Krimikritiken: Kanae Minato – Geständnisse

Immer diese Sucht nach Anerkennung. Da, wo Liebe verlorengegangen war. Ein dreizehnjähriger Schüler will cool sein, Lob erfahren, will zeigen, dass er eine Sache durchziehen kann und ein anderer Schüler will Anerkennung, weil er seiner Meinung nach eine geniale Idee umgesetzt hat. Leider trifft das grausige Vorhaben die Tochter der Lehrerin, die tot im Schwimmbecken aufgefunden wird. Nicht Ruhm bringt es den beiden Jungen ein, sondern die Rache der Lehrerin und Mutter, die daraufhin ihre gefüllten Milchtüten mit dem HIV Virus infiziert. Am Tage ihres Abschieds von der Schule erzählt sie ihren Schülern von der Tat, ohne genaue Namen zu nennen. Aber jeder weiß, wer gemeint ist. Ein Mobbing beginnt und die beiden Schüler müssen lernen, damit umzugehen.

Jetzt, wo ihnen die Anerkennung von ihren Schulkameraden versagt bleibt, kommen die tieferen Schichten der Selbstsucht zum Vorschein. Auf der Suche nach der Liebe der Mütter wählen sie, je nach den Gegebenheiten, unterschiedliche Strategien aus.

Während Naoki unfähig die Schule zu besuchen, verbringt er die Tage meistens auf seinem Zimmer. Immer in Angst, die Mutter, seine einzige Bezugsperson, durch Ansteckung mit dem Virus zu verlieren. Noch schlimmer wäre es für ihn, wenn die Mutter die Wahrheit erführe. Wenn sie ihn als Looser abstempeln würde, der weder Schule noch einen späteren Karrieresprung auf die Reihe kriegte. Der Sohn begreift, dass er die Erwartungen der Mutter niemals erfüllen kann und wird sie, um weiterleben zu können, vernichten.
Bei Shuya liegen die Dinge anders. Seine Mutter hat ihn und seinen Vater verlassen, um als Wissenschaftlerin ohne die Pflichten der Familie ungestört arbeiten zu können. Shuya will durch intelligente Basteleien die Aufmerksamkeit seiner Mutter erringen. Als dieses Vorhaben nicht zum Erfolg führt, will er durch negative Erwähnung in der Presse die Hingabe der Mutter erzwingen. Als er erkennt, dass beide Absichten nicht gelingen können, dass die Liebe seiner Mutter zu erringen außerhalb seines Vermögens liegt, bleibt ihm nur, seinen Suizid vorzubereiten. Seine Lehrerin verfolgt aber einen anderen Plan.

Anerkennung stabilisiert den emotionalen Zustand von außen. Rache stabilisiert den emotionalen Zustand von innen. Und vielleicht ist es die Lehrerin, die die böseste von allen ist. Die es aufgegeben hat, ihre Schüler zu missionieren oder beschützen zu wollen. Während der Leser versucht, das Verhalten der Schüler ihrer frühpubertierenden Selbstfindungsphase zuzuschreiben, fehlen ihm die Worte für den Rachedurst der Lehrerin. In deren Absicht es liegt, die Existenz der beiden Schüler zu vernichten, indem sie ihnen die Mütter nimmt. Mit der Rechtfertigung, ihr habt mir das Kind genommen, ich nehme euch die Mutter, nach deren Liebe ihr euch so sehr sehnt und womit ihr eure Bosheit legimitiert, wird sie ihren Plan unbarmherzig verfolgen.

Aber es ist nicht allein der japanischen Gesellschaft geschuldet, dass sich solche Monsterkinder entwickeln. Die individuellen Tragödien verlassend, führen uns die Gedanken weiter auf eine systemrelevante Ebene. Wir leben in einer narzisstisch geprägten Gesellschaft, in der wir uns Selfie-Kinder heranziehen, denen jedes Mittel recht ist, Aufmerksamkeit und Spaß zu bekommen, um ihre Egomanie zu befriedigen? Auch die Frage nach den gnadenlosen Wettbewerbssituationen, die Menschen schon früh zerbrechen können, muss in diesem Zusammenhang gestellt werden.

Ich habe vor einigen Jahren den Film gesehen, der nach der Vorlage des Buches gedreht wurde und hatte den Eindruck, dass im Film der Fokus mehr auf die geistige Verwahrlosung gelegt wurde, während im Buch die Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen deutlicher herausarbeitet wurden. Beide, Film wie Buch, hinterließen bei mir einen erschütternden Eindruck.

Und zum Schluss lasst uns über Rache reden. Die meisten Menschen, so nehme ich an, versehen ein Rachemotiv meistens mit einem positiven Beiklang. Ein einmal stark erlittenes Unrecht berechtigt jeden Menschen, dieser Gewaltanwendung in gleichem Maße zu begegnen. Es ist ein tief verwurzelter Gedanke in uns, selbst zu handeln, wenn in dieser Hinsicht Gesetze nicht greifen oder dem Rechtssystem nicht mehr vertraut wird.

Im Buch überrascht, wie umfangreich die Lehrerin ihren perfiden Plan ausheckt. Und es ist eine schmerzliche Erkenntnis, zu erleben, wie sehr sich die Persönlichkeit einer Rächerin verändert. Zuzusehen, wie sie an ihrer Tat zerbricht, wie aus der liebenswerten Person ein fratzenhaftes Wesen wird, hinterlässt einen Bittergeschmack, der bleibt und der die Frage nach einer berechtigten Rache neu aufwirft.

Zwischen den Meinungen „Lasst alle Hoffnung fahren“ oder „Böse Menschen gibt es zu allen Zeiten“ können wir uns entscheiden, wenn wir nach individuellen oder gesellschaftlichen Ursachen suchen. Kanae Minato hat uns ihre düstere Interpretation gezeigt.

Henny Hidden

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