Krimikritiken: Berlin Noir (CulturBooks-Noir-Reihe)


Es ist kein leichtes Unterfangen, sich einer Anthologie zu nähern. 13 Geschichten, die jede für sich einen Reiz entwickelt, zu besprechen, sprengt den üblichen Rezensionsrahmen und verlangt vom Lesenden eine große Aufmerksamkeit. In der Zeit der Literaturblogs liegen zwar die Freiheitsgrade etwas höher, aber die Kunst einer ausgewogenen Aneignung bleibt bestehen.
Ich will gar nicht verhehlen, dass mich eine Besprechung aus einem besonderen Grund gereizt hat. Bot sich doch eine Gelegenheit, die Geschichten von Frauen mit deren von Männern zu vergleichen. Leider zeigt sich bei den vorliegenden 13 Geschichten ein Autorenüberschuss. Nur vier Autorinnen haben es in die Anthologie geschafft. So habe ich einen anderen Weg gewählt. Ich habe die Geschichten ausgewählt, die mir am besten gefallen haben und in eine Reihenfolge gebracht.
Und natürlich habe ich mich gefragt, warum es gerade zwei Autoren sind, die ganz vorne stehen? Ich denke, es liegt in der unterschiedlichen Konzeptionsweise. Beide Geschichten handeln von Gemeinschaften, die ihre Konflikte austarieren müssen. Das birgt m. E. mehr Potential als die Geschichten der AutorInnen, die ihre Protagonisten als EinzelkämpferInnen ins Feld schicken. Erweist sich das eher als ein zufälliges Merkmal oder liegt darin eine andere Betrachtungsweise der Welt? Entdecken Sie die weiteren Geschichten von Ute Cohen, Max Annas, Kai Hensel, Rob Alef, Matthias Wittekindt, Michael Wuliger, Miron Zownir und fällen Sie dann Ihr Urteil.

1. Robert Rescue: Bis Irgendwann
Am besten hat mir Robert Rescues Geschichte „Bis Irgendwann“ gefallen. Wahrscheinlich, weil der alte Westberliner Mief, der sich aus der multikulturellen Lebensart der Nachachtundsechziger speist, aus allen Ritzen dringt. Sie spielt in einer Eckkneipe, die „Bar“ heißt, die einen alternden, alkoholisierten Besitzer gehört und von einem fünfköpfigen Unterstützerteam, das sogenannte Kneipenkollektiv, betrieben wird. Das Publikum besteht aus „Alternativen mit der passenden Lebenseinstellung“. Eines Tages hat Robert Dienst und will die Tiefkühltruhe säubern. Er findet in ihr einen Stammgast, hockend. Der Tote Benno hat wahrscheinlich Selbstmord begangen. Nach und nach finden sich die Unterstützer ein und beginnen über die Konsequenzen des Fundes zu reden. Und das mit einer Verve, die einem den Atem verschlägt. Klar, über einen Leichenfund zu diskutieren, ist schon sehr Noir, ja, das Muster ist bekannt, und sicher, die Beseitigung von Leichen gehört auch zum Repertoire bestimmter Krimigruppen. Trotzdem, die absurden Dialoge, die nicht auf sich warten lassen, sind immer eine Geschichte wert. Die Polizei zu rufen, kommt in der angeranzten Bude nicht infrage, keine Einnahmen, Gäste würden ausbleiben, Rufschädigung, Gewerbeaufsicht. Die Angelegenheit so zu belassen wie sie ist, wäre eine Verschleierung und strafbar. Und natürlich wird bei jedem Ausbrechen der Gemeinschaftsgeist beschworen. Eine Steigerung erfährt die Sache, als darüber nachgedacht wird, die Leiche zu beseitigen, ob im Teppich eingerollt, im Leichensack oder zerstückelt. Wie die Geschichte ausgeht. Lesen sie Sie und freuen Sie sich über den kreativen Einfall.

2. Johannes Groschupf: Heinrichplatz Blues
Die Geschichte von Johannes Groschupf überrascht. Es geht um Nick, der König der Herzen vom Heinrichplatz, der plötzlich verschwunden ist. Und es gibt nicht wenige Damen, die deshalb trauern. Sie sitzen in den Eckkneipen rund um den Platz, trinken und schwärmen von ihm. Er sieht aus wie Blixa Bargeld, ist charmant, lacht gern und „wenn man jemanden für die Nacht braucht, steht Nick zur Verfügung“. Er hat immer Zeit und hat mit seinem Leben auch nichts anderes vor. Aber eine Schlampe ist er nicht. Er interessiert sich für die Ohrringe von Frauen, kann massieren bis zum Orgasmus und küsst Frauen dorthin, wo es am besten ist. Ein Traummann also. Die Damen vom Heinrichplatz, die von sich meinen, nur dem Ruf der Natur zu folgen, verabreden das, was jeder die größtmögliche Befriedigung verschafft. Sie teilen sich den Mann. Eine Logik, der man überall folgen sollte. Eine Hoffnung haben diese Frauen noch, jeden Sonntag ist Bingotag und gewöhnlich ist Nick dabei. Ob er vorbeikommt oder es nur ein Warten auf Godot bleibt, keiner weiß es so genau. Schade, wenn diese schöne Geschichte für immer zu Ende wäre.
Ich erinnere mich nicht, jemals eine Geschichte gelesen zu haben, in der sich Frauen einen Mann teilen(müssen), ohne dabei in einen Vernichtungskampf zu ziehen. Im Krimigenre fachen ja gerade Rachegedanken die Mordfantasien von Konkurrentinnen an, und diese entspannte Form des schrägen Noirs fand ich wohltuend und belebend.

3. Zoë Beck: Dora
Die Geschichte einer auf der Straße lebenden Frau wird aus der Sicht des Bruders erzählt. Und das ist es, was sie interessant macht. Das, was der Schwester passiert, wird in dem Kopf des Bruders gespiegelt. Der Bruder spricht den Leser an, aber nicht allein, in der Geschichte werden besonders die Männer angesprochen, die sich der Schwester auf der Straße nähern. „Sieh sie dir an…, Wenn du sie sie Siehst…, Du darfst nicht brutal sein. Sei sanft, lass es schnell geschehen.“ Dahinter steckt schon ein Stück Perfidie. Zumal der Leser auch nicht deutlich erfährt, warum die Schwester aus dem Haus gegangen ist. Es wird mit dem Konsum von Drogen erklärt, Stimmen in ihrem Kopf verfolgen sie, nur einmal scheint der wahre Grund durch. Sie ist ein ungeliebtes Kind. Die Mutter nahm sich nach der Geburt das Leben. Einmal sagt der Bruder über die Männer auf der Straße, die sie überfallen und vergewaltigen, die Männer wollten sie bestrafen, für die Freiheit, die sie sich herausnahm, ihr Leben so zu leben, wie sie es wollte. Dora tötet den zweiten Bruder, ein Unglück, man kann mutmaßen, warum. Der Leser erfährt, dass der Bruder der Kassenangestellten des Zoos Geld gibt, um der Schwester die Zoobesuche zu ermöglichen. Es ist eine schöne Geschichte mit einer großen Ungewissheit und Gewissheiten, die man nur erahnen kann. Mich erinnert sie an Milos Formans Film Feuerwehrball. Als das Haus eines alten Mannes brannte und er auf dem Vorplatz ankam, wurde er auf den Stuhl gesetzt, mit dem Rücken zum brennenden Haus und jemand sagte: „Rückt doch den alten Mann näher an das Feuer, er friert doch.“

4. Susanne Saygin: Die Schönheit des Zymbelkrauts
Einmal im Jahr fährt eine Kriminalpolizistin in die Hauptstadt, um ihren Drang auszuleben. Warum in diese Stadt? Nun, weil dort eine Vielfalt in ihren eigenwilligsten Formen zu finden ist. Für eine promovierte Pflanzenforscherin von unschätzbarem Wert. Kann sie doch so ihre Ambitionen am besten ausleben. Beobachten, Typisieren, Systematisieren. Ihr Interesse liegt verständlicherweise mehr bei den Abweichlern, ja sie fragt sich, wie weit der Grad einer Normabweichung von den Menschen toleriert wird und ob nicht die Gemeinschaft von diesen Abweichlern geschädigt wird. Ist der Grad überschritten, kommt ihr Engagement ins Spiel, das wissenschaftlich verbrämt, nicht mehr und nicht weniger im Eliminieren des Nichtlebenswerten liegt. Interessant ist, dass hier faschistisches Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft gepflegt wird und von einer Frau praktiziert wird, die sich weit entfernt vom körperlichen Durchschnittsideal befindet. Geistige Überlegenheit allein führt zu keiner Erfüllung mehr. Darüber könnte man diskutieren.

5. Katja Bohnet: Fashion Week:
Katja Bohnet backt keine kleinen Brötchen. Das wird schon in ihrer Eingangsszene deutlich. Sie beschreibt das Leben einer jungen, selbstständigen Frau, die alles verliert, nachdem sie sich einem Mann ausliefert. In ihre Ehe erlebt sie Vergewaltigungen, Kontrollverlust und eine zunehmende Abhängigkeit. Sie schafft es nicht, sich aus seiner Umklammerung zu befreien. Erst als sie erfährt, dass ihr Mann zu den Geschäftsmenschen gehört, die Kleidung, unter erbärmlichen Bedingen in Bangladesch hergestellt, aufkaufen, ist für sie ein Endpunkt erreicht. Aus ihrer Wut gewinnt sie die Kraft, sich aus diesem Albtraum zu befreien. Katja Bohnet pflegt eine kühle Sprache, die mir sehr liegt. Ihre Geschichte ist dicht geschrieben und meines Erachtens etwas zu überfrachtet. Das wäre genügend Stoff für eine Romanfassung gewesen.

6. Ulrich Woelk: Ich sehe was, was du nicht siehst
Bisher habe ich noch nichts von Ulrich Woelk gelesen. Das bedauere ich. In seiner Geschichte trifft der Leser auf einen Journalisten, der sich bereiterklärt, eine Homestory über das Umfeld eines vermissten Mädchens zu schreiben. In seiner Redaktion hat er bisher Filmkritiken verfasst und betritt mit dieser Aufgabe Neufeld. Er sagt von sich, dass er nach einem „aufregenden Schuss Wirklichkeit“ giere und meint sogar, der Wahrheit näher zu kommen als jeder Kommissar, habe er doch durch seine Arbeit eine geschulte Beobachtungsgabe erworben. Was der Autor mit einer schönen Anspielung an den Film „Blow Up“ untermauert. Jedoch die Selbstsicherheit des Journalisten sollte sich als Irrtum erweisen. Der Versuch zwischen dem, was er möchte, und dem, was ist, eine Übereinstimmung herzustellen, wird zu einem traumatischen Weg. Der Ordnung der Dinge in einer intellektuellen, rein fiktionalen Aneignung auf die Spur zu kommen, ein falscher Ansatz. Immer wenn wir denken, dass wir die Realität mit unseren Erfahrungsmustern erklären können, sollten wir uns auch auf ein Scheitern vorbereiten. Und manchmal stehen wir uns selbst im Weg. Eine beklemmende Erkenntnis.

Henny Hidden

Krimikritiken: Kanae Minato – Geständnisse

Immer diese Sucht nach Anerkennung. Da, wo Liebe verlorengegangen war. Ein dreizehnjähriger Schüler will cool sein, Lob erfahren, will zeigen, dass er eine Sache durchziehen kann und ein anderer Schüler will Anerkennung, weil er seiner Meinung nach eine geniale Idee umgesetzt hat. Leider trifft das grausige Vorhaben die Tochter der Lehrerin, die tot im Schwimmbecken aufgefunden wird. Nicht Ruhm bringt es den beiden Jungen ein, sondern die Rache der Lehrerin und Mutter, die daraufhin ihre gefüllten Milchtüten mit dem HIV Virus infiziert. Am Tage ihres Abschieds von der Schule erzählt sie ihren Schülern von der Tat, ohne genaue Namen zu nennen. Aber jeder weiß, wer gemeint ist. Ein Mobbing beginnt und die beiden Schüler müssen lernen, damit umzugehen.

Jetzt, wo ihnen die Anerkennung von ihren Schulkameraden versagt bleibt, kommen die tieferen Schichten der Selbstsucht zum Vorschein. Auf der Suche nach der Liebe der Mütter wählen sie, je nach den Gegebenheiten, unterschiedliche Strategien aus.

Während Naoki unfähig die Schule zu besuchen, verbringt er die Tage meistens auf seinem Zimmer. Immer in Angst, die Mutter, seine einzige Bezugsperson, durch Ansteckung mit dem Virus zu verlieren. Noch schlimmer wäre es für ihn, wenn die Mutter die Wahrheit erführe. Wenn sie ihn als Looser abstempeln würde, der weder Schule noch einen späteren Karrieresprung auf die Reihe kriegte. Der Sohn begreift, dass er die Erwartungen der Mutter niemals erfüllen kann und wird sie, um weiterleben zu können, vernichten.
Bei Shuya liegen die Dinge anders. Seine Mutter hat ihn und seinen Vater verlassen, um als Wissenschaftlerin ohne die Pflichten der Familie ungestört arbeiten zu können. Shuya will durch intelligente Basteleien die Aufmerksamkeit seiner Mutter erringen. Als dieses Vorhaben nicht zum Erfolg führt, will er durch negative Erwähnung in der Presse die Hingabe der Mutter erzwingen. Als er erkennt, dass beide Absichten nicht gelingen können, dass die Liebe seiner Mutter zu erringen außerhalb seines Vermögens liegt, bleibt ihm nur, seinen Suizid vorzubereiten. Seine Lehrerin verfolgt aber einen anderen Plan.

Anerkennung stabilisiert den emotionalen Zustand von außen. Rache stabilisiert den emotionalen Zustand von innen. Und vielleicht ist es die Lehrerin, die die böseste von allen ist. Die es aufgegeben hat, ihre Schüler zu missionieren oder beschützen zu wollen. Während der Leser versucht, das Verhalten der Schüler ihrer frühpubertierenden Selbstfindungsphase zuzuschreiben, fehlen ihm die Worte für den Rachedurst der Lehrerin. In deren Absicht es liegt, die Existenz der beiden Schüler zu vernichten, indem sie ihnen die Mütter nimmt. Mit der Rechtfertigung, ihr habt mir das Kind genommen, ich nehme euch die Mutter, nach deren Liebe ihr euch so sehr sehnt und womit ihr eure Bosheit legimitiert, wird sie ihren Plan unbarmherzig verfolgen.

Aber es ist nicht allein der japanischen Gesellschaft geschuldet, dass sich solche Monsterkinder entwickeln. Die individuellen Tragödien verlassend, führen uns die Gedanken weiter auf eine systemrelevante Ebene. Wir leben in einer narzisstisch geprägten Gesellschaft, in der wir uns Selfie-Kinder heranziehen, denen jedes Mittel recht ist, Aufmerksamkeit und Spaß zu bekommen, um ihre Egomanie zu befriedigen? Auch die Frage nach den gnadenlosen Wettbewerbssituationen, die Menschen schon früh zerbrechen können, muss in diesem Zusammenhang gestellt werden.

Ich habe vor einigen Jahren den Film gesehen, der nach der Vorlage des Buches gedreht wurde und hatte den Eindruck, dass im Film der Fokus mehr auf die geistige Verwahrlosung gelegt wurde, während im Buch die Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen deutlicher herausarbeitet wurden. Beide, Film wie Buch, hinterließen bei mir einen erschütternden Eindruck.

Und zum Schluss lasst uns über Rache reden. Die meisten Menschen, so nehme ich an, versehen ein Rachemotiv meistens mit einem positiven Beiklang. Ein einmal stark erlittenes Unrecht berechtigt jeden Menschen, dieser Gewaltanwendung in gleichem Maße zu begegnen. Es ist ein tief verwurzelter Gedanke in uns, selbst zu handeln, wenn in dieser Hinsicht Gesetze nicht greifen oder dem Rechtssystem nicht mehr vertraut wird.

Im Buch überrascht, wie umfangreich die Lehrerin ihren perfiden Plan ausheckt. Und es ist eine schmerzliche Erkenntnis, zu erleben, wie sehr sich die Persönlichkeit einer Rächerin verändert. Zuzusehen, wie sie an ihrer Tat zerbricht, wie aus der liebenswerten Person ein fratzenhaftes Wesen wird, hinterlässt einen Bittergeschmack, der bleibt und der die Frage nach einer berechtigten Rache neu aufwirft.

Zwischen den Meinungen „Lasst alle Hoffnung fahren“ oder „Böse Menschen gibt es zu allen Zeiten“ können wir uns entscheiden, wenn wir nach individuellen oder gesellschaftlichen Ursachen suchen. Kanae Minato hat uns ihre düstere Interpretation gezeigt.

Henny Hidden