Rezension: Guido Rohm – “Die Sorgen der Killer”

Welche Sorgen können Killer haben?
Dass sie zu spät kommen. An einen falschen Ort fahren. Die falsche Person erwischen. Kein Salär bekommen. Gestört werden.
Während ich darüber nachdenke, merke ich, dass ich mir unter Killern in erster Linie Auftragskiller vorstelle. Dabei könnte jeder Mörder als Killer bezeichnet werden. Oder nicht? Fallen Affekttäter nicht darunter? Werden nur jene Einzeltäter eingeschlossen, die sozusagen aus einer inneren Bestimmung heraus agieren? Ein schwieriges Feld, über das man als Krimileser nicht nachdenkt, solange man den Killer frei Buch geliefert bekommt. Höchstens im Sachbuch begegnen uns verschiedene Killertypen. Daher kann die Aneinanderreihung in der Fiktion durchaus ein reizvolles Unterfangen darstellen, wie aus Guido Rohms neuestem Buch sichtlich wird.
Und „Die Sorgen der Killer“ können wie die Killer selbst vielfältiger Natur sein.
Bei Wikipedia findet sich unter dem Begriff „Sorge“ folgende Definition:

„Der Begriff Sorge beschreibt ein durch vorausschauende Anteilnahme gekennzeichnetes Verhältnis des menschlichen Subjektes zu seiner Umwelt und zu sich selbst. Eine subjektiv erwartete Not (Bedürfnis, Gefahr) wird gedanklich vorweggenommen und wirkt sich im Fühlen, Denken und Handeln des Besorgten oder Sorgenden aus. Das Spektrum reicht dabei von innerlichem Besorgt- oder Beängstigt-Sein bis zur tätigen Sorge für oder um etwas.“

Guido Rohm hat für seinen Geschichtenband einen schönen Titel gewählt. In ihm setzt er das Fühlen, Denken und Handeln von Besorgten in direkten Gegensatz zu einer Tätigkeit, die jede soziale Besorgnis ausschließt. In der jede Besorgnis während der Tat zum Hindernis werden muss. „Ich habe mich für Morde entmenschlicht”, drückte das dieser Tage der norwegische Killer Breivik an einem Prozesstag aus. Die Besorgnis kann einen Killer demzufolge vor oder nach dem Tötungsakt überfallen, und sie wird mehr seine innere Befindlichkeit als die Außenorientierung umfassen. Guido Rohm zeigt uns in seinen 13 Kurzgeschichten, welches menschliche Gefühlsspektrum Killern eigen sein kann. Um es gleich vorwegnehmen, ich halte den Geschichtenband für das positivste Buch von den drei Büchern Guido Rohms, die ich bisher gelesen habe. Nach dem letzten Buch „Blutschneise“ empfinde ich sein neuestes Werk nicht als gedanklichen Rückschritt sondern eher als ein Aufgehobensein, als das Eingebundenwerden des Mörders in einen gesellschaftlichen Kontext.
Dreizehn Geschichten über Mörder. Mörder, die vergessen, verdrängen, ihre eigene Wirklichkeit basteln, ritualisieren, schwermütig sind oder Langeweile empfinden. Und manche sind einfach nur böse.
Suchen wir nach Zeichen für ihre Antriebskraft? Um uns das Unbegreifliche begreiflich zu machen? Um uns abzugrenzen? Um uns hervorzuheben?
Ja, gehen uns die Sorgen der Killer nahe oder verabscheuen wir ihr Denken und Fühlen? So feinsinnig wie sich Rohm bemüht, sie uns nahe zu bringen, so unsichere Spuren hinterlassen sie.
Anteilnahme mit den Killern, bei denen verkorkste Kindheitsmuster durchschimmern, Abneigung zu denen, die bei den zwei großen Verbrechen des vorigen Jahrhunderts, Hitlers und Stalins Allmachtsphantasien, vorne weg waren und im Alter die Bilder nicht aus dem Kopf bekommen oder Abscheu empfinden bei Menschen, die sich an der Angst anderer aufgeilen, um Langeweile und Schwermut zu überdecken? Es wären keine guten Geschichten, wenn Rohms Chiffrierungen so einfach zu entwirren wären.
Seine Geschichten faszinieren auch, weil er es vermag, die Schwebe zu halten, zwischen dem, wie es sich zutragen könnte, aber nicht zutragen muss.
Wir müssen uns nicht einfühlen, wir können auch die Welt nehmen, wie er sie uns vorführt, voller Verrückter und Psychopathen und würden sie nicht mordend umherziehen, könnten wir uns zu ihnen zählen. Und wenn man beim Lesen doch zu einer Richtung neigt, bei der man vielleicht erschrickt, könnte man ja mal sein Weltbild befragen.
Wunderbare Geschichten, die Lust auf Neues wecken.

Henny Hidden

Rezension: Christine Lehmann – “Totensteige”

Heute mal mit einer Betrachtung zu Christine Lehmanns neuestem Buch „Totensteige“, das nicht nur wegen seines kolossalen Umfangs ein anhaltendes Nachdenken und Vergnügen bereitet.
Dass man nicht ein bisschen schwanger sein kann, wissen alle aufgeklärten Menschen. Dass man von übersinnlichen Kräften nichts erfahren kann, wenn man nicht bereit ist, fest an sie zu glauben, kann man sich vorstellen. Wer sich sofort umdreht und ausspeit, wenn er von Parapsychologie und dem ganzen Spuk hört, wird nie das Herzklopfen spüren, wenn sich Tische heben und sich Verblichene aus dem Totenreich melden. Er wird nie an seiner Geisteskraft zweifeln und wird es nie bereuen. Dabei kann eine Grenze zu überschreiten durchaus Vergnügen bereiten.
Ohne Opferbereitschaft keine Grenzerfahrung.
Das müssen auch Lisa Nerz und ihr wackerer Staatsanwalt Richard Weber erfahren, als sie, angetrieben von dem mysteriösen Tod eines Parapsychologen auf der Burg Kalteneck, versuchen, unter Festklammern an empirisch Beweisbares in die Welt des Nichterklärbaren einzutauchen und dabei physisch und psychisch kräftig durchgewirbelt werden. Als Teil der Fünf Freunde werden sie in die Unterwelt Edinburghs hinabsteigen, sieben schottische Weltmeere überqueren, dem bösen Medienzyklopen ins Auge blicken, und erst ab da wieder einigermaßen Grund unter ihren Füßen spüren. Und bei dieser fast schon ersehnten Standsicherheit bin ich dann auch als Leserin ganz und gerne bereit, mit diesem Buche schwanger zu gehen.
Ab jetzt führt uns die Autorin in jene Bereiche, wo der Lohn der Beschwörungen in irdischen Früchten abgegolten wird und das Nachdenken darüber lebendiger macht.
Geisterjäger und Geisterseher rufen Kräfte auf den Plan, die nach Wahrheit und Aufklärung schreien und Geldverdienen meinen. Bei der täglichen Inobhutnahme des Bürgers durch die vierte Gewalt im Staat ist die Angsterzeugung schon lange zu einem strategischen Instrument des Gewinnstrebens von Medienmogulen geworden. Auch Lisa Nerz, die kleine Schwabenreporterin, bekommt einiges an schmutzigen Details geboten, von der illegalen Informationsbeschaffung durch angeheuerte Detektive bis zu Geldbestechung von Polizisten, und kann so die Arbeitsweise ihrer großen Kollegen hautnah kennenlernen. Sie lernt sie nicht nur kennen, sie erlebt ihre Ausmaße am eigenen Leibe. Gemäß dem italienischen Filmtitel „Knallt das Monster auf die Titelseite“ müssen Nerz und Weber ohnmächtig erdulden, dass sie zu Getriebenen werden, die ihre Entscheidungsfähigkeit einbüßen.
Von außen als German Angst klassifiziert, von innen als ausgeprägtes Sicherheitsdenken beschworen, eint sich ein Volk bei der Teufelsaustreibung. Ein Volk, das sich gerne auf seinen Couchen fläzt, und sich nebenbei gesagt intellektuell am meisten bei Whodunnit Krimis herausgefordert fühlt, will die Wirklichkeit weder mit unwägbaren Konflikten noch mit unwägbaren Gespenstern ertragen. Sollen es doch die Politiker richten.
Und sie richten es auch. (Dass den politischen Zauberlehrlingen jedoch bei ihrer Götzenanbetung kein irdischer Meister helfen kann, steht auf einem anderen Blatt.)
Im Roman wird es ein Weltlenkungsausschuss sein, der die aufkeimende Angst der Politiker vor dem Aufstand der Massen mindern soll, indem er so tut, als ob er etwas tut. Als man dann erwägt, mit einem gefakten Unternehmen dem Spuk ein Ende zu setzen, läuft Lisa Nerz zur ganz großen Form auf. Wenn schon medial in die Enge getrieben, will sie, kämpferisch wie sie sich gibt, vorneweg agieren und dem Volk die emotionale Entlastung bringen. Vom Nahem betrachtet, wird so, ganz im Einklang mit den Mächtigen (Obama, Merkel, Medwedew und Benedict), die aufrührerischste und zugleich interessanteste Protagonistin des deutschen weiblichen Krimis von ihrer Erfinderin zu einem Element der Systemstabilisierung in Szene gesetzt.
Fragt sich, wie lange das noch auszuhalten ist? ;-)
Das Ende des furiosen Thrillers tröstet. Nicht mit dem Bewahren der Ordnung, sondern mit der Rettung des Freundes Richard Weber, der bei Lisa Nerz überdrehten Aktionen aus dem Takt gerät und mit einem Übermaß an Selbstenergie zu einer unerwarteten Wendung beiträgt. Der prinzipienfeste Mann darf so schön menscheln, dass es zu Herzen geht und man das Buchten letzten Endes ergriffen aus der Hand legt. Ein weiteres Nerzsches Abenteuer ohne den „erneuerten“ Richard Weber, unmöglich! Vielleicht braucht die ausgeflippte Lisa Nerz auch mal einen Raum, wo sie sich selbst finden kann.
Wie wär’s mit einem Kind. Zur Arterhaltung. ;-)

Christine Lehmanns Krimi ist ein Mammutbuch mit starken thrillermäßigen Elementen, das sich durchaus für eine Verfilmung anbietet. An der Autorin gefällt mir ihre unbändige Lust am Fabulieren, ich bewundere, wie sie eine wendungsstarke Handlung mit intellektuellen Fragestellungen zu verzahnen versteht, und immer wieder begeistert sie mich mit ihren detailverliebt ausgemalten Szenen.

Henny Hidden

Briefe an Henriette (9)

Liebe Henriette,

ich bin immer noch gedanklich bei der Umsetzung meines Vorhabens, eine Kurzgeschichte zu schreiben. Klebe immer noch an Raymond Carver wie an einen Kurzgeschichtengott, bin aber zwischenzeitlich zu seiner „Kathedrale“ gewechselt. Was soll ich sagen? Die Bissigkeit in seinen Dialogen bleibt, so wie ich sie kennengelernt habe und liebe, mit der Länge der Geschichten nehmen die elegischen Züge zu, was mich aber nicht sehr überrascht.
Manchmal denke ich in diesen Tagen an die Filme Michael Hanekes. Anlässlich seines siebzigsten Geburtstags wurde er in den Medien erwähnt, und ich sehe „Bennys Video“ und finde, in ihrer Absolutheit ähneln sich beide Künstler und ich könnte immer wieder die gleichen Stücke lesen oder sehen. Das gemeinsame Band, ist schon beglückend genug.
Fast. Hatte Lust das Krimidebüt „Das Handwerk des Teufels“ von Donald Ray Pollock zu lesen, aber die kontroversen Diskussionen einiger Kritiker haben mich, anstatt zu animieren, abgeschreckt, und ich dachte, wenn ich mich gleich dem Ursprünglichen widme, fällt diese ganze Voreingenommenheit weg. Also habe ich mir eine alte Ausgabe von „Winesburg, Ohio: Eine Reihe Erzählungen aus dem Kleinstadtleben Ohios“ von Sherwood Anderson besorgt und ein paar Geschichten gelesen. Schließlich gilt Anderson als ein Meister des Kurzgeschichtenschreibens, an dem sich viele bekannte Schriftsteller geschult haben.
Diese Tage sind zwei Neuübersetzungen dieses Buches erschienen, die sehr gelobt wurden. Das will ich, ohne sie zu kennen, gerne glauben, die Beschreibungen seiner Kleinstadtbewohner fand ich sehr schön zeitlos, wenn nicht sogar modern, was sich in der ausgefeilten Charakterisierung seiner Figuren zeigt.
Dennoch, ist er ein Autor, der mir im Moment nicht so nahe kommt. Mit seiner Liebe bei der Ausstaffierung von körperlichen Merkmalen und seinem Stehenbleiben der Figuren fehlt mir das Vorantreibende, das geballte Abgründige und wahrscheinlich werde ich doch noch den Pollock lesen.
Während Alice Munro, eine andere der großen KurzgeschichtenerzählerInnen, ihre Boshaftigkeiten wie ein Schlag Rahm unter ihre Erzählungen hebt, ist wohl Carver der unter ihnen, der es schafft, mit seiner Steigerung von Nebensächlichkeiten da innezuhalten, wo er den Leser am meisten irritiert und beeindruckt stehenlassen kann.

Zielstrebigkeit kann man Yves Ravey mit seiner Geschichte um eine „Bruderliebe“ auch unterstellen. Mit seinen einhundertneun Seiten präsentiert er dem Leser ein gut durchdachtes Buch, in einer Formenstrenge, welche seinem einmal aufgebauten Gerüst keine Erweiterung zubilligt, sondern ganz bei der Zementierung der Grundfesten verweilt.
So ist die Geschichte schnell erzählt. Zwei Brüder treffen sich nach vielen Jahren Auseinanderlebens im Dorf ihrer Kindheit wieder, um einen gemeinsamen Coup zu starten. Der im Ort ansässige Fabrikbesitzer soll um eine halbe Million erpresst werden, die Beute wollen sich die Brüder teilen. Die schöne Tochter des Unternehmers, die von ihnen entführt wird, dient als Druckmittel.
Der Leser erlebt die Stunden um die Tat aus der Ich-Perspektive des Bruders Max, der im Dorf geblieben ist und als Buchhalter im Werk des Unternehmers arbeitet. Vergeblich hat er sich all die Jahre um die Unternehmenstochter bemüht, seine Liebe ist noch so am Flammen, dass er bis zum Schluss auf ihr Entgegenkommen wartet.
Die Geschichte wird vornehmlich über das Agieren und das Räsonieren der beiden Brüder transparent und ihre Entschlüsselung ergibt sich aus dem Versuch, eine größere Menge der unterschiedlichen Sichtweisen zu einer Einheit zusammenzubringen. Dass da der Bruder Max mit seinen Einlassungen im Vorteil ist, liegt nicht nur an der Figurenperspektive, sondern auch an dem Ausgang der Erzählung.
Es ist dem Buchhalter, wie ich glaube, nicht um das Geld gegangen, das er am Ende als Einziger in den Händen hält, sondern um Kontrolle und den Besitz von Macht, das er in seinem bisherigen Leben nicht erlangen konnte. Beide seiner wichtigsten Bezugspartner, der überlegene Bruder Jerry und die angebetete Samantha, haben ihn je an ihrem Leben teilhaben lassen. Ohne Aussicht auf ihr Nahekommen und sein Aufgehobensein findet sein letztes Aufbäumen statt.
Er nutzt ihre Gier und ihre Begierden, um die verschiedenen Parteien aufeinanderzuhetzen, um als vermeintlicher Sieger hervorzugehen. Um seinen Schlusspunkt zu setzen.
Es ist der hohe Preis des Verlustes, den er zu zahlen mehr und mehr bereit ist, je größer die Zurückweisung wird, die er im Laufe des Geschehens erfährt. Er, der beständig wirbt, vergewissert sich in vielen von ihm provozierten Dialogen der Richtigkeit seines Tuns, und er wäre nicht der traurige, einsame Buchhalter, wenn er nicht von Anfang an den Verrat in seinen Eckpunkten geplant hätte.
Hier zieht sich der Gedanke wieder zu dem erwähnten Gerüst, das auch wegen Yves Raveys sparsamen Sprachstils im Verlaufe immer mehr mit zu einer Betonummantelung gerät. Sichtbar wird das bei der Einsetzung des Zufalls, der oft ein Katalysator ist. Das Nähset am falschen Ort, das die Bezugspunkte noch einmal hätte verschieben können, wird mit der schnell akzeptierten Erklärung ohne großen Zweifel und Ausmaß in die Handlung integriert. Beim zu dünnen Bohren wird nichts wackeln, und ein Hinterhinterfragen darf sich der Leser ohnehin nicht gestatten.
Aber alles in allem: Ein feines Psychogramm, bei dem die Linie vom Individuellen zum Gesellschaftlichen nicht leicht zu ziehen ist, das aber durch seine Kunstfertigkeit besticht.

Und nun, kleine Schwester, werde ich mich den weiblichen Krimis widmen.

Sei herzlich gegrüßt

Henny

Briefe an Henriette (8)

Meine Liebe,

ich bin von der Rolle. So kann man meinen Zustand beschreiben. Vielleicht wirst Du nach dem Lesen verstehen, warum meine Krimiempfehlungen immer spärlicher werden. Ich bin von der Krimirolle und schaffe den Aufsprung nicht mehr.
Es gibt Zeiten im Leseleben, da passen keine Bilder mehr, und alles Gelesene verliert sich schon im nächsten Augenblick. Es gibt Bücher, da weigert man sich, die nächste Seite umzublättern. Manfred Bomms Krimi „Beweislast“ z. B. habe ich wegen zu gefühlsseliger Garnierung von Wirklichkeit abgebrochen. Ulrich Ritzels „Schlangenkopf“, der durch gute Recherche und einer zusammengepuzzelten Umsetzung beeindruckte, wirkte durch seinen konventionellen Anstrich immer fader, bei Georg M. Oswalds „Unter Feinden“ interessierte mich nur der Spannungsaufbau durch das Wechselspiel der beiden Protagonisten und bei Mike Nicols „Payback“ interessierte mich schon gar nichts mehr.
Ich habe keine Lust mehr, mich in die Welt der Drogenjunkies zu begeben, zu erleben, wie man mit fiesen Schutzgelderpressern fertig wird, korrupten Polizisten ausgeliefert ist und mit Gewaltexzessen einen Blick in die Apokalypse bekommt. Ich habe keine Lust mehr, mich von der „fiktiv schrecklichen“ Welt auf Erden vernebeln zu lassen, um dann irgendwann die eigentlichen Beziehungsdramen zu begreifen.
Was macht man in dieser Situation? Man sucht den Ausweg bei den Klassikern.
Oh ja, ich habe Krimis gelesen. Andere Krimis. Friedrich Ani, der auf Twitter erklärte, dass Cornell Woolrich zu seinen Lieblingsautoren gehöre, war für mich Anlass, die Geschichte „Fenster zum Hof“ zu lesen. Obwohl mir die Geschichte durch den Hitchkockschen Film nicht unbekannt war, hat sie mich wieder gefesselt, vor allen Dingen erstaunt, wie klar und stringent man auf die Lösung hinarbeiten kann, ohne die Spannung zu verlieren und im Nachhinein bin ich immer noch über die Wirkung überrascht.
Noch interessanter fand ich „Kaltblütig“ von Truman Capote. Beruhend auf dem Vierfachmord, der an einer Familie verübt wurde, hat Capote den Tatsachenroman geschrieben und er hat mich mit der großen Konzentration, mit der er die einzelnen Szenen wie Schauplätze ausarbeitet, überzeugt. Gerade durch die sachlich und damit kühle Beschreibung der Vernehmungen, der Gerichtsverhandlung und der Vollstreckung des Urteils erhält man ein Bild von den beiden Tätern, das zeigt, wie viel Zufall, Glück und Kalkül, wie viel Beziehungsstress und Darstellungssucht zusammenspielten, um es zu dieser Tat kommen zu lassen. Wenn es, so wie ihm, gelingt, den verpfuschten Werdegang eines Mörders so eindringlich zu skizzieren, verwundert es nicht, dass der Leser Sympathien zu einem Mörder aufbaut. Ein ganz großes Buch.
Du wirst sicher bemerkt haben, dass ich mich weg von den politischen Romanen und damit von den stromlinienförmigen Empfehlungen der Bestenlisten bewege. Nun, ich mag gern das Skelett sehen, um mich an den Knochen zu reiben.
Meine Vorliebe kommt nicht von ungefähr. Schuld ist ein Mann. Einer, den ich schon lange gesucht habe und bei dem ich mich angekommen fühle.
Ehe Du weiter fragst, es handelt sich um einen Autor, der schon lange tot ist.
Es ist Raymund Carver.
Schade für mich, dass ich ihn erst so spät entdeckt habe.
Raymund Carver ist ein amerikanischer Schriftsteller, der 1938 geboren und 1988 an Lungenkrebs gestorben ist. Vielleicht hat sein frühes Ende auch mit seiner Alkoholsucht zu tun. Sein Werk besteht überwiegend aus Kurzgeschichten, und er gilt durch seinen Stil als ein Vertreter des literarischen Minimalismus.
Ich habe bisher nur den Kurzgeschichtenband „Würdest Du bitte endlich still sein, bitte“ gelesen. Mit großer Freude. Die Figuren in seinen Geschichten stammen aus dem amerikanischen Mittelstand, vielfach auch darunter, aus dem Prekariat würde man heute sagen. Es sind oft Verlierer und Einsame. Meistens geht es um gestörte Beziehungen in der Ehe, in den Familien oder bei befreundeten Ehepaaren. Seine große Kunst besteht im Zeigen der entfremdeten Beziehung durch Kommunikation, wobei die Dialoge abwegige Züge annehmen.
Denk Dir mal folgende Geschichte:

Ein Ehepaar beobachtet aus ihrem Fenster, wie ein Mann regelmäßig ins Freie geht, um in sein Schlafzimmerfenster zu starren. Hinter dem Fenster steht seine Frau und zieht sich aus. Nachdem sie sich ausgezogen hat, löscht sie das Licht, und der Mann kehrt zurück in die Wohnung.
„Was kann sie haben, was andere Frauen nicht haben“, fragt die Frau ihren Ehemann.
„Das ist es ja gerade“, sagte Vern.
Nach wiederholten Malen blickt die Frau aus dem Fenster und sagt:
„Diese Schlampe“… „Allein der Gedanke“

Na, ja das ist jetzt sehr verkürzt wiedergegeben, aber die Idee für die Kurzgeschichte finde ich phänomenal. Ich war so fasziniert, dass ich mich inspiriert fühlte, auch mal eine Kurzgeschichte zu schreiben, da mir aber angesichts dieser Genialität nichts Gescheites einfiel, habe ich es schnell aufgegeben.
Beim Lesen der Geschichten kann man das Nachdenken darüber, wie der Autor es wohl gemeint haben könnte, getrost unterlassen. Nur das Gelesene auf sich wirken lassen und nur nicht den Eindruck zerstören. Raymund Carver kann Dialoge schreiben, wie ich seit Jahren keine gelesen oder gehört habe. (Höchstens bei Loriot!!) Obwohl sehr minimalistisch in seinen Beschreibungen, braucht der Leser nicht mehr, um zu begreifen. Das ist ja das Fatale, man weiß sofort Bescheid. Und je minimalistischer die Erzählweise, um sie mehr kippt das Ganze ins Absurde. Und man fühlt sich überführt.
So wie es aussieht, werde ich wohl jetzt alle seine Werke lesen. Auch um zu sehen, ob sich die späteren Geschichten von den früheren unterscheiden. Ob er sich noch steigern konnte. Was ein Vergnügen wäre.

»Reductio ad absurdum ist eines meiner Lieblingsgetränke«, sagt der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares, und manchmal überlege ich schon, ob ich weiter Krimis lesen soll.

Bis bald

Henny

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Briefe an Henriette (7)

Liebste Henriette,

wie ich höre, bist Du auf dem besten Wege, eine Einheimische zu werden. Muss ich Dich beneiden? Und Du berichtest, dass Du im Gerhart-Hauptmann-Haus ein halbes Jahr im Archiv mitarbeiten darfst. Wem hast Du da schöne Augen gemacht? Gut, Dir lesenswerte Krimis jetzt unter Deinem „besonderen“ Blickwinkel zu empfehlen, wird ja nicht einfacher werden.
Dramatik ist natürlich schwerlastiger als das Krimigenre. Und es braucht immer mehrere Akteure, die die Qualität heben und das Publikum applaudiert. Bei den Krimis ist der Leser mit dem Autor allein. Gut, manchmal ist ein Übersetzer dazwischen, aber der fällt nur auf, wenn was stört.
Werden gute Krimis eigentlich zu allen Zeiten immer gleich hoch geschätzt? Wenn ja, woran liegt das?
Aber zurück zur Dramatik. Bei uns in Berlin habe ich drei verschiedene Kirschgarteninszenierungen entdeckt, und eine wollte ich mir unbedingt ansehen. Wenn das mal kein Zeichen an der Wand ist, der Künstler als Seismograph seiner Zeit. Ich wollte ja unbedingt in die Inszenierung in den Sophiensälen, weil Striesow mitspielte, weil ausverkauft, musste ich mit dem Stück im Berliner Ensemble vorlieb nehmen.
Wer sich Tschechow ansieht, denkt unweigerlich über den Untergang einer Epoche nach. Stehen die Zeichen auf Untergang? Zumindest auf Neuordnung. Auch die Mächtigen wissen es und sie reagieren, vernebeln immer stärker die Augen der Menschen mit unerträglichen Jubelmeldungen. Da fangen sich schon einige Intellektuelle an zu wundern, warum sie solange stillhalten.
Und wenn es uns ganz eng ums Herz wird, versuchen wir es mit einem schönen gruseligen Krimi uns warm werden zu lassen. Jede Zeit hat so seine eigenen Vergnügungen. Offen für gruselige Serienmörder oder Ufa-Heimatschinken. Lesen entlastet.
Da fange ich gleich mal mit Casey Hills „Tabu“ an. Warum ich zu diesem Krimi gegriffen habe, kann ich selbst nicht erklären. Wahrscheinlich hat mich die Vorstellung eines gebildeten Serienmörders mit Vorliebe für „Freudsche“ Begrifflichkeiten gelockt, aber im Grunde genommen verlief alles bieder, langweilig und quälend. Auch bei Kate Atkinsons „Das vergessene Kind“ habe ich gerätselt, warum es das Buch mehrfach auf die Krimibestenliste geschafft hat, jeder zweite Satz hat sich mir beim Lesen quergestellt, wären da nicht die sympathischen Figuren gewesen, hätte ich die letzte Seite nicht vor mein Gesicht bekommen. Es handelt sich um den ersten Krimi, den ich auf einen Reader gelesen habe. Das Gute beim Readerlesen ist das leichte Hinüberspringen zum nächsten Buch, wenn man von einem genug hat: Das ging bei mir von Atkinson zu Ulrich Ritzel, ganz neu mit seinem Buch „Schlangenkopf“ und siehe da, seine Sätze flutschten so flüssig wie blanke Sahne.
Mal weg vom Krimi zum Buchpreisträger des Jahres und Eugen Ruges Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichtes“. Ein Familienroman buddenbrookschen Ausmaßes, lobt ihn Iris Radisch, während Denis Scheck ihn weit hinter Antje Rávic Strubels Inzestdrama sortiert.
Gefällig lautet das Urteil, gut einzufühlen, interessanter Stoff und manchmal vergnüglich zu lesen, die Beschreibung einst unverwüstlicher Genossen, die er vorführt, und die im Verlaufe zur Karikatur geraten. Dabei schöpfte der Autor aus einer Wirklichkeit, die ganz anders, unsagbar härter war. Und so entzünden sich die Gedanken eher am Schicksal des Vaters, der zwölf Jahre im Gulag verbrachte, ein Buch darüber schrieb, dass jetzt von Eugen Ruge neu aufgelegt wurde. In den Interviews, die Eugen Ruge gab, lese ich einen Satz über die Lagererfahrungen des Vaters, der ungemein schockt:
„Wenn man überleben wollte, war Kameradschaft oft unmöglich.“
Der Gulag. Im Gedächtnis addieren sich Schwarzweißbilder, elende Reihen von Menschen in einer Landschaft, ohne Anfang und ohne Ende.
Ist Dir eigentlich bekannt, dass Anton Tschechow zu den Verbannten auf die Insel Sachalin gereist war und diese ärztlich versorgte? Er behauptete sogar, jeden Strafgefangenen einmal getroffen zu haben, so gründlich hatte er sich mit ihrem Leben befasst. (Das wäre später um Workuta angesichts der Zahlen nicht möglich gewesen.)
Was kann man angesichts geschichtlicher Tatsachen noch für packende Krimis schreiben? Wirkt nicht jeder deutsche Krimi gegen die südafrikanische Wucht wie ein Knieaufschlagen von Gutmenschen? Selbst wenn AutorInnen versuchen, der wachsenden Ungleichheit im Land einen aufschreienden Ausdruck zu verleihen, wird aus Berlin noch kein Port-au-Prince, Kapstadt oder Los Angeles.
Vielleicht hat die Autorin Monika Geier ganz gut erfasst, wie sich gegenwärtiges gesellschaftliches Klima niederschlagen kann, als sie in Reaktion auf die Diskussion ihres Krimis „Müllers Morde“ bemerkte: Sie wollte erreichen, dass alles im Buch wackelt und nichts sicher sein sollte. Aufziehende Zeichen einer Veränderung sind die Unsicherheiten, die in gehäuftem Maße auftreten, und das literarisch umzusetzen, halte ich für eine stilistisch überzeugende Methode.
Ich will nicht vergessen, Dich auf Malla Nunn, einer großartigen afrikanischen Krimischriftstellerin hinzuweisen, dessen Buch „Ein schöner Ort zum Sterben“ mich überrascht hat. War mein Bild doch zu sehr von R. Smith und Co. geprägt und konnte deshalb den weiblichen Blick gut vertragen.
Ein Ermittler wird in die Provinz geschickt, um den Mord an einem weißen Polizisten aufzuklären. Die Handlung spielt im Jahr 1952, die Apartheidgesetze verschärfen den Umgang der Rassen, daneben existiert die Wirklichkeit, in denen Schwarze und Weiße miteinander leben, sich mehr oder weniger arrangieren, anpassen, die Gesetze nach ihren Interessen umgehen und versuchen, nicht das Misstrauen der Gesetzeshüter auf sich zu ziehen.
Das Buch hat mich an Mechtild Borrmanns Krimi „Wer das Schweigen bricht“ erinnert, das sich auch dem Konfliktfeld zwischen dem allzu Menschlichen und dem gesellschaftlich Erwünschten widmet.
Vielleicht ist das auch eine Möglichkeit, Krimithemen zu finden. Wenn die Druck der Anpassung an Gesetzesvorschriften für die Menschen immer größer wird, weil sich ihre Wirklichkeit dagegenstellt.
Oh, man, jetzt habe ich mich total verzettelt. Wollte eigentlich eine ganz andere Frage diskutieren.
Soll man beim Schreiben an den Leser denken? Wenn Du Lust hast, kannst Du mir ja schon mal Deine Gedanken darüber mitteilen. Ich bin ganz Ohr. Auch über die anderen Verlustierungen!!

Liebe Grüße

Henny

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Mein ganz persönliches Krimilesejahr 2011


Ich wünsche allen Lesern ein friedliches Jahr 2012.
Mögen wir ehrlich zueinander sein.
Das Buch, das mich im ersten Halbjahr am meisten beschäftigt hat, war Derek Nikitas Scheiterhaufen vom Seeling Verlag. In Schreibratgebern stößt man ja häufig auf die Ansicht, dass zu einem gelungenen Buch ein positiver Held gehört, der den Ereignissen trotzt. Nur wenn der Leser mit dem Helden mitfiebern kann, gelinge eine Einfühlung und ein erhabenes Lesegefühl stellt sich ein. Derek Nikitas versucht es anders. In mehreren Handlungssträngen lässt er seine nicht gerade sympathischen Protagonisten auf die Katastrophe zustreben und dem Leser wird, je ohnmächtiger er sich fühlt, der Glaube an das Gute im Menschen ausgetrieben. Auch Roger Smiths Blutiges Erwachenund Peter Temples Wahrheit bedienen sich ähnlicher Muster, ihre Krimis hallen lange nach, länger als bei den anderen, mit ihren Superkommissaren, die einen Fall auf jeden Fall lösen.
Seien wir ehrlich, ohne sie wäre die Krimiwelt aber auch nur halb so schön.
Dann erschien Friedrich Anis Süden. Und meine Vorstellung von Liebe bekam eine andere Dimension. Was wären Kriminalromane ohne die Thematisierung der Liebe? Blutleer. Aus Liebe sterben, in wunderbarer Ani’scher Ausführung, ein Buch, das mich zum Grübeln brachte.
Auch in Mechtild Borrmanns Wer das Schweigen bricht wird das Thema Liebe aufgegriffen, mit einem geschichtlichen Hintergrund verkoppelt und auf die Spitze getrieben. Die Frage bleibt im Raum, ob es sich um Liebe handelt, wenn ein Mensch seiner Angebeteten seelische Grausamkeit widerfahren lässt? Handelt es sich überhaupt um Liebe oder ist für uns Liebe das, wovon Menschen meinen, dass das zur Liebe gehört? Im Endeffekt ist das ja auch egal, beim Nachdenken bin ich dann auf den Luhmann’schen Liebesbegriff gestoßen und bin dann wieder zurückgekehrt zum Krimi, mit seiner auf Motivation basierenden Folgehandlungen, aus der sich die Logik einer Geschichte bestimmt. Und überhaupt gehört es zu einem guten Krimi, dass auf eine vollständige Erklärung des Unerhörten verzichtet wird. Nebenbei gehört für mich zu den besten Büchern, die von unerfüllter Liebe und der damit einhergehender Rache handeln, Sofi Oksanens Fegefeuer.
Immer aufgeschlossen bin ich gegenüber jenen AutorInnen, die Beziehungsdramen im überschaubaren Raum entwickeln. Anne Goldmann mit ihrem Buch Das Leben ist schmutzig lotet detailverliebt die Abgründe von Wohnungsnachbarn aus und Regine Nössler bietet mit Auf engstem Raum eine Kammer des Schreckens. (Nein, ich will auf dem Teppich bleiben, ist nur so ein schöner Bezug)
Überhaupt Ariadne. Der Krimiverlag so stark wie nie und seine Neuentdeckungen größtenteils eine Überraschung. Und der Emonsverlag hat sich regional so breit gefächert, dass man den Eindruck nicht los wird, die Zahl der AutorInnen nimmt von Monat zu Monat zu. Bei den Verlagen gehört es mittlerweile dazu, die Internetplattformen und auch die kleinen Blogger in ihre Marketingpolitik einzubinden und bei den Angesprochenen erzeugt es ja auch ein angenehmes Gefühl, so beachtet zu werden.
Aber wenn der Punkt naht, wo man dem Erwartungsdruck nicht mehr entsprechen kann, muss man die Reißleine ziehen. Im Sommer habe ich mich entschieden, anzukündigen, keine Rezensionen mehr zu verfassen. Längst überfällig hat es mir geholfen, mich auf mich selbst zu besinnen.
Mit den rareren Rezensionsexemplaren ändert sich auch das Auswahlverhalten bei der Anschaffung von Krimis. Es erstaunt mich schon selber, nach welche Kriterien ich auswähle: 1. nach der Leseprobe 2. nach dem Preis eines Gebrauchtbuches.
Leseproben sind für mich zum absoluten Muss geworden. Bei den deutschsprachigen Krimifrauen versuche ich jedes neue Buch über eine Leseprobe (soweit vorhanden!) zu erkunden. (So bin ich z. B. auf den Krimi Ich bin ein Mörder von Brigitte Pons aufmerksam geworden.)
Bei der Anzahl von Büchern, die ich lese, spielt der Preis eine große Rolle. Bestseller lassen sich gut wiederverkaufen, aber der Verlust von Zeit scheint inzwischen schmerzlicher als der Verlust von Geld beim Wiederverkauf.
Ja, ich habe alles mitgenommen, von Neuhaus, Landorff, Dorn, Bentow, Kliesch bis zum Augenjäger, von den Krimis der neuen skandinavischen Doppelautoren bis Nesboes „Larve“, die mir im Hals stecken blieb. Wenn ich ein Resümee ziehen müsste und meinen Erinnerungswert zugrunde lege, hätte ich mir vieles schenken können. Auch wenn die Verlage mit ihren Klappentexten noch so locken, meine Suche nach beeindruckenden Krimis wird sich wohl mehr zu den kleinen Verlagen mit weniger bekannten AutorInnen verlagern.
Manchmal lese ich die von der Seitenzahl „kleinen“ Krimis im Vorbeigehen und erlebe nicht selten ein großes Glück. Bernhard Aichner mit seinen slapstikartigen Dialogen in seinem Für immer tot: Ein Max-Broll-Krimi faszinierte mich, Ria Klug hat mit ihrer transsexuellen Protagonistin Nel in Kleine Betriebsstörung eine Figur geschaffen, die mir immer sympathischer wurde, und letztendlich hat Guido Rohm mit seinem Text Blutschneise es wieder geschafft, aufzutrumpfen.
Mein erster und letzter Gedanke beim letztgenannten Buch wohl so eine Art Quintessenz. Welchem Thema kann sich ein Autor nach diesem Stoff noch zuwenden, wenn er uns eine Wirklichkeit so minimalistisch auf den Punkt gebracht präsentiert? Wenn er sich nicht im Kreise drehen will? Nun ist das nicht mein Problem, aber gespannt bin ich schon. Und richtig konsequent gedacht stellen seine Opferbeschreibungen am Ende des Buches auch so etwas wie eine Vergewaltigung oder zumindest eine Entschuldung des vordem Erzählten dar. Sich selbst als Autor in die Geschichte einzubauen und auch noch durch Tod zu entledigen erscheint dagegen logisch. Guido Rohms Krimi zeigt, wie man Literatur in eine extreme Form gießen muss, damit der moralische Grad der gesellschaftlichen Beziehungen in seinem Ausmaß nicht nur erkennbar, sondern auch fühlbar wird.
Zum Jahresende las ich noch ein Buch, das mich in Aufruhr versetzte. Es handelt sich um Wolfgang Herrndorfs Sand. In diesem Krimi (ich weiß nicht, ob er überhaupt dem Genre zuzurechnen ist) erlebte ich einen Autor, der so erfrischend anders erzählt, dass Lesen zum reinen Vergnügen wird. Dabei Erzähltechniken anwendet, die wohl jeden Schreibcouch in Rage versetzen würde. Ganz beiläufig wird über Mord und Folter berichtet, Dialoge werden bis zum Geht nicht mehr hin und her gewendet, Handlungen in ungeahnte Höhe getrieben und dann ins Absurde verkehrt und kommt es vor, dass sich sein Held aus einer für ihn gefährlichen Situation befreit, wird der Erfolg auch noch lustvoll zerstört. Vielleicht spricht mich Herrndorfs Prosa deshalb so an, weil dieses widersinnige Denken nicht zum kriminalistischen Geschäft gehört. Und ich bewerte jetzt fernab jedes kriminalen Bajuwarentums. Ich wünsche mir von diesem originellen Autor noch einige “verquere” Bücher, auch wenn es bei seiner Krankheit schwer für ihn wird, zu schreiben.
Das Jahr ist zu Ende, von der Krimizeitbestenliste des Jahres habe ich, Wunder, fünf Krimis gelesen, zwei werden noch hinzukommen.
Homicide: Ein Jahr auf mörderischen Strassen würde ich gern noch lesen, ebenso Uta- Maria Heims Buch Feierabend, das eine gute Besprechung erhielt.
In nächster Zeit freue ich mich auf Geburtstagsgeschenke: Olga Tokarczuks Der Gesang der Fledermäuse und Judith Schalanskys Der Hals der Giraffe. Sommerhaus mit Swimmingpool von Herman Koch werde ich auch noch irgendwo anbringen und bei Die Schmerzmacherin von Marlene Streeruwitz überlege ich noch den Kauf.
Ein guter Leseanfang, meine ich.

Bis auf weiteres

Henny

Briefe an Henriette (6)

Ich mach’s kurz, beweg deinen Arsch, bevor du da oben festfrierst, beweg ihn rasch und in Richtung Heimat. Wenn sie dir lieb und teuer ist.
Was ist Heimat für uns? Dort wo ich aufgewachsen bin, werden viele sagen. Aber nicht nur die Erinnerungen an die Familie, in der wir hineingeboren sind, vermitteln uns ein Heimatgefühl, sondern mehr, viel mehr, die Gerüche auf der Straße, die Gesten der Nachbarn, die Sprechweise der Städter, der Dörfler, ihr, ihr Klagen und ihr Tun. Und die Landschaft, die wir als Kinder erkundet haben, Ruinen, Abbruchhäuser, Wiesen und Wälder, in denen nicht nur geheimnisvolle Steine uns vom früheren Leben erzählen, sondern auch manche Kriegsüberbleibsel.
Jeder Mensch spürt es, dieses Heimatgefühl, welches zu ihm gehört wie eine zweite Hülle, in der er sich wohlfühlt oder die er vergebens abzustreifen versucht. Heimat ist immer auch ein Reiben, ein Annehmen und Abstoßen, ein Leben lang.
Und manchmal findet man die geschichtlichen Begebenheiten in dem Landstrich, in dem man aufgewachsen ist, so ungeheuerlich und nachdenkenswert, dass man den Nachgeborenen erzählen will, was das für ein merkwürdiger Menschenschlag ist, von dem sie kommen und, warum sie so sind, wie sie sind.
Wir sind noch die Chronisten des zwanzigsten Jahrhundert. Es ist wahrlich kein einfaches Unterfangen, in das sich der Krimiautor und Chronist Manfred Wieninger da begeben hat. Mit seinen Reportagen an das „Das Dunkle und das Kalte“ in der Geschichte seiner niederösterreichischen Heimat zu erinnern, wird er vermutlich nicht bei allen seinen Landsleuten auf Gegenliebe stoßen.
Und doch ähneln sich bei den Bewohnern in dem niederösterreichischen Sankt Pölten die Abgrenzung- und Zuordnungsmechanismen mit denen vieler anderer Menschen in Provinzstädten und ländlichen Regionen. Oft häufen sich Konflikte, wenn es um die Toleranz im Zusammenleben geht, um Toleranz gegenüber Andersartigen, den „Zuagrasten“, den Fremdländischen, aus denen einfachstes menschliches Handeln gerade auch in den dunkelsten Zeiten erwächst.
In Sankt Pölten gruppiert sich das Leben im zwanzigsten Jahrhundert hauptsächlich um die Glanzstofffabrik, eine Chemiefabrik, die von 1904-2008 existierte und die die Stadt mit dem Gestank nach faulen Eiern beschenkte und einem örtlichen Fußballverein. Der Hunger nach Arbeitskräften mobilisiert den Einsatz von türkischen Gastarbeitern, die das Gesicht der Stadt mitprägen. Der Rhythmus des Lebens wird bei vielen Einwohnern durch die Maschinenarbeit bestimmt und das heißt Disziplin und Ordnung. Da passen z. B. die liederlichen „Jenischen“ nicht ins Bild. Heimatdichter nehmen dieses Lebensgefühl auf und zeigen, wie sich Provinzler zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex deutschnational und antisemitisch gebärden.
Mit der Kriegszeit und der Nachkriegszeit fing das dunkelste Kapitel in der Geschichte dieser Stadt an: Hauptsächlich ukrainische und russische Zwangsarbeiter, in Baracken zusammengepfercht, mussten unter unsäglichen Bedingungen in der Glanzstofffabrik arbeiten, unter miserablen hygienische Bedingen wohnen und hungern. Auch dass täglich nur 14 Brote für 180 Personen ausgeteilt wurden, dokumentiert Manfred Wieninger akribisch.
Und von jenen, die der Überlebensmut verlassen hat, berichtet er:

„So trank etwa der Zwangsarbeiter Forma Swinarenko am 4. Dezember 1944 um 14.20 Uhr in der Glanzstoff so viel Lauge, dass er wenigstens im Tode frei war.“

1945 erfolgte die Zwangsräumung des Lagers durch die SS und der Todesmarsch in Richtung KZ Mauthausen, den viele nicht überlebten. Er erzählt von Menschen, wie der Krankenpflegerin Ursula Skafar, die andere Menschen vor dem Tod retteten und später keine Würdigung erfahren, während Plätze in der Stadt den Namen ehemaliger Nazis tragen. Und das ist vielleicht der größte Skandal, den Wieninger beschreibt, die Karriere eines ehemaligen NS-Blutrichters, der nach dem Krieg ungestraft in Amt und Würden kommt und die Entschädigung von NS-Opfern hintertreibt. Und er spart auch die willigen Handlangerdienste der Einheimischen wie beim Massaker von Hofamt Priel nicht aus.
Das sind Reportagen, die aufgrund ihrer Faktendichte und den Erfahrungsberichten sehr eindrucksvoll geraten sind und denen man nicht nur viele aufgeschlossene Leser wünscht, sondern noch mehr jene Leser, die das erste Mal von den nicht ganz bequemen Geschichten aus dieser Provinz erfahren.

Grüße von Henny

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Briefe an Henriette (5)

Liebste Henriette,

diesmal empfehle ich Dir einen Krimi, von dem ich mir wünsche, dass er die Erinnerung an unsere Heimat ein bisschen wach hält und Dich ein großes Stück mehr ermuntert, zurückzukehren, in unseren geliebten Moloch mit seinen Absonderlichkeiten und Verrücktheiten. Berlin ist hip, schwärmen alle Berlinbesucher und ich halte dagegen, Berlin ist aufreibend, kleinlich und poplig.
Ein Beispiel davon kann man in Regina Nösslers Thriller „Auf engstem Raum“ erleben. Ja, soweit sind wir schon, dass wir die ungeschönte Realität hinter all den Sexy-Betörungen unseres Bürgermeisters in der Literatur suchen und finden müssen.
Der Roman ist in einem kleinen Schreibwarenladen in Zehlendorf angesiedelt, du weißt schon, diese winzigen inhabergeführten Läden, die stetig abnehmen, und in denen man immer etwas sucht, was man doch nicht finden kann. Es ist der Weg zurück in unsere Kindheit, die wir riechen und schmecken wollen, zurück in eine Zeit, in der uns noch bunte Abziehbildchen beglückten und wir in den Kisten und Regalen nach ausgefallenen Waren stöberten, weil wir unsere Freundinnen, die immer eine größere Farbanzahl von bunten Malstiften besaßen, auch mal beeindrucken wollten.
In diesem Buch tauchen wir in die Welt der Ladenbesitzer und ihrer Angestellten ein, in eine Welt, die alles andere als paradiesisch und friedlich ist. In der heutigen Welt sind ja die meisten Verkäufer keine Angestellten mehr, sondern Zeitarbeiter oder wie in diesem Fall mittellose Studenten, die als Aushilfskräfte den Laden zusammenhalten und nur nebenbei an ihrer Doktorarbeit werkeln können. Der männliche Part des Ladeninhaberehepaars ist ein Kontrollmensch und Gewohnheitstier, stur und rechthaberisch, seine Gattin eine unausgeglichene, unausgefüllte Frau. Womit ja schon mal die Konfliktherde geschaffen sind.
Allen ist gemeinsam, dass sie ihre Kunden hassen, diese ewig nörgelnden, meckernden, fordernden Schnäppchenjäger, Rabattfeilscher und Rentnerplagegeister, die sie zwingen, zu erläutern und zu suchen, was sie schon hunderttausend Mal erläutert und gesucht haben.
Jegliches Handeln geschieht auf engstem Raum, der keine Privatsphäre zulässt und den Abstandsradius, den ein Mensch für sein Wohlempfinden beansprucht, aufs Gröbste beschränkt. Man wartet geradezu, dass sich das explosive Gemisch entlädt. Bevor aber nun der eigentliche Mord geschieht, mehren sich die Anzeichen, ganz einem Psychothriller gemäß, dass etwas Unheilvolles im Schwange ist. Ein Mann stirbt an der Eingangstür, eine Kundin kippt im Laden um und dann geschieht der Mord, spektakulär unspektakulär für einen Krimi, und wird danach die Wogen für einige Zeit glätten helfen. Bis dieser kleine Tod auf Raten, den jeder einzelne Mitarbeiter tagtäglich in sich spürt, erneut den Anlass für einen Gewaltausbruch mit schlimmen Folgen gibt.
Das ist ein sehr gut zu lesender Krimi, einfallsreich und souverän komponiert, stilistisch sicher, spannungsgeladen, mit dem Mut zu Lücken, die zum Nachdenken anregen. Wer Kammerstücke mit ihrem begrenzten Personal mag, menschliche Abgründe und seelische Verletzungen, facettenreich aufgeblättert, besser verstehen will, wird den Krimi lieben. Diese gekonnt erzählte Geschichte fasziniert durch ihre Einfachheit ebenso wie durch ihre Konzentration.
Und ich bin mir sicher, dass Du nach dem Lesen des Buches den kleinen Laden nebenan nicht mehr mit unschuldigen Augen betreten wirst.

Liebe Grüße

Henny

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Briefe an Henriette (4)

Liebste Henriette,

ich glaube ja inzwischen, dass Du den Winter auf der Insel verbringen wirst. Einmal am Tag am Hauptmannhaus vorbei bis zum Leuchtturm hoch und zurück über den Dornbusch. Kannst Du Dich noch erinnern, wie uns der Wind fast auf die Erde drückte? Von der dortigen Wetterstation meldet sich im Fernsehen schon lange kein schwankender Wettermann mehr. Die Kraft des Windes auf dem Bildschirm zu sehen, entfachte in mir immer wieder die Sehnsucht nach diesem meerumtosten Landstreifen.
Nicht nur die platte mediale Abbildung entzückt uns. Wie du weißt, können auch mit Worten Welten erschaffen werden, die uns erfreuen oder erschaudern lassen, oder auch beides gleichzeitig.
Und manchmal wird man im Brustton der Überzeugung ausrufen: Genauso ist es! So habe ich es erlebt!
Ob ein Leser das Fiktionale so anzunehmen bereit ist, hängt von der Kunst eines Autors ab, die Welt glaubwürdig abzubilden. Was sich natürlich nicht darauf reduziert kann, eine Begebenheit in allen Einzelheiten zu beschreiben.
Dass ein Autor es schafft, dem Leser eine Glaubwürdigkeit vorzugaukeln, hängt von seiner Fähigkeit ab, essentielle Elemente aus dem Alltag herauslösend so zu verpacken, dass bei ihm ein Reiz des Bekannten ausgelöst wird. Womit wir beim Authentischen wären. Letztens habe ich im Radio einen interessanten Beitrag über das Authentische gehört. Inzwischen längst zu einem Modebegriff stilisiert, wurde der Begriff mehr und mehr aus der Kunst herausgehoben und dem menschlichen Verhalten zugesprochen, jenem Gebaren, das einen positiven Gegensatz zur Inszenierung bildet.
Das Authentische beinhaltet also Stimmigkeit, Glaubwürdigkeit, Plausibilität. Und das Urteilen fällen wir aus dem Grad der Übereinstimmung des Gegenwärtigen mit einem vorigen Erfahrungswert.
Einem Autor zu attestieren, dass er authentisch zu schreiben vermag, kommt wohl einem Qualitätsmerkmal gleich, weil wir über die Kunst uns selbst und unsere Umgebung besser verstehen wollen. Sich in die Höhe zu schwingen wird dem Phantastischen, dem Thriller und dem Horror erlaubt, Kriminalromane lieben wir mehr, wenn sie auf dem Teppich bleiben. Ausnahme Fred Vargas, der phantasievollsten aller KrimiautorInnen, der die Außenseiterstellung gegönnt wird.
In meinem vorhin erwähnten Radiobeitrag wurden auch bestimmte Authentisierungsstrategien angesprochen, derer sich die Akteure bedienen. Auf die Krimilandschaft bezogen, fallen mir gleich drei ein, die mich zum Nachdenken gebracht haben.
Norbert Horst mit seinem Krimi „Splitter im Auge“ zeigt am deutlichsten, wie Polizeiarbeit im Krimi gestaltet werden muss. Als ein Zusammentreffen von vielerlei Informationen, Dienstanweisungen, Hierarchien, persönlichen Unzulänglichkeiten, Zufällen und Glück. Ein Konglomerat aus eigener Lebenserfahrung und Vernetzung anderer Ansichten, die für den Ermittlungserfolg bestimmend werden.
Ähnlich Paulus Hochgatterer in „Das Matratzenhaus“, der die Entscheidungen seines Kriminalkommissars aus der inneren Verfasstheit ableitet. Emotionales und Rationales fließen ineinander, Privates überlagert das Berufliche, und Überforderung verhindert, Wichtiges bei der Aufklärung eines Falls herauszufiltern.
Eine dritte Kunst habe ich bei Cynthia Webb in ihrem Krimi „Die Farbe der Leere“ entdeckt. Ihre Protagonistin, Anwältin in einer Behörde, entscheidet, ob ein Kind den Eltern entzogen wird oder nicht. Sie entscheidet über das Schicksal von misshandelten, missbrauchten und vernachlässigten Kindern, eine Arbeit, an der man zerbrechen kann, wenn man sich nicht bestimmter Verdrängungs- und anderer Mechanismen bedient. Niemals Betroffenheit zeigen, niemals besondere Nähe herstellen, niemals ein Kind bevorzugen, immer auf der Hut, die Tricks der Eltern und ihrer Anwälte zu erkennen, ja keine Blöße durch Überschreiten des gesetzliche Rahmens bieten. Ein Ankämpfen gegen die ständige Überforderung, mit Schuldgefühlen beladen und unter Zeitdruck, weil die Aktenberge sich stapeln.
Dem Alltag ein Schuss Lächerlichkeit drangeben. Ironie als Abstandswahrer.
Das ist eine Überlebensstatik, und wir wissen, dass auch Ärzte sich bei emotional aufwühlenden Patientenschicksalen ähnlich verhalten.
Dieser geplante Realismus, mit dem die Autorin den Behördenalltag zeichnet, und nebenbei zeigt, wie die selbst auferlegten Regeln immer wieder aus emotionaler Bedrängnis verletzt werden, ist schon sehr beeindruckend. Vielleicht heißt authentisch schreiben auch, das menschliche Defizitäre verbunden mit dem gesellschaftlich Defizitären bloßzulegen.
Wobei wir beim Politischen wären.
Gute Kriminalromane zeichnen sich immer dadurch aus, dass man weiter denken kann. Den Faden aufnehmen und aus seinen gewohnten Denkmustern heraustreten. Sicher fragt man sich, warum die Frauen so agieren, warum sie jedes Kind, das sich an sie hängt, abwehren, weil sie wissen, bei aller Betreuung, die ihnen von der Staatsmacht zuteil wird, werden diese Kinder es nie schaffen, aus ihren inneren und äußeren Slumgebieten auszubrechen. Man fragt sich auch, warum die staatliche Struktur nicht trägt, die in gutem Vorsatz aufgebaut wurde? Ein pauschales Urteil nach der Lektüre zu geben, fällt schwer, aber schweifen wir ab, stellen uns vor, ein paar Milliarden, die man z.B. für die Bankenrettung bereitstellt, würden in eine bessere Kinderbetreuung fließen, Vielleicht um jedem Kind eine dauerhafte Bezugsperson an die Seite zu stellen, weg von zweifelhaften Pflegefamilien, die auch den geldwerten Vorteil im Auge haben. Wie viel Kinder könnten vor der inneren Verwahrlosung gerettet werden. Oder muss man früher ansetzen. Eltern ein menschenwürdiges Dasein bieten? Ich weiß, ich weiß, das ist alles weit hergeholt. Das darf man nicht gegeneinanderstellen. Eine gerechte Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass staatliche Institutionen jedem Kind eine Entwicklungschance einräumt. Daran miß sich die Humanität einer Gesellschaft. Wir sind ja da einer Meinung.
Cynthia Webb webt einen dichten, authentischen Text, und sie bleibt doch dabei eine gute Erzählerin. Natürlich gibt es einen Jungen, deren Schicksal sich die Protagonistin annimmt, ein Junge, von dem sie meint, dass er den Aufstieg durch seine intellektuellen Fähigkeiten schaffen kann. Und dieser Junge wird durch einen Serienmörder gefoltert und umgebracht. Aber um sich in dieser spannenden Geschichte zu verlieren, die nebenbei bemerkt noch mit einem interessanten Ermittlerpaar aufwartet, liest Du sie am besten selbst. Ich werde Dir den Krimi schicken.

Liebe Grüße

Henny

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Briefe an Henriette (3)

Liebste Henriette,

heute möchte ich Dich mal an deine Heimatstadt erinnern, die sehnsüchtig auf Dich wartet und deren Gewusel Du schon zwei Monate schmerzlich vermisst, wie ich Deinem letzten Brief entnehme.
Hast Du Dir schon einmal die Frage gestellt, warum die meisten Krimis aus Deutschland in irgendwelchen beschaulichen Ecken des Landes spielen? Warum sich bei vielen Lesern das Gruselgefühl gerade zwischen Misthaufen und Hühnergegacker einstellt?
Nun, diese Frage stellen sich nicht nur Literaturkritiker und Feuilletonisten, sondern auch Wissenschaftler und Kulturkenner, von denen einige schon mal krampfhaft versuchen, dem Phänomen auf die Spur zu kommen. Mit zu den originellsten Antworten gehört sicher die einer Autorin, die auf der Seite des Goethe-Instituts unter dem Titel Der Boom der Regionalkrimis schrieb:

„In Deutschland gibt es schlichtweg mehr Klein- als Großstädte – und somit auch eine höhere Zahl an potenziellen Handlungsschauplätzen mit provinziellem Flair!“

Mal ernsthaft, einen Krimi in einer Großstadt anzusiedeln, bedeutet dem Krimi einen ganz anderen Drive mitzugeben als den einer ländlichen Idylle. Daraus hat sich ja auch eine ganz besondere Art von genretypischen Romanen entwickelt.
Ich versuche ja in den Krimis immer das Spezifische von Berlin herauszulesen. In meinen beiden letzten Berlinkrimis, die ich gehört habe, bin allerdings nicht so fündig geworden. Weder in „Der Federmann“ von Max Bentow noch in „Der Todeszauberer“ von Vincent Kliesch kamen die Autoren über die Erwähnung bekannter Straßennamen oder Berliner Ecken hinaus.
Den Rhythmus der Großstadt Berlin hat wohl einzigartig Walther Ruttmann in seinem Dokumentarfilm “Die Sinfonie der Großstadt”, der 1927 aufgeführt wurde, zum Ausdruck gebracht.

Was assoziieren wir mit Berlin? Verkehr, breite Straßen, U-und S-Bahnen, Tempo, Hast, Unruhe, Lärm, Hochhäuser, Fahrstühle, Treppen, Reklame, Kaufen, Kaufen, Kaufen. Menschen, Touristen, Einheimische weiß, schwarz, bunt, Völkergemisch, Beziehungen zwischen allen.
Der Grund, warum ich darüber nachgedacht habe, liegt in meiner neuen Krimientdeckung, in Walter Mosleys Buch „Manhattan Karma“.
Als der eindrucksvollste Krimi über die Molochstadt New York galt ja für mich in den letzten Jahren immer „Cash“ von Richard Price, weil er mit seinen beiden Ermittlerfiguren Matty und Yolanda, mit seiner Schilderung ihres Arbeitsalltages auf einer New Yorker Polizistenstation, die Atmosphäre der Stadt so gekonnt einzufangen vermochte.
Bei Walter Mosley lernt man die Gegenseite kennen. Die Subkultur eines Ganovenmilieus mit ihren typischen Bestandteilen wie Erpressung, Gewalt, Mord. Walter Mosley schildert das Leben einer Großstadt aus den Beziehungen zwischen Menschen, die in einem eigenen Milieu nach eigenen Regeln agieren.
Wie das abläuft, lernen wir aus der Sicht des Privatdetektivs Leonid McGills kennen, einem einundfünfzigjährigen Mann, mit aus früherer Boxtätigkeit ausgestatteter Kraftfülle, der zwar finanziell nicht besonders gut ausgestattet ist, aber, was ja auch zählt, sich bisher nach allen Seiten gut zu behaupten wusste.
Das, was ihn zurzeit schmerzt, ist nicht, dass ihm ein Killer auf den Fersen ist, seitdem er einen rätselhaften Auftrag übernommen hat, sondern das Unwissen über das Motiv der Auftragsvergabe.
Dem versucht er auf die Spur zu kommen, denn manchmal überfallen ihn schon moralische Skrupel über die Folgen seiner abgelieferten Recherchen, besonders wenn er Namen und Aufenthaltsorte von Personen preisgegeben hat.
Und bei seiner Suche können wir miterleben, wie Menschen in einer Großstadt verbunden sind, über Beziehungen zwischen denen, die versuchen skrupellos ihren Schnitt machen, und denen, die einfach mitschwimmen, den rettenden Anker suchen, um nicht unterzugehen, und denen, die sich für ermächtigt halten, den Daumen über andere nach oben oder unten zu bewegen.
Wo Recht und Moral die Starken im „Kreis“ bestimmen und die Gesetzesgewalt nur mühsam oder gar nicht mehr greift. Und in dieser Wildnis, in dem man sich nicht ungestraft leichtfertig umdreht, braucht man Mitspieler, denen man absolut vertrauen kann. Am besten solche, die in den Netzwerken Schlüsselpositionen einnehmen oder in einer Pyramide oben stehen. Man braucht Geld, um Leute für sich einzunehmen und man braucht Informationen, um strategisch vorgehen zu können. Das alles hat Leonid McGill in vielen Berufsjahren gelernt und sich geschaffen und trotzdem keine Zufriedenheit bekommen.
Darüber kann auch der trockene Humor nicht hinwegtäuschen, mit dem er weder die schlimmen Wahrheiten hinwegwischen noch seine tiefe Melancholie vergraben kann und die ihm immer wieder die Sinnfragen nach oben spülen, bei denen alternden Killern wie alternden Detektiven die Reflexe abhanden kommen.
Eines wird bei Walter Mosley auch klar. Auch die Akteure des mörderischen Treibens brauchen ein Refugium, um Menschen zu sein. Und die Familie ist für sie der Ort, wo man sich nicht mehr umdrehen muss. Der Ort des Vertrauens und der geschützten Nähe.
So ist der Einzelne bereit, für das Wohlergehen seiner Familie die schlimmsten Taten zu begehen oder begehen zu lassen. Das muß ich sagen, erinnerte mich dann doch sehr an die ausgetretenen Pfade in den skandinavischen Krimis.
Aber gut. Vielleicht können wir das als die Botschaft des Buches mitnehmen. Noch bekommen wir Geschichten erzählt, in denen uns Menschen mit menschlichen Zügen begegnen.
Das liest sich z. B. bei Roger Smith über die Hölle Kapstadts ganz anders.

Willst Du nicht doch lieber in das beschauliche Berlin zurückkehren?

Ich vermisse Dich

Henny

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