Interview mit Ria Klug

Buchvorstellung: Ria Klug -” Kleine Betriebsstörung”

Ria Klug: Kleine Betriebsstörung
broschierte Ausgabe, Softcover, erschienen Februar 2011
220 Seiten, ISBN 978-3-942829-00-7

Zur Person:
Ria Klug, geboren 1955 in Hessen. Nach Abitur und Vordiplom in Geisteswissenschaften absolvierte sie eine Tischlerlehre. Nach über zwanzig Jahren Selbstständigkeit, in denen sie ein Aufbaustudium an der Kasseler Werkakademie für Gestaltung abschloss, begann sie 2008 mit dem Schreiben von Krimis. Seit 2009 ist sie Mitglied im Netzwerk der Mörderischen Schwestern. Ria Klug ist verheiratet und lebt seit Ende 2009 mit Frau und Tochter in Leipzig. Dort engagiert sie sich unter anderem für den CSD und die Vereinigung ›Queerkids‹. Dezember 2010 erschien ihr Kurzkrimi ›Nervende Nachbarn‹ in der Anthologie »Der Taunus lässt büßen 2« des S. Böhme Verlags, Selters.

Interview und Leseprobe

Interview:
Henny Hidden:
Liebe Ria, im Februar 2011 kam dein Debütroman „Kleine Betriebsstörung“ auf dem Markt. Warum sollten Krimileser deinen Krimi lesen?

Ria Klug: Meinen Krimi sollten nur Leute lesen, die gerne actiongeladene Geschichten mögen und die kein Problem mit einer Transsexuellen haben. Denn das ist meine Protagonistin.
Ich erzähle eine schnörkellose Story um eine Transfrau, die reichlich blauäugig in eine kriminelle Gesellschaft gerät.Sie stößt mit Menschen zusammen, die, wie sie selbst, nur ihre eigenen Interessen verfolgen. Allerdings mit mehr Macht und Einfluss. Es geht kaum um Aufklärung des Verbrechens, sondern nur um die Frage, ob und wie kommt sie davon.

Henny Hidden: Aus deinem Klappentext wird ersichtlich, dass deine Heldin die meisten Abenteuer in Brasilien besteht. Fühlst du dich mit diesem Land verbunden? Wie sah die Recherche aus?

Ria Klug: Ich habe Freunde, die in der Nähe von Sao Paulo leben und war
2007 dort zu Besuch. Damals hatte ich zwar noch keine literarischen Absichten, aber ich führte ein Reisetagebuch, trieb mich in der Stadt herum, fuhr mit den Überlandbussen und machte mir kleine Skizzen. Das Land übte einen starken Reiz auf mich aus, ob seiner Widersprüchlichkeit.
Was ich noch an Recherche benötigte, konnte ich von zu Hause via Internet erledigen. Für einige Portugiesische Sequenzen habe ich mit muttersprachliche Hilfe geholt.

Henny Hidden: Viele Krimiautorinnen legen Wert auf eine genaue psychologische Charakterisierung ihrer Helden. Wie würdest du das Verhältnis zwischen psychologischen und aktionsreichen Elementen in deinem Krimi einschätzen?

Ria Klug: Bei mir überwiegen die aktionsreichen Elemente, eindeutig.
Aber das ist nicht ohne psychologischen Hintergrund. Ich lasse meine Protagonistin einfach handeln und nicht viel grübeln. Sie ist kein sehr reflektierter Mensch und das, was sie bewegt, lässt sich in ihrem Tun ablesen. Daneben wird die Geschichte in der Ich-Form erzählt und das bedingt natürlich, dass nur ihre Gedanken und Gefühle geschildert werden.

Henny Hidden: Wie siehst du Frauen als Protagonistinnen im Krimi. Sollten sie, wenn die Situation es erfordert, Gewalt anwenden oder generell darauf verzichten?

Ria Klug: Zwei Dinge sind da zu beachten: Die Sozialisation und die körperlichen Möglichkeiten. Mädchen werden in aller Regel von Gewaltanwendung abgehalten. Dazu sind sie als Erwachsene oft auch nicht in der Lage, körperlich viel auszurichten. Natürlich gibt es Gegenbeispiele. Literarisch würde ich da zuerst Liza Cody nennen. Sie schrieb ein paar Krimis mit einer Catcherin als Hauptfigur. Es gibt noch mehr Beispiele. Meine Hauptfigur dagegen hat eine männliche Sozialisation und deswegen ist ihr Gewaltanwendung nicht fremd. Ich finde auch nicht, dass Frauen in Krimis generell darauf verzichten sollten. Das wäre mir viel zu undifferenziert.

Henny Hidden: Mit welchem Gedanken, inhaltlich gesehen, hast du angefangen, den Krimi zu schreiben und mit welchem hast du aufgehört?

Ria Klug: Ich wollte gerne eine Geschichte mit einer Transfrau schreiben und alles hineinpacken, was da an gesellschaftlichen Reibungspunkten vorkommt. Aufgehört habe ich mit dem Gedanken, dass es in erster Linie auf die gute Unterhaltung der Leserinnen ankommt und die sollte nicht durch Überfrachten der Story verhindert werden. Außerdem ist weniger mehr. Das wissen wir aus der Homöopathie. Auch aus diesem Grund kürzte ich die Urversion um ein Drittel.
So bleibt mir noch Stoff für weitere Krimis mit meiner Hauptfigur.

Leseprobe:
Nur noch zwei Tage bis Montag. Ich sitze vor der Hütte und langweile mich. Ein Typ mit einem Handkarren kommt den Weg entlang. Das Auffälligste an ihm sind seine dreckstarrenden Lumpen.
Er wirft die Beutel mit dem Müll, die Marta heute Morgen an den Zaun gestellt hat, auf seinen Karren. Das Knirschen der Karrenräder verklingt. Ich will rein und einen Kaffee holen.
In dem Moment, in dem ich die Nase durch die Tür stecke, landet eine Faust mittendrauf. Fest und ziemlich überraschend. Ich seh Sternchen und kippe um.
Die Sternchen verblassen, weil der Mond aufgeht. Ich hebe den Kopf. Über mir steht ein stämmiger Kerl, der sich die Handknöchel reibt. Sein Kopf ist rund wie ein Kürbis, aus kurzen braunen Locken ragen zwei fleischige Ohrläppchen wie Suppentassenhenkel heraus. Dicke goldene Ringe hängen daran.
Seit ich in São Paulo bin, liege ich für meinen Geschmack zu viel vor den Fußspitzen von unterbelichteten Typen herum.
Aus meiner Nase läuft es warm über die Lippen, es schmeckt nach Blut.
Noch ein paar andere Typen bevölkern die Hütte. Einen kenne ich. Das ist der Gnom, den Alina Pepinho genannt hat. Er sieht aus, als wäre er neulich mit einer Wand zusammen gestoßen.
Neben Dani steht ein junger Schlacks mit einer Hand auf ihrem Schlüsselbein. Sie liegt genau dort, wo der Hals beginnt und das T-Shirt die nackte Haut freigibt. Vor Martas Bett steht ein Typ, der halb gebückt auf jemand darunter einredet. Sein Tonfall ist freundlich und beruhigend, also hat sich der Kleine dort verkrochen.
»Was wollt ihr?«, frage ich und will aufstehen. Mit einem gezielten Tritt befördert mich der Kürbiskopf wieder auf die Bretter.
Aus dem Hintergrund schiebt sich ein Typ im Anzug nach vorne. Er ist klein, moppelig und hat einen graumelierten Bart wie Lula.
»Português?«
»Não, no entiendo.« Das Reden fällt mir schwer.
»Espaniol?«
»Ja, ein bisschen.«
»Wo ist Nelson?«
Pepinho mischt sich ein, zeigt nach nebenan. Der Anzugträger schickt den Kürbiskopf und den Typ vom Bett nach nebenan.
»Aufstehen und hinsetzen.«
Ächzend gehorche ich. Ich bräuchte dringend einen Lappen, um das Blut aufzufangen. Es tropft jetzt nicht nur auf mein Shirt, sondern auch auf die Jeans. Dafür haben Männer wie er natürlich keine Augen. Die hat er auf meinen Busen gerichtet. Damit nicht genug, jetzt kommt er auch noch ran und fühlt.
»Puta, eh …«, grunzt er.
Ich mustere seinen Hosenlatz, dann trete ich. Leider erwische ich ihn nicht richtig. Er flucht und scheuert mir eine. Mir wird für Momente schwarz vor Augen.
Mit einigem Getöse schleifen die Kerle Nelson herbei. Zum Aufwecken haben sie seine Lippe blutig geschlagen. Große Lust auf Widerstand strahlt er nicht aus. Vor dem Anzugträger duckt er sich regelrecht. Der hält ihm einen Vortrag. Pepinho steht dabei und wirft mit zeternder Stimme die eine oder andere Bemerkung ein.
Die Kerle lassen Nelson los. Jetzt darf Pepinho vortreten und zuschlagen. Er macht es nicht routiniert, aber mit Inbrunst. Nelson wehrt sich nicht. Er lässt die Arme hängen und schwankt hin und her.
Dani gibt einen Schreckenslaut von sich. Der Schlacks gräbt seine Finger noch tiefer in ihre Haut, mit der anderen packt er ihren Pferdeschwanz. Sie hält still und die Hand wandert in das T-Shirt hinein.
Pepinho verstaucht sich die Hand und lässt von Nelson ab, nachdem er ihn noch mal getreten hat.
Der Anzugträger redet nun von Geld, soviel kann ich verstehen.
Nelson schüttelt mehrfach den Kopf, während er seinen Kiefer vorsichtig abtastet. Der Anzugträger wendet sich an mich.
»Du musst Geld geben.«
»Woher soll ich Kohle haben, du saublöder Bock?«
»Spanisch reden«, sagt er laut.
»Ich habe nichts, bin pleite. Was glaubst du, warum ich hier hause?«, sage ich.
»Du hast Geld gestohlen beim reichen Arzt. Wo ist das?«
»Wir haben dort nichts gestohlen.«
»Dann …« Er überlegt. »Dann nimmt Toni das Mädchen mit.«
Er zeigt zu dem grinsenden Schlacks rüber, der in Danis T–Shirt herumwühlt. Sie wimmert leise.
»Nimm deine Dreckpfoten da weg. Du, du …« Ich suche ein Schimpfwort. »Du stronzo.«
Die Wut treibt mich vom Stuhl hoch. Ich werde jeden ungespitzt in den Boden rammen.
Die Narbenfresse packt mich am Arm und am Shirt. Der Ausschnitt zieht sich fest in meine Kehle. Ich muss stehen bleiben. Er fasst sofort nach, verstärkt seinen Griff und ich kann nur noch mit den Augen rollen.
»Pass auf«, sagt der Anzugträger, »oder du kommst auch mit. Franco will dich bestimmt gerne haben.«
Ich überlege fieberhaft. Mir muss was einfallen, aber schnell.
»Moment, wartet. Ich habe doch Geld.«
»Ah, du hast Geld? Wo?«
»In meiner Hosentasche. Der soll ich mal loslassen.«
Ein kurzes Kommando, dann kann ich mich wieder bewegen. Mit scharfem Blick verfolgt er, wie ich in meinen
Hosentaschen suche. Die paar Reais lasse ich stecken, um die geht es mir nicht. Rechts hinten werde ich fündig. Ich werfe einen verknitterten Scheck über zehntausend Dollar auf den Tisch. Der Anzugträger nimmt ihn, liest, dreht und wendet ihn und kratzt sich am Kopf.
»Woher hast du das?«
»Hat mir die Klinik gegeben.«
Das stimmt zwar nicht ganz, aber in dieser Situation nehme ich es nicht so genau.
Er überlegt und überlegt. So hat er sich das Geld nicht vorgestellt. Andererseits sind zehntausend Dollar eine heftige Versuchung. Endlich kommt er zu einem Entschluss.
»Gut. Aber wenn der falsch ist, kommen wir zurück. Dann bist du dran. Das Mädchen auch.«
Nelson lässt sich widerstandslos zur Seite schubsen. Durch die offenen Türen hören wir ihre Schritte leiser werden. Wir verharren wie gelähmt.
Andre kommt weinend unter dem Bett hervor und klettert auf Danis Schoß. Ich gehe nach draußen und wasche das Blut aus meinem Gesicht. In dem Spiegelstück sehe ich verheerend aus. Meine linke Wange ist feuerrot, die Nase dick, die Augen geschwollen, obwohl ich nicht geflennt habe, keine Träne, ehrlich.
Ich gehe wieder rein. Nelson sitzt am Tisch und tastet seine Blessuren ab.
»Du verdammter Blödmann, saublöder Depp.«
Nelson buckelt mit einem waidwunden Blick. Er hat zwar nicht verstanden, weiß aber, worum es geht.
»Está PCC«, sagt er leise.
Das sagt mir nichts, ich zucke mit den Achseln.
»Mafia.«
Das klingt ehrfürchtig. Sicher bin ich dumm genug, dass ich keine Angst habe. Bei Nelson ist das anders, er sitzt zusammengesunken am Tisch. Ich koche einen Kaffee, weil ich eine gute Mutter bin. Und weil ich selber einen brauche.
»Obrigada.«
Dani sieht mich mit großen verweinten Augen an. Sieh mal an, das Mädel hat trotz ständigem Fernsehen begriffen, um was es ging.
»Ist schon okay«, sage ich und nehme sie in die Arme. Dann öffnen sich auch bei mir alle Schleusen.