Jahresrückblick 2017

1. Anfangen möchte ich mit einem Buch, das mich zu Jahresbeginn sehr überrascht hat. Es handelt sich um Kai Hensels Krimi „Bist du glücklich“. Irgendwann, in der Mitte des Buches, begann ich mich zu fragen, wohin der Autor mit seinen Figuren steuert. Wird es noch Überraschungen geben, wenn sich das Figurentableau nicht mehr ändert? Und es gab sie. Aus dem Beziehungsgespinst zwischen einem wohlstandsverwahrlosten Pärchen, einer Misery Krankenschwester und einem vampirähnlichen Computerfreak entwickelte der Autor eine Geschichte mit mystischem Einschlag ohne aus der Gegenwart zu kippen. Er überzeugte, weil er es verstand, Unglaubhaftes glaubhaft zu vermitteln. Ich mochte seine hintergründigen Dialoge, die ins Absurde kippenden Szenen und die kruden Figuren, denen man im Laufe der Geschichte alles abnahm. Zum Ende hin wird deutlich, dass auch Personen, die sich im Gutmenschentum tummeln, ab einer bestimmten Summe käuflich werden. – Ich liebe einfache Botschaften.

2. Wenn man überhaupt von einem besten Buch sprechen kann, würde ich „Sein blutiges Projekt-Der Fall Roderick Macrae“ von Graeme Macrae Burnet nennen. Es wird das Leben von Roderick Macrae geschildert, der in seinem Dorf drei Menschen umbrachte und dessen Schuld verhandelt wird. Es ist eine individuelle Schuld, unter der seine psychischen Verfasstheiten ausdiskutiert werden. Gleichzeitig wird dem Leser deutlich, dass es ein falscher Weg ist, sein muss, weil bei einer strukturellen Bedingtheit die unveränderlichen Lebensumstände aller Beteiligten zur Disposition stehen müssten. Nicht die eines Einzelnen, sondern die der Dorfgemeinschaft und darüber hinaus.
Aber worüber diskutieren, wenn die Verhältnisse einer radikalen Umkrempelung bedürfen. Insofern ist das blutige Projekt in seinen Konsequenzen ein Pamphlet für Erneuerer und Roderick Macrae ein Kind des Vorrevolutionären.

3. Irgendwie kommt man an Andreas Pflüger nicht vorbei. Ich erinnere mich, wie ich auf der Karl-Marx-Allee im Osten Berlins flott unterwegs war und über Kopfhörer hörte, wie Aaron auf der Anhängerkupplung balancierte und dabei dachte, dass kein normaler Mensch so einen waghalsigen Parcours überstehen würde. Leider gehöre ich nicht zu den ausgemachten Liebhabern aneinandergereihter Aktionszenen und brauchte einige Zeit, um mich mit dem Buch anzufreunden.
Eines Tages hörte ich im Radio ein Interview mit Andreas Pflüger und bekam mit, wie er mit großer Wärme über seine spezielle Leserschaft sprach. Das hat mich sehr gerührt. Nun wird keiner aus einer Emotion heraus auf die Qualität eines Buches schließen wollen, und auch ich habe in schlaflosen Nächten den Anfang und das Ende seines Krimis wiederholt gehört, um meine Meinung zu festigen. Mein Resümee: Weil Andreas Pflüger es wagte, eine Protagonistin zu erschaffen, bei der er sich nicht sicher sein konnte, ob sie von den Lesern angenommen werden würde, weil er mit einer ausgezeichneten Recherche überzeugen musste und weil er es riskierte, auf der Kante des Unglaublichen zu balancieren, gehört ihm und seinem Buch meine Sympathie.

4. In den früheren Krimis von Norbert Horst fühlte ich mich von seinen Kriminalfällen immer angesprochen. So auch in seinem neuesten Buch „Kaltes Land“. Aber es drängte sich beim Lesen etwas dazwischen, das ich beim besten Willen nicht wegwischen konnte. Je mehr der Leser in die Tiefen einer polizeilichen Ermittlung eindringt, umso mehr verfestigt sich der Eindruck, dass sich Polizeiarbeit genauso abspielt, wie der Autor sie beschrieben hat. Ganz mit Jan Böhmermanns „Ich hab Polizei“ ertappe ich mich, das Zusammenspiel der Kollegen als fantastisch und großartig zu empfinden, und je tiefer ich als Leser hineingezogen werde, um so freundlicher wird mein Verständnis und mein Verhältnis zur Staatsmacht. Ich denke, ja, das ist die Realität, die uns Norbert Horst da präsentiert. Und irgendwann beginnt man sich zu fragen: Wie viel Wirklichkeit verträgt eine Fiktion?

5. Kein Rückblick ohne einen Blick auf die Krimis von Autorinnen.
– Marina Heib hat in ihren Thriller „Drei Meter unter Null“ eine Protagonistin erkoren, die es in sich hat. Eine Frau, in bester beruflicher Perspektive, beschließt von heut auf morgen, zu einer Mörderin zu werden. Eine intelligente und witzige Frauenfigur. Leider darf sie nur fünf auserwählte Männer töten, weil die Autorin ihre Figur auf dem Altar der Spannung opfert. Wie viel schöner wäre es gewesen, das Rachemotiv gegen einen ideologisch gefärbten Himmel einzutauschen.
– Anne Kuhlmeyers Roman „Drift“ kam ganz anders daher als ihre vorhergehenden Krimis. Sie wagte, ihre Figuren abseits des Mainstreams anzusiedeln und mit einen ein Spiel zwischen den Zeiten, zwischen Toten und Lebenden, zwischen heutigen und geschichtlichen Schauplätzen zu beginnen. Wer sich auf ihr Buch einlässt, wird nicht nur in seine eigene bücherverschlingende Vergangenheit zurückgeworfen, er findet auch gemeinsame ideelle Berührungspunkte, die wir in uns tragen, um die Welt zu verstehen. Ein gelungenes Abenteuer.
– Zoë Beck hat sich mit ihrem Krimi „Die Lieferantin“ in die Zukunft begeben und die kriminellen Flugwege ausgeleuchtet, die sich durch neue Techniken anbieten und die Unterwelt aufschrecken. Und als ich mich in ihre Milieubeschreibungen versenkt habe, fiel mir zum ersten Mal auf, dass sie verdammt gut schreiben kann. Wenn sie sich mit ihren längeren Erklärungen etwas zurückhält. Gelungen fand ich das offene Ende. Ich mag solche, die Phantasie des Lesers beflügelnden Enden. Manchmal. Diesmal.
– Spätestens nach ihrem Krimi „Lügenland“ sollte man Gudrun Lerchbaum im Auge behalten. Auch sie siedelt ihren Roman in der Zukunft an und begibt sich damit auf eine hohe politische Ebene. Durch die Verwechselung ihrer Hauptprotagonistinnen, einer wegen Mordes flüchtigen Soldatin und einer gesuchten Terroristin, schafft sie Möglichkeiten, Staatsaktivitäten und Widerstandbewegung in einem wohl nicht mehr so fernen Land zu beleuchten und so die Stärken und Schwächen der sich gegenüberstehenden Parteien herauszuarbeiten. Ich stehe in einer Reihe mit den Krimilesern, die gespannt auf ihren nächsten Krimi warten.

6. Zuletzt bin ich von „Brodecks Bericht“ von Philippe Claudel nicht mehr losgekommen. Ein schmerzhaftes Nachdenken über Täter-Opfer Beziehungen, das über geschichtliche Parallelen hinausweist. Erschütternd bis zur Verzweiflung. Man möchte aus der Welt gehen.
7. Fehlt jemand? Die wunderbare Ottessa Moshfegh mit ihrem Buch „Eileen“, das ich gerade lese. Sven Heuchert mit „Dunkels Gesetz“, das ich wegen der kontroversen Diskussionen unbedingt lesen möchte und Oliver Bottinis Krimi „Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens“, dessen poetischer Titel schon große Erwartungen weckt.

(Der Artikel ist zuerst erschienen im CrimeMag/ CulturMag Jahresrückblick 2017)
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Henny Hidden

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