ISBN: 9783518460962
Originaltitel: The Dawn Patrol, 2008
’suhrkamp taschenbücher Allgemeine Reihe’.
Übersetzt von Conny Lösch
Mai 2009 – 394 Seiten
Ich habe mich beim Lesen von einer Welle tragen lassen und dabei die Strandjungs ins Herz geschlossen. Na ja, so halb.
Niemals zuvor wäre mir in den Sinn gekommen, in Surfern die fesselnden Romanfiguren zu erblicken, die mich in die Tiefen des Lebens hinabsinken lassen, um mit unerwarteten Einsichten wieder aufzusteigen. Taugen doch diese braungebrannten Männer auf ihren gischtumschäumten Brettern allenfalls zu Werbebotschaftsträgern, die auserkoren wurden, Urlaubshungrigen ein Spaßgefühl und eine Illusion von Freiheit zu vermitteln.
Aber Don Winslow hat es geschafft, denn Don Winslow besitzt eine Begabung, er kann erzählen. Er vermag Geschichten erzählen, die von denen man nicht mehr loslassen will. Es sind die kleinen Geschichten in der großen Geschichte, die so faszinieren und alles Weitere in den Hintergrund stellen.
Dabei kann die eigentliche Geschichte nicht beginnen, wenn wir über Boone Daniels und die Dawn Patrol nichts wissen. An der Küste Kaliforniens, unweit von San Diego am Pacific Beach, wartet die Dawn Patrol, eine Surferclique, mit Spannung auf die große Wellenfront, die ähnlich einem Tsunami auf die Küste zurollt. Den sechs Freunden gibt der Ozean und das Surfen das Lebensgefühl, das sie brauchen, um sich groß und unangreifbar zu fühlen. Denn vor dem Amüsieren muss man auch an diesem Küstenstrich seine Brötchen verdienen.
Außer Bonne Daniels natürlich, der ganz einsamer Wolf, nur Aufträge als Privatdetektiv annimmt, wenn er allzu klamm ist. Und nicht andere gewichtigere Gründe vorschieben kann. Aber die attraktive Rechtsanwältin Petra schafft es, Boone für einen Auftrag zu gewinnen. Er soll eine verschwundene Stripperin finden, deren Aussage bei Gericht einen Versicherungsfall entscheidend beeinflussen soll. Beide machen sich in Boones altem Boonemobil auf den Weg, und wir werden als Leser die unterschiedlichen Menschen dieses Küstenstrichs, die diese Vergnügungsindustrie am Laufen halten, kennenlernen.
Auch in Urlaubsparadiesen gibt es ein soziales Gefüge, das sich besser als soziales Gefälle betrachten lässt. Oben stehen die Gäste, die Geld und Spaß haben, darunter die, die für ihr Wohl schuften, Abhängige wie Befehlsgeber und ganz unten, die, die man normalerweise nicht zu sehen bekommt, die unsichtbaren Tagelöhner und die Sklaven, die als einziges Gut nur ihr nacktes Leben besitzen und die vor lauter Angst keinen Laut von sich geben können.
Wer keine Geschichte hat, besitzt keine Würde, habe ich letztens gehört und auf das Buch bezogen schafft es der Autor durchaus, seinen Protagonisten ein Gesicht zu geben. Dabei tragen die Beziehungen unter ihnen schon familiäre Züge, so lange kennen sie sich untereinander, haben Stärken und Schwächen ausgelotet, Freundschaften und Gegnerschaften austariert und manche Grenzen zwischen Einflussreichen und Einflusslosen aufgebrochen. Dabei arbeitet der Autor durchaus mit Allgemeinplätzen, der Detektiv, der als enttäuschter Polizist seinen Dienst quittierte, steht auf der Seite der Armen, die die Guten sind, und er wird die bösen Reichen, die ihr Geld mit schmutzigen Geschäften verdienen, zur Strecke bringen. Auch über das Frauenbild kann man sich streckenweise mokieren, wenn man bedenkt, dass die attraktive Begleiterin immer schön im Auto warten muss, während der starke Mann sich draußen durchschlägt. Manchmal kommt sie da über eine Stichwortgeberin nicht hinaus.
Rezensenten zeichnen häufig einen Krimi dadurch aus, dass sie ihn besonders gut geplottet finden, und ich habe mich manches Mal gefragt, wie dies wohl angesichts einer konventionell wirkenden Handlung wohl gemeint ist. Bei diesem Autor kam mir die Wertung wieder in den Sinn, und ich würde sie ohne Bedenken hier anwenden. Obwohl Boone fast die Hälfte des Buches mit seiner Auftraggeberin herumfährt und Leute befragt, bekommt der Krimi dann durch eine verblüffende Wendung immer mehr Fahrt, andere Realitäten gewinnen an Bedeutung und werden dem Leser in einem großen Finale eine emotionale Wucht bringen. Weil, so der Autor, „die verlogene Realität unter dem kalifornischen Traum sichtbar wird“.
Doch ist dies auch einer der Krimis, bei dem mich ein Unbehagen überkommt. Es überfällt mich immer dann, wenn das Ungeheure so nahe an der Realität ist, dass es so zu jeder Zeit auf unserer Erde passieren könnte und ich dem Autor zwar seinen aufklärerischen Antrieb bescheinigen möchte, aber nicht übersehe, dass Literatur auch darauf angelegt ist, wirkungsvoll Effekte zu inszenieren.
Das weckt Erinnerungen an einen Fotografen, der ein Mädchen im Slum fotografierte, damit das Pressefoto des Jahres schoss und erreichte, dass später über die Ästhetik des Bildes diskutiert wurde. Und die Etikettierung „Sommerkrimi“ wirkt auf einmal schamlos.
Henny Hidden
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