeschichte eine Rolle.
Ein Buch, das sich seine Leser suchen muss. Vielleicht zeigt sich hier eine Anregung.

Henny Hidden

Unbenannt-1
ISBN: 9783552061125
Zsolnay-Verlag
Februar 2010 – 293 Seiten

Wenn mich jemand fragen würde, was ich von Paulus Hochgatterers Buch „Das Matratzenhaus“ halte, würde ich sagen, dass es eine Geschichte ist, durch die man sich durchbeißen muss. Oder um es genregerechter zu formulieren, sie bekommen einen Krimi, der keiner ist.
Nun glaubt keiner, dass AutorInnen entscheiden, welches Etikett auf ein jeweiliges Buch geklebt wird. Auch die Idee, Simon Becketts Erotical „Voyeur“ dem Krimigenre zuzuordnen, resultiert wohl nicht daraus, dass man meinte, der Autor könne nichts anderes als Spannungsliteratur schreiben. Und wie man sieht, läuft die Vermarktung mit einem Krimilabel jenseits allen Inhalts immer prächtig.
Es verbietet sich eigentlich, beide Autoren in einem Atemzug zu nennen. Ich würde mich sogar zu der Behauptung versteigen, dass Hochgatterers Stil sich von denen der Bachmannpreisträger vergangener Jahre nicht sehr unterscheidet. Und augenzwinkernd kann man anfügen, nicht nur im Stil, sondern auch in der Hinwendung zum Nebensächlichen lässt sich Verbindendes erkennen. Da gewinnt man manchmal als Krimileser schon das beruhigend überlegende Gefühl, dass mit dem Krimi in der Belletristik noch ein Genre anzutreffen ist, das auf harte Fakten baut. Obwohl man damit dem Realitätsgehalt kein Stück näher gekommen sein muss.
Im Buch wird uns das stinknormale Leben des Kriminalkommissars Ludwig Kovacs und des Psychiaters Raffael Horn, beide in der Kleinstadt Furth ansässig, in Ausschnitten vorgeführt. Auch diese Berufsausübungen, von denen jedermann denkt, dass sie furchtbar aufregend sein müssten, verlaufen in Routine, ein täglicher Ablauf, bei dem Neues, Ungewöhnliches erstmal beiseite gedrängt wird.
Ein Arbeitsalltag, in dem Kovacs und Horn mit Informationen, Erklärungen, Meinungen konfrontiert werden, aus denen es gilt, schnell angemessene Entscheidungen zu treffen, keine zeitraubenden Verunsicherungen zuzulassen und Mitarbeiter handlungsfähig anzuleiten. Ein großer Druck baut sich zuweilen auf, um sich zu entlasten, suchen sie Halt im Beständigen. Die Gedanken schweifen ab, finden positiv besetzte Felder, in lustvollen Bildern ihrer nächsten Angehörigen oder der Arbeitskollegen, die in ihnen schon positive Gefühle, einfach weil sie da sind, wecken.
Aus den Schilderungen der Gedankenwelt der beiden Protagonisten begreifen wir, wie sehr unsere rationalen Entscheidungen vom Emotionalen, das durchaus Privates einschließt, durchdrungen sind.
Und wenn man sich auf das Innenleben der beiden Männer einlässt, kann man sogar Vorränge feststellen. Vielleicht werden es männliche Leser anders sehen, aber bei Hochgatterer nehmen Beziehungen zu Frauen in den Köpfen der Männer schon einen großen Raum ein. Bilder, die vorwiegend sexuell gefärbt sind. Es mutet erstaunlich an, was beiden während der Zusammenarbeit mit den Arbeitskolleginnen alles durch den Kopf fährt. Selbst bei den harmlosesten Annäherungen ergehen sich diese erotisch fixierten Männer darin, wie sie es mit einer Frau treiben können, mit der eigenen oder mit der fremden oder umgekehrt.
An zweiter Stelle steht die Sorge um den Nachwuchs. Wenn Kinder ein Alter erreichen, wo sie den Eltern immer fremder erscheinen, kann es für Väter schon mal in einer Sinnkrise enden. Sie verstehen überhaupt nicht, dass diese etwas lieben, was sie niemals lieben würden, auf der Suche nach Gründen, vergegenwärtigen sie sich, wie weit entfernt sie voneinander zusammenlebten, und so stellt sich ihnen auch die Frage nach dem eigenen Versagen.
All ihre Vorstellungen, Sehnsüchte, Belastungen vermischen sich mit den Einprägungen des Arbeitsalltages, behindern oder fokussieren sie, treiben voran oder lassen verdrängen. Und es scheint, als ob im Strom der Ereignisse das Familiäre immer noch der verlässlichste Punkt ist, an den sich die Protagonisten klammern können.
Ist es nicht eigenartig, dass mit Zunahme unserer Kommunikationsmöglichkeiten, die uns ermöglichen, zwischen verschiedenen Stellen schnell etwas abzuklären, gleichzeitig eine Komplexität aufgebürdet wird, die uns aufsaugt und auslaugt und vor weitreichenden Entscheidungen scheuen lässt? Dass es immer schwieriger wird, das Wesentliche, Wichtige zu sehen.
Denn natürlich schält sich im Buch ein krimineller Fall heraus.
In der Schule fallen drei Kindern durch blaue Flecken auf. Es stellt sich heraus, dass die Schläge nach dem gleichen Muster erfolgt sind. Auf den Rücken, die Arme und auf den Kopf, die Kinder sprechen rätselhaft von der „Schwarzen Glocke“, die sie ihnen zugefügt haben soll, und die Erwachsenen, die das Verhalten anderer Erwachsener schon nicht verstehen können, deuten es falsch, weil ihnen der Deutungshorizont von Kindern entschwunden ist. Nicht vergessen dagegen haben sie die Schläge der Eltern, die sie seit der Kindheit zu verdrängen versuchen. Kinder werden zu wichtig genommen, wird der Kommissar Kovacs entgegnen, als er von dem Fall hört und so die Fakten verharmlosen und verniedlichen, weil er sie in keinen erklärungsfähigen Zusammenhang bringen kann.
So vermögen die Erwachsenen, unfähig oder unwillig zu erkennen, die Katastrophe nicht aufzuhalten. Und für den Leser brandet sie, ganz beiläufig erzählt, mit großer Wucht heran.
Wenn Kinder töten, wer muss sich da schämen?
Am Ende steht dann das hilflose Resümee:

„Weißt du, was das Schlimmste ist?“, sagte er (Kovacs), „dass man keine Ahnung hat. „Von nichts. Und dann sitzt du da und fragst dich, wann du begonnen hast, die Dinge zu übersehen. Am Ende merkst du, dass du von Anfang an nicht dabei warst. Dann baust du dir eine Geschichte, irgendeine, und versuchst dir vorzustellen, wie es geschehen sein muss.“

Henny Hidden

Lisanerz
ISBN: 9783867541817
Acht Eskapaden mit Lisa Nerz.
‘Ariadne’. Argument- Verlag GmbH
März 2010 -185 Seiten

Der ariadne Verlag hat ein kleines Buch mit Kurzgeschichten der Krimiautorin Christine Lehmann herausgegeben. „Notorisch Nerz“ heißt der Titel, und wir können Lisa Nerz, die uns aus mehreren Krimis allseits bekannte Schwabenreporterin, in acht Krimikurzgeschichten erleben. Ebenso an ihrer Seite (in den meisten Fällen jedenfalls) Richard Weber, der Mann, der der aufmüpfigen Frau beispringen muss, um sie wieder unbeschadet auf den Boden der Tatsachen zurückzuführen.
Die acht Geschichten wurden aus unterschiedlichen Anlässen geschrieben und während der Jahre 2004 -2009 veröffentlicht.
Ich empfehle:
„Rotkuss“ (Für Weinverkoster und Kostverächter),
„Der Spuk von Jena“ (Für Einheits-Ost-West-Taumelnde),
„Lisa Nerz fährt Fahrrad“ (Für radelnde Ökofetischisten),
„Der Engel von Ostheim“ (Für Sozialschmarotzer),
„Der Zahlendolch“ (Für Hochbegabte),
„Der Frauenkopfmord“ (Für Gutgläubige und Wahrheitssuchende),
„Die Blutnacht von Uhlbach“ (Für Hinterwäldler und Hinterbänkler),
„Das Vesperbrett“ (Für rezepthungrige Giftmischerinnen und Mordsweiber).
Die „notorische“ Nerz – gewohnt scharfsinnig und scharfzüngig.
Ohne besserwisserischen Oberstaatsanwalt bisweilen noch schöner.

Henny Hidden

Feige
ISBN: 9783442469888
‘Goldmanns Taschenbücher’.
August 2009 – 670 Seiten

Marcel Feiges Krimi „Trieb“ beschäftigt sich mit dem Kindesmissbrauchsthema. Obwohl ich wegen der Präsenz dieses Themas in gegenwärtigen Kriminalromanen manches Mal aufstöhnen möchte, war ich doch überrascht, wie sehr mich diese Geschichte in den Bann zog.
Erzählt wird die Geschichte des kleinen Tabori, der sich von Albanien auf den Weg nach Deutschland macht, um für seine Familie Geld zu verdienen. Natürlich kann er nicht wissen, dass in Berlin bestimmte Männer genau auf diese herumstreunenden Jungen warten, um sich und die Szene mit „Frischfleisch“ zu versorgen. Dabei sind diese Männer keineswegs die bösen Monster, wie wir glauben, sondern sorgen sich liebevoll um die Kinder. Und rechtfertigen nicht Vorbilder aus der Menschheitsgeschichte sogar das Zusammenleben von Knaben und älteren Herrn, wo Jungen von ihren Lehrern in Lebensführung unterrichtet wurden? Der Leser, mit seinen widerstrebenden Gefühlen konfrontiert, erwartet dennoch einen unheilvollen Ausgang, denn er weiß, so friedvoll wie in vergangenen Jahrhunderten läuft es heute nicht ab.
Um das Ausmaß dieses schmutzigen Geschäfts eindringlich werden zu lassen, führt der Autor drei unterschiedliche Handlungsstränge zusammen. Ein angesehener Geschäftsmann wird erschossen, ein abgehalfterter Journalist jagt einer brisanten CD hinterher, eine Mutter sucht verzweifelt nach ihrem verschwundenen Sohn – das sind die Eckpunkte, aus denen sie sich zusammensetzen.
Und immer wieder im Mittelpunkt Kinder, die nach Wärme suchen, in einer Gesellschaft, die sie ihnen nicht zu geben vermag.
Gerade die gelungene Verbindung zwischen den individuellen Kinderschicksalen und der gesellschaftlichen Ohnmächtigkeit lässt den Roman zu einem gelungenen Thriller werden.

Henny Hidden

Villar
ISBN: 9783293004146
Originaltitel: La playa de los ahogados.
Übersetzt von Carsten Regling
Unionsverlag
Februar 2010 – 477 Seiten

Manche lieben die Berge und manche lieben das Meer.
Die, die das Meer und Krimis lieben, werden Domingo Villars Buch „Strand der Ertrunkenen“, diese ganz einfache und geradlinig erzählte Krimigeschichte, mögen.
Die Leiche des Fischers Castelo wurde an die galicische Küste geschwemmt. Die mit einer Plastikfessel zusammengeschnürten Hände und die Prellung am Kopf weisen auf ein gewaltsames Ende hin, und damit beginnen die Ermittlungsarbeiten des Kommissars Leo Caldas und seines Assistenten Rafael Estevez. Für den Freitod, an den die meisten der Küstenbewohner glauben wollen, spricht ihrer Meinung nach wenig.
Es passt zwar, dass der Fischer in seinen letzten Tagen mit bedrücktem Gesicht umherlief, aber es passt nicht, dass er einen Talisman mit sich trug, der ihn vor bösen Geistern schützen sollte. Hinzu kam, dass jemand sein Boot mit dem Wort „Mörder“ verunziert hatte.
Die Ermittler wissen nicht, wo sie ansetzen sollen. Es passierte nicht viel im Leben des Fischers, und auch die wortkargen Dorfbewohner halten sich mit Hinweisen zurück. Immerhin erfahren sie, dass der Seemann bei einem rätselhaften Untergang eines Schiffes vor zwölf Jahren dabei war. Er gehörte zu den drei Besatzungsmitgliedern, die sich vom Schiff retten konnten, während der weitaus erfahrene Kapitän nur noch tot geborgen werden konnte. Mysteriös auch, dass einige der Dorfbewohner den toten Kapitän in letzter Zeit in der Gegend gesehen haben wollen. Handelte es sich bei der Leiche, die vor zwölf Jahren aus dem Wasser gezogen wurde, um eine andere Person oder ist der Kapitän als Geist zurückgekehrt, um Rache zu nehmen?
Die Ermittlungsarbeiten beginnen sich auf die zwei übriggebliebenen Besatzungsmitglieder zu konzentrieren. Doch die beiden Männer schweigen hartnäckig. Caldas und Estevez drehen sich im Kreis. Nur ganz, ganz langsam fügt sich ein Bild zusammen.
Mit dem Ermittlerpaar ist dem Autor ein guter „Wurf“ gelungen. Der Kommissar ist Galicier und sein Assistent ist Aragonese, was erkennbar unterschiedliche Mentalitäten und Rivalitäten mit sich bringt. Der Kommissar ist in der Gegend verwurzelt, er kennt die Bewohner und sie kennen ihn. Nicht zuletzt, weil alle im Radio seine Sendung „Hörfunkstreife“ verfolgen, in der sich Anrufer über Missstände in der Region beschweren können.
Der ruppige Assistent Estevez, der etwas an Gunvald Larsson aus der Kommissar Beck-Reihe von Sjöwall/Wahlöö erinnert, und der jemand ist, der gern die Ordnungsmacht herauskehrt, fungiert als gutes Pendant zum nachdenklichen Caldas.
Natürlich liegen die Sympathiepunkte eindeutig bei der Figur des Kommissars. An ihr wird deutlich, wie man einen Regionalkrimi inhaltlich besetzen kann. Caldas könnte seine Fragen nicht ohne die Kenntnis des Lebensraumes der Küstenbewohner formulieren. Die Antworten, die ihm die Seemänner geben, fußen wiederum auf Erfahrungen, die eng mit dem Meer und seiner Nutznießung zusammenhängen. Erst durch das Hineinversetzen in das spezifische Leben und Arbeiten bekommt die Ermittlungstätigkeit Impulse, die auf die richtige Fährte führen.
Durch die Konzentration auf die Figuren wird eine dichte, eng am Fall liegende Atmosphäre erzeugt. Man fühlt sich an Schwarzweißfilme erinnert, in denen das karge Leben von Menschen zu sehen ist, die in einer dörflichen Gemeinschaft aufeinander angewiesen sind. Da wirkt nichts überzogen, überkandidelt, überzivilisiert, sondern wurde mit klaren Strichen konturiert. Der Pfarrer, der Arzt, der Fischauktionator, der Bootsbauer, der Wirt, und eine aufreizende Frau, die den Männern die Sinne raubt, dazu die Lösung eines Mordfalls und Motive, die durch ihre Unkompliziertheit hervorstechen.
Manche können einfach schöne Geschichten erzählen. Spannende Krimigeschichten, wo das Meer gewaltig, aber nicht Gewalt genug ist.

Henny Hidden