Interview mit Judith Merchant

Über psychologische Krimis, Gewalt und die Wahl des richtigen Mordinstrumentes:

Henny Hidden: Judith, du hast für deinen Kurzkrimi „Monopoly“ einen Glauser-Preis bekommen und für den Kurzkrimi „Der Himmel über Krefeld“ wurde dir der Krefelder Krimipreis verliehen. Hast du dir schon einmal Gedanken gemacht, warum gerade deine Kurzgeschichten von den Jurys ausgewählt wurden?

Judith Merchant: Keine Ahnung! Ich denke, dass beide Geschichten an bestimmten Stellen eine Grenze übertreten. Bei „Monopoly“ ist es die Erzählstruktur, die ja ziemlich durcheinander geht, eher wie in modernen Filmen. Bei „Der Himmel über Krefeld“ lasse ich das Opfer nach der Hälfte der Geschichte aus dem Himmel weiter erzählen. Diesen Kniff verwendet ja auch die Kollegin Jutta Profijt für ihre Kühlfach-Serie. Es kommt beim Publikum gut an, wenn das Mordopfer zum Ermittler wird –wahrscheinlich, weil es eine neue Perspektive ist.

Henny Hidden: Wenn ich dich richtig verstehe, meinst du, dass die Auswahl aus methodischen bzw. stilistischen Gesichtspunkten erfolgte. Was glaubst du, haben es Krimis, die nach einer besonderen Art und Weise strukturiert wurden, leichter oder schwerer, beim Leserpublikum Gefallen zu finden? Oder meinst du, dass nur Fachkollegen oder Jurys das honorieren?

Judith Merchant: Letztlich wollen ja alle dasselbe: Spannung! Und vielleicht noch eine Figur oder einen Aspekt, der einem neu vorkommt, oder der etwas aus einem etwas veränderten Blickwinkel beleuchtet. Ich neige als Literaturwissenschaftlerin vielleicht dazu, Texte theoretisch, also zum Beispiel nach Wahl der Erzählperspektive etc, zu bewerten. Ein Anderer sagt vielleicht: Ich fands einfach super, rasant, ich war überrascht. Es kommt auf dasselbe heraus: Das eine beschreibt dann das Mittel, das andere den Effekt.

Henny Hidden: Kommen wir mal auf die inhaltliche Seite zu sprechen. In beiden Krims sind Frauen deine Protagonistinnen und beiden ist gemeinsam, dass sie sich an Männern rächen. Zufall oder Absicht?

Judith Merchant: Oh, das ist Zufall. Wobei ich mit Sicherheit eher über Morde aus Rache schreiben werde als über Morde aus Geldgier, denn das interessiert mich überhaupt nicht.

Henny Hidden: Demnach können wir einen Wirtschaftskrimi aus deiner Feder wohl nicht erwarten? Rache als Antwort auf eine physische oder psychische Gewalttat, die ein Mensch erlitten hat, führt ja auf ein psychologisches Feld. Warum findest du gerade auf diesem Gebiet deinen Schreibanlass?

Judith Merchant: Ich schreibe ja das, was ich auch lese. Und als Leserin interessiert mich die psychologische Seite einer Geschichte einfach am meisten. Ich möchte nicht wissen, WAS jemand getan hat und WIE er es getan hat, sondern warum.

Henny Hidden: Krimiautorinnen wird ja manchmal vorgehalten, dass sie sich mit der Reduzierung auf das Psychologische weg von den gesellschaftlichen Problemen bewegen und somit ihren Krimis die soziale Brisanz und Schärfe fehlt. Wie siehst du das?

Judith Merchant: Psychologische Krimis sind, wenn sie gut sind, immer auch gesellschaftliche Krimis. Manche Texte richten den Blick dabei eher auf die Struktur und machen sie sichtbar, andere zeigen die Auswirkung anhand der Figuren. Ich finde wichtig, dass die Story funktioniert, und die Story wiederum braucht Figuren, die ein gewisses Paket an Erfahrungen, Leid, Frust, Wünschen und blinden Flecken mitbringen, Wenn die Geschichte dann auch zeigen kann, wodurch diese Figuren so reagieren, dann ist der Text gesellschaftspolitisch relevant, auch ohne die Strukturen bewusst zu benennen. Leser sind ja nicht dumm. Wenn ich eine Hausfrau zwischen Bettenmachen und Einkaufen durchdrehen oder jemanden zu Weihnachten im Kaufhof zusammenbrechen lasse, muss ich nicht „Vorstadt-Kollaps“ oder „Hartz 4“ darüber schreiben, damit der Leser spürt, dass es um etwas geht, was über die individuelle Figur hinausgeht und im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Phänomenen steht.

Henny Hidden: Gibt es ein Schreiben aus weiblicher Sicht? Was hältst du von dem Begriff Frauenkrimi?

Judith Merchant: Ich halte gar nichts davon! Und mich macht das manchmal richtig sauer, wenn ich darauf angesprochen werde, dass ich ja etwas typisch Weibliches schreibe. Ich finde das sehr unpräzise. Es gibt eine erfolgreiche Schublade „Ehefrauenrache“, also Morde mitten aus dem Alltag, die bei laufender Spülmaschine heiter und ohne moralische Strafe passieren. Das macht Spaß zu lesen und Spaß zu schreiben, und ich mach das manchmal gern. Das ist aber mitnichten typisch weiblich, einfach deswegen, weil es nur einen sehr begrenzten Lebenshorizont beschreibt, eben den genannten. Es gibt Millionen Frauen, mit deren Lebenswirklichkeit das nicht das Geringste zu tun hat, ob sie Single sind, Alleinverdienerinnen oder oder oder… Ich finde einfach die Kategorien „Mann und Frau“ nicht besonders glücklich, um soziale Phänomene zu beschrieben. Wenn ich über eine Wissenschaftlerin schreiben würde, enthielte das vermutlich mehr „typisch Wissenschaft“ als „typisch Frau“. Und eine Vollzeitmutti hat mit einem Vollzeitpapi mehr Gemeinsamkeiten als mit einer Vollzeit-Berufstätigen.

Henny Hidden: Ich will es noch mal genauer wissen. Wenn du gewichten müsstest, wo liegt dein Gewicht, bei den psychologischen Verletzungen oder bei den sozialen Ungerechtigkeiten? Beide können ja Anlass und Ausgangspunkt von Gewalt sein.

Judith Merchant: Ich denke nur psychologisch. Natürlich kommt das Soziale mit rein, aber Figuren, die im Kern nur etwas Soziales abbilden, Modell-Figuren also, finde ich als Leserin unerträglich.

Henny Hidden: Wie lange brauchst du, um einen Kurzkrimi fertig zu stellen? Wie lange bei einem Roman?

Judith Merchant: Kurzgeschichten dauern zwischen zwei Tage und zwei Monate. An meinem Roman habe ich ein Jahr und ein paar Monate geschrieben.

Henny Hidden: Spielt die Wahl der Mordinstrumente beim Schreiben deiner Krimis eine Rolle und wenn ja, warum?

Judith Merchant: Natürlich, das ist eine ganz wichtige Entscheidung! Für „Monopoly“ brauchte ich ein Messer, weil ich einen Mord mit engem Körperkontakt brauchte, und dann dieses Schlitzen, Ausbluten… Das war für mich auch wichtig. Es geht ja um eine Frau, die einen Mann ermordet und sich dann fragt: „Was fand ich an diesem Körper so schön?“. Als dieser Körper nackt und schlaff und blutverschmiert vor ihr liegt, ist sie beruhigt, weil sie ihn jetzt nicht mehr sexy findet.
Schusswaffen sind für mich „Spielverderber-Waffen“, die sind funktional, und der Täter drückt sich vor dem tatsächlichen Töten, er muss nur abdrücken. Bei Körperkontakt ist das sicher viel schwerer auszuhalten. Ich glaube, das ist in Hitchcocks „Der zerrissene Vorhang“, wo man in einer ewig langen Einstellung sieht, wie lang der Todeskampf beim Erwürgen dauert. Das ist nicht zum Aushalten! Da denkt wahrscheinlich jeder Zuschauer: „Das könnte ich nie!“ Im Vergleich dazu ist Erschießen gar nichts, ein Klacks. Andererseits, wenn ich also genau so einen unbeteiligten, funktionalen Täter beschreiben will, dann muss ich eben eine Schusswaffe nehmen.

Henny Hidden: Das ist ja interessant. Du misst dem Akt des Tötens selbst eine psychologische Bedeutung zu, du schon bei der Auswahl des Mordinstruments einkalkulierst. Ich will das nicht überstrapazieren, aber könnte man das dahingehend verallgemeinern, dass Männer eher an der Auslöschung der Person interessiert sind, während Frauen beim Töten die Gefühle z. B. die erduldete Demütigung in ihrer ganzen Breite ausleben wollen? Und Krimiautorinnen dies auch in einer besonderen Art widerspiegeln?

Judith Merchant: Nein, das würde ich so nicht sagen. Es kann natürlich sein, dass mehr Frauen als Männer Demütigungen erleiden, die sie dann durch Morde, Töten vergelten. Dann wäre aber der springende Punkt die Demütigung, nicht die Geschlechterfrage, und ich fände es – siehe oben – unpräzise, dafür die Schubladen Mann – Frau als Unterscheidung zu nehmen.

Henny Hidden: Glaubst du, dass diese psychologischen Krimis deshalb von Frauen so gern gelesen werden, weil sie hier eine Abfuhr ihrer Gefühle erleben, Gefühle, die sie im normalen Leben aushalten müssen? Beleidigungen, Demütigungen und Zurücksetzungen durch Männer?

Judith Merchant: Ich glaube, dass alle Krimileser dieses Gefühl genießen – die Bösen werden bestraft, das Geheimnis gelöst, die Akte zugeklappt. So funktionieren ja die meisten Krimis. Das ist irgendwie beruhigend. Und Aggressionen baut das auch ab, auf jeden Fall!

Henny Hidden: Wie beurteilst du überhaupt die Gewaltdarstellung in Krimis? Die Krimiautorin Christine Lehmann kann es mit ihrer Überzeugung nicht vereinbaren, dass Frauen in Krimis töten. An einer Stelle moniert sie, dass in Krimis Gewalt immer nur mit Gewalt beigekommen wird. Beschränken sich die Antworten der Frauen auf erlittenes Unrecht von denen der Männer lediglich in der Auswahl der Tötungsinstrumente?

Judith Merchant: Tun sie das? Keine Ahnung. Der Krimi ist aber nun mal ein Genre, in dem Gewaltverbrechen zwingend nötig sind. Ich glaube nicht, dass sich Frauen und Männer in der Gewaltbereitschaft grundsätzlich unterscheiden, zumindest nicht von Geburt an. Klar gibt es deutliche Unterschiede in der Gewaltstatistik, aber die schiebe ich darauf, dass Männern und Frauen verschiedene Möglichkeiten gegeben sind, auf Umstände zu reagieren und natürlich auf ihre Erziehung.

Henny Hidden: Siehst du in der zunehmenden Gewaltdarstellung in Krimis ein Abbild der Brutalisierung dieser Welt? Und diese Frage grenzt auch gleich an die Frage über die Glaubwürdigkeit von Krimis. Eingangs haben wir darüber gesprochen, dass die Überhöhung ein probates Mittel sein könnte, um einen guten Krimi zu schreiben. Wie hältst du es mit der Glaubwürdigkeit und der Realitätsnähe?

Judith Merchant: Ich bin mir nicht sicher, ob die tatsächliche Gewalt in dem Maße zunimmt, gerade im Bereich häusliche Gewalt ist es wahrscheinlich eher das Verhältnis von gemeldeten Straftaten zur Dunkelziffer, das sich ändert. Ich glaube aber, dass eine Zunahme der Gewalt im Krimi dem Gefühl der Leser entgegenkommt, das da sagt: Die Welt wird immer härter. Angst, Ohnmacht und hilflose Aggression sind ja Erfahrungen, die zum Erwerbsleben beinahe dazu gehören, dazu noch dieses Gefühl, dass man die Welt nicht mehr versteht und keinen Einfluss auf sie hat. Vielleicht bildet die Gewalt in der Kunst dieses Gefühl ab, aber eben nicht 1:1 in dem Sinne, dass die Gewalt im Film real existierende Gewalt in der Welt zeigt. Denn die Menschen haben ja viel mehr Angst davor, ihren Job oder das Sorgerecht für ihre Kinder zu verlieren als davor, dass in der Tiefgarage der Mörder mit dem Hackebeil lauert. Um diese Angst zu beschreiben, taugt der Mörder mit dem Hackebeil aber gut!

Henny Hidden: Für mein Gefühl läuft das jetzt auf eine Ehrenrettung der Serienmörderfigur hinaus.

Judith Merchant: Das soll es nicht! Ganz ehrlich, ich mag keine Serienmörder. Ich mag Mörder, deren Motive ich nachvollziehen kann, darin besteht für mich der Reiz. Ich finde toll, wenn ich beim Lesen merke: Mit diesem Mörder verbindet mich viel, vielleicht wäre ich in eine ähnliche Situation gekommen. Und dann die erschreckte Frage: Was hätte ICH dann gemacht. Serienmörder handeln aus Motiven heraus, die sie vom Rest der Welt trennen. Das sind die Bösen wie die Bösen in schlechten Western, es fehlt von Anfang an die Möglichkeit, deren Empfinden zu teilen. Ich weiß, dass manche Autorenkollegen sich viel Mühe geben dabei, einem auch Serienmörder nahe zu bringen, aber bei mir klappt das nie, ich schlage Bücher mit Serienmorden immer nach 20 Seiten zu.

Henny Hidden: Ich habe in einer Befragung, die mit dir als Glauserpreisträgerin geführt wurde, gelesen, dass du von einer starken Szene heraus entwickelst. Ist das eine Szene, die am Anfang oder am Ende des Buches steht? Wann erkennst du, dass die Idee tragfähig ist oder du sie verwerfen musst? Überhaupt, welche Ideen setzen sich in deinem Kopf fest, und wann bist du dir sicher, dass daraus eine Geschichte werden könnte?

Judith Merchant: Wenn ich die Szene im Kopf habe, weiß ich noch nicht, an welche Stelle sie kommt. Dann wird rumprobiert und kombiniert, bis ich merke: Das passt.
Manchmal sind es einfach Szenen, in denen ich eine Facette der Figur ganz deutlich zeigen kann. Bei „Monopoly“ war es die Szene an der Kasse im Kaufhof. Ich selber versinke immer im Boden, wenn meine Karte nicht angenommen wird, und je nachdem, welchen Hintergrund die Figur hat, kann man ihre ganzen sozialen Verhältnisse in dieser Szene aufleuchten lassen. Und dann kontrastiert das mit diesem Schlussbild, in dem die Erzählerin über dem nackten, schlaffen Sexgott triumphiert… Das waren so ungefähr die Extreme, die ich in der Geschichte wollte, den Schwung von Demütigung zum Triumph (und natürlich zurück…).

Henny Hidden: Welche AutorInnen haben dich wie in deinem Schreiben beeinflusst?

Judith Merchant: Oh, das ist schwer. Ich lese ziemlich systematisch Neuerscheinungen. Mich interessiert, wie Autoren mit Gegenwartsthemen umgehen. Manchmal fällt mir dabei selbst etwas ein, was ich gern machen möchte. Und manchmal lese ich einen fremden Kapitelanfang und denke: Ha! Das passt doch zu meiner Szene, so ein Blick aus dem Fenster, das könnte ich auch machen… Und dann schreibe ich beim Lesen, und beides geht ineinander über. Das ist dann sehr schön.

Henny Hidden: Willst du etwas über deinen ersten Roman verraten? Titel? Handlung, Schauplatz?

Judith Merchant: Der Arbeitstitel lautet „Nibelungenmord“, weil das Nibelungenlied eine zentrale Rolle spielt. Meine Ermittlerin ist eine Art rheinische Miss Marple, die mit ihrem Enkel zusammenlebt. Der ist Kriminalhauptkommissar und hat ein ziemlich ernstes Problem, weil er eine Störung entwickelt, die er in seinem Beruf wirklich nicht gebrauchen kann. Und dann geht es um eine Frau, deren Leiche gefunden wird, und die niemand zu vermissen scheint, und um eine andere Frau, die spurlos von ihrer eigenen Geburtstagsparty verschwindet. Hintergrund ist der Brunhild-Kriemhild-Konflikt, also der Kampf zweier Rivalinnen. Und mit Drachen und dem „Herrn der Ringe“ hat das Ganze auch etwas zu tun.

Henny Hidden: Da drängt es mich zum Schluss doch noch zu einer Frage. Warum ist dein Kriminalkommissar männlich? Hast du mit den Gedanken einer weiblichen Ermittlerin gespielt oder stand es für dich von Anfang an fest?

Judith Merchant: Mir ist nicht prinzipiell wichtig, ob eine Figur männlich oder weiblich ist, das entscheidet die Geschichte. Ich wollte aber unbedingt eine Miss-Marple-Figur, und die musste logischerweise weiblich sein. Wenn ich diese Oma jetzt mit ihrer Enkelin hätte zusammenleben lassen, dann hätte sich diese WG irgendwie karitativ und weltfremd angefühlt. Wenn meine reizende alte Dame aber mit ihrem Enkel zusammenlebt, ergibt sich eine ganz spannende Situation, die schon eine gewisse Grundironie mitbringt. Das wollte ich.

Henny Hidden: Danke für das Interview. Ich bin sehr gespannt auf deinen neuen Krimi.