Interview mit Stephanie Fey

Henny Hidden: „Die Verstummten“ ist Dein zweiter Thriller mit der Gesichtskonstrukteurin Carina Kyreleis und er kommt ähnlich virtuos daher wie der erste. Warum schreibst Du Thriller und nicht Kriminalromane? Was reizt Dich an Thrillern?

Stephanie Fey: Thriller sind ja nur eine Untersparte, eine Verfeinerung des Kriminalromans. Mich reizt das Spiel, der Gedankengang beim Schreiben, mit ganz existenziellen Problemen meiner Hauptfiguren, das „Thrillige“ eben. Ein Kommissar, der sich selbst nicht weiterentwickelt, das war mir zu langweilig. Außerdem wollte ich mal die Opferseite beleuchten und dazu eignet sich der Beruf einer Rechtsmedizinerin und Gesichtsrekonstrukteurin perfekt.
Henny Hidden: Ich überlege oft, was das Charakteristikum eines Thrillers sein könnte. Leser greifen zum Thriller, weil sie ein größeres Spannungsmoment erwarten. Ich behaupte mal, auch nach der Lektüre Deines Thrillers, wir reden von einem Thriller, wenn man anfangs die Hälfte eines Figurencharakters weglässt, um sie am Ende dann als die böse Seite zu offenbaren.

Stephanie Fey: Ein Thriller definiert sich für mich dadurch, dass die Hauptfigur auf mehreren Fronten zu tun hat. Sie kämpft gegen äußere und innere Widerstände und erst im Laufe der Handlung zum Vorschein kommende Bedrohungen, manchmal nimmt die Hauptfigur selbst Schaden oder stirbt sogar am Ende, auf jeden Fall, lässt sie das alles nicht kalt, wie es oft bei souveränen Kommissaren (z. B. im Fernseh-Tatort), der Fall ist. Deshalb lege ich großen Wert auf das Ausarbeiten der Charaktere, der Leser lernt Figuren mit Ecken und Macken kennen, die nicht durchwegs sympathisch sind, in denen man sich (oder seinen Nachbarn) wiedererkennen kann.

Henny Hidden: Du bist ja Deinen Figuren aus dem ersten Buch treu geblieben. Du hast sogar die Figur Deiner Heldin Carina Kyreleis noch weiter ausgebaut. War Dir das im Deinem ersten Buch schon klar oder wann/wie ist Dir die Idee gekommen?

Stephanie Fey: Ja, ich habe von Anfang an mehrere Fälle gedacht. Die Hintergrundgeschichte über die unaufgeklärten Verbrechen der RAF wird aber in den nächsten Büchern abgeschlossen sein und Carina kann sich dann anderen spannenden Fällen zuwenden, wenn denn die Leser ihr weiterhin folgen wollen.

Henny Hidden: Die Figur der Carina lebt von einem gestörten Vater-Tochter Verhältnis, das meines Erachtens ein bisschen zu lange ausgewälzt wird. Aber sei es wie es sei, warum ist der Kampf um das Wissen der eigenen Identität für Dich ein Thema, das Dich reizt, literarisch zu bearbeiten?

Stephanie Fey: In all meinen Romanen geht es um Identität, um das zu sich selbst finden und das hat bestimmt autobiografische Gründe, obwohl ich nicht adoptiert bin, habe ich mich oft gefragt, ob ich in der richtigen Familie gelandet bin. Ich wollte immer Malerin werden, wie mein Vater, der Kunstmaler ist, so habe ich auch immer an mir gezweifelt bis hin zum Leben oder Sterben wollen. Das hat sich erst mit meinem ersten Roman (Das Gedächtnis der Lüge), in dem es auch um so eine Identitätssuche geht, gelegt. An ihm habe ich sieben Jahre geschrieben und damit wohl einiges verarbeitet.

Henny Hidden: Im Buch geht es auch um eine Frau, die eine neue Identität annimmt. Ich habe mich gefragt, ob es schwer ist, in der heutigen Zeit fast ohne fremde Hilfe eine neue Identität anzunehmen? In Deinem vorhergehenden Buch „Die Gesichtslosen“ beschreibst Du sehr ausführlich und spannend, wie einer Frau das gelingt.

Stephanie Fey: Bei der Recherche habe ich mich auch mit Illegalen beschäftigt, die völlig rechtlos, immer in Hab-Acht-Stellung, sprungbereit, im Untergrund im Deutschland leben. Im wirklichen Leben stelle ich mir das, trotz aller Fantasie, sehr, sehr schwer vor.

Henny Hidden: In Deinem neuen Buch passiert der Identitätswechsel wesentlich schneller und auch zufälliger. Welchen Wert bemisst Du dem Zufall in einem Thriller zu?

Stephanie Fey: Ich glaube nicht so sehr an Zufälle, im Roman und in der Realität, ich glaube vielmehr an Ursache und Wirkung. Manchmal strebt man auf etwas zu, dass man unbewusst herausgefordert hat, vom Verstand her, weigert man sich noch, aber vom Herzen sehnt man sich danach. Allerdings darf eine Mordaufklärung und der Schluss eines Thrillers nicht dem Zufall überlassen werden, das mag ich als Leserin auch nicht, die Fäden müssen verknüpft werden und zu einem wendungsreichen, aber logischen Ende führen.

Henny Hidden: Ich fand es auch mal schön, zu erleben, wie eine Frau so ganz aus der Rolle fällt und das Zimmer der Eltern verwüstet. Ebenso verrückt fand ich, dass sie die meiste Zeit mit den Schuhen einer Toten herumrennt. Das sind so Sachen, die man von einer positiven Figur, besonders wenn sie weiblich ist, nicht erwartet.

Stephanie Fey: Befreiend nicht, das mit der Verwüstung? Schließlich wurde Carina jahrelang von ihren Eltern hingehalten. Freut mich auch sehr, dass Du das mit den Schuhen magst. Für mich beim Schreiben fühlte es sich anfangs befremdlich an, ich hatte da mehr moralische Skrupel als meine Hauptfigur Carina. In den Schuhen eines Opfers herumwandeln. Aber ja, Carina hat es mir eingeflüstert, das ist das tolle beim Schreiben, die Figuren sprechen zu mir, sie entscheiden was sie wollen, ich biete ihnen verschiedene Möglichkeiten an und sie tun dann was sie wollen und wenns mir als Autorin nicht passt, dann muss ich mich halt da reinarbeiten und versuchen zu verstehen.

Henny Hidden: Stellt ein positives Rollenverständnis, das man von einer Frau gewöhnlich in der Position einer Rechtsmedizinerin erwartet, ein Hindernis beim Schreiben für Dich dar? Oder andersherum, was für Charaktereigenschaften dürfte diese Frau nach Deiner Ansicht auf gar keinen Fall haben, sodass sie nicht auf Ablehnung stoßen würde?

Stephanie Fey: Mit dem Rollenverständnis zu brechen, reizt mich beim Schreiben. Übrigens hat die echte Rechtsmedizinerin, die mir bei der Recherche hilft, gestöhnt, als ich anfangs fast nur Frauen im Team hatte, eine Staatsanwältin, zwei Rechtsmedizinerinnen. Kann da nicht mal ein Mann sein? Es ist ja dann auch ein Mann geworden, mein Oberstaatsanwalt Dr. Buddeberg. In der Realität gibt es aber verstärkt auch Frauen in der Rechtsmedizin. Und zu Deiner zweiten Frage: Ich beschränke mich vorerst mal nicht, in den Charaktereigenschaften, so wie ich auch in der Realität neugierig bin auf Menschen und ihre Eigenheiten, lasse ich das auch bei meinen Romanfiguren offen.

Henny Hidden: Kannst du Dir vorstellen, einen ähnlichen Beruf wie Deine Heldin auszuüben?

Stephanie Fey: Mir geht es ähnlich wie Peter Schuster (der Sprachprofiler in DIE VERSTUMMTEN), ich kann kein Blut sehen, allerdings ist es besser geworden, ich bin tapferer, seit ich soviel recherchiert habe und auch bei Obduktionen dabei war. Ich trainiere mir eine gewisse Routine an, wenn auch ohne Garantie ;-))

Henny Hidden: Im Buch geht es ja ziemlich rasant zu und Du schneidest viele Themen an, die Du auch gekonnt verknüpfst. Identitätskrisen, Kindesmissbrauch, Unterwanderung von Behörden. Die Vielfalt gefällt mir, verlangt aber auch vom Leser eine ständige Neueinfühlung. Hast Du irgendwann beim Schreiben gedacht, jetzt ist aber mal gut mit den vielen Ideen? Wie kriege ich die ganzen Handlungsfäden zusammen?

Stephanie Fey: Mir war es diesmal wichtig weitere Aspekte der Arbeit einer Rechtsmedizinerin aufzuzeigen, das ist hier die Arbeit mit Lebenden als Gutachterin. Sorge, die Handlungsfäden zusammenzukriegen, hatte ich nicht, es ist eher noch viel Stoff für die nächsten Romane entstanden.

Henny Hidden: Der BND spielt ja in Deinem Buch eine große Rolle. Ist es von Vorteil, dass man nicht über ausreichend Informationen verfügt und seiner Fantasie freien Lauf lassen kann oder kommen schon mal Skrupel auf, ob man zu fern von der Realität liegen könnte?

Stephanie Fey: Ich recherchiere sehr genau, und wo Lücken in Sachbüchern oder bei Antworten der Experten sind, da fülle ich sie mit meiner Fantasie. Skrupel habe ich keine, wo jemand von Tabu spricht, wird es für mich interessant. Und das Was-Wäre-Wenn-Spiel eines Romans ist vielleicht eine der möglichen Antworten, wo andere schweigen.

Henny Hidden: Ich habe schon manches Mal überlegt, ob AurorInnen, die über mehrere künstlerische Fähigkeiten verfügen, anders schreiben als nur Schriftsteller. Bei Tana Franch z. B., die vom Schauspielfach kommt, ist mir der Gedanke gekommen und bei dir auch wieder. Du bist ja von Hause aus Grafik-Designerin, und ich habe den Eindruck, dass Kollegen Deines Fachs die Wirklichkeit mit anderen Augen betrachten, was sich u.a. im Sprachstil niederschlägt. Neben der Wahrnehmung von Kleinigkeiten, die anderen wohl nicht auffallen, finde ich Deinen Sprachstil ausschmückender, blumiger und durch seinen Einfallsreichtum interessant.

Stephanie Fey: Das stimmt, ich denke in Bildern, weil ich durch und durch Malerin bin und die Welt auch in Farbschichten betrachte. Nur brauche ich heute keinen Zeichenstift mehr dazu, ich nehme Buchstaben.

Henny Hidden: Und in einem Fall weist Du auch selber auf die Andersartigkeit des Sehens hin, indem Du einem kleinen Mädchen eine synästhetische Gabe mitgibst. Kannst Du kurz andeuten, aus welchen Gründen Du Dich entschieden hast, ihr diese ungewöhnliche Anlage mitzugeben?

Stephanie Fey: Weil ich selbst diese Gabe habe und als Kind aber dachte, das bilde ich mir nur ein. Erst vor kurzem erfuhr ich, dass es viele Menschen gibt, die Wochentage in Farben sehen, Klänge in Formen oder Jahre in Zeitstrahlen. Die Szene in DIE VERSTUMMTEN als das Mädchen ihre beste Freundin nach der Farbe ihres Montags fragt, ist autobiografisch. Auch meine Freundin damals hat mich ausgelacht und damit habe ich es verdrängt. Mich reizt es beim Schreiben immer, Figuren ungewöhnliche Gaben zu verleihen. In „Die Gesichtslosen“ ist eine Figur gesichtsblind, sie kann sich selbst das Aussehen von nahestehenden Verwandten nicht merken. Synästhesie ist was positives, es bereichert den Blick, wenn man etwas mit mehr als nur einem Sinn erfassen kann.

Henny Hidden: Ich danke Dir für das Interview und frage gleich mal nach Deinem nächsten Vorhaben. Ist die Geschichte um Carina Kyreleis auserzählt oder wird es eine Weiterentwicklung geben?

Stephanie Fey: Ich danke Dir! Der Plot für Carina 3 ist bereits im Kasten, jetzt muss er nur noch geschrieben werden.