Interview mit Numi Teusch

Henny Hidden: Am 11. Juli ist Dein Buch „Die dunkle Seite der Insel“ bei amazon erschienen. Nach über einem Vierteljahr hätte ich gern gewusst, wie zufrieden Du mit der Aufnahme Deines Buches bist?

Numi Teusch: Man kann sich als Autor bei Amazon so eine Art Erfolgskurve ausdrucken, wie sich das eigene Buch verkauft, das sieht aus wie Aktien an der Börse! Und ich kann stündlich nachschauen, wie das aktuelle Ranking ist, das ist interessant, macht einen aber auch ganz wuschig. Nach der ersten schlechten Kritik gab es einen Einbruch bei den Verkäufen, dann hat es sich wieder erholt. Puh. Was mich wirklich freut, sind die positiven Rezensionen, die man auf Amazon bekommt.Letzte Woche stand da eine gute Kritik von einer Kollegin. Sowas ist toll. Davon wünsche ich mir noch mehr, also von den positiven Kritiken …

Henny Hidden: Es ist das erste Mal, dass ich eine Autorin interviewe, die ihr Buch als e-Book auf den Markt gebracht hat. Deshalb hätte ich ein paar spezielle Fragen, die sich um das Selbstpublishing drehen. Kannst Du diesen Weg der Veröffentlichung jungen AutorInnen empfehlen? Worin siehst Du die Vorteile, worin die größten Nachteile?

Numi Teusch: Ja, und nicht nur jungen AutorInnen. Wenn man sich die amerikanischen Erfolgsgeschichten anschaut, sind das ganz oft Leute, die jahrelang vergeblich versucht haben, ihre Sachen bei Verlagen unterzubringen, um dann mit einem selbstpublizierten Buch großen Erfolg zu haben. Die Vorteile sind: Du musst nicht durch diesen Trichter aus Agenten und Verlagslektoren, die wahrscheinlich nur versuchen, die angesagtesten Publikumsinteressen zu erraten. Du kannst sagen, ich schreibe das, weil es mich interessiert, und wenn es mich interessiert, dann könnte es ja auch jemand anderen interessieren.
Du kannst alles selbst bestimmen, den Satz, das Cover, den Preis! Du hast die zeitlichen Abläufe in der Hand, musst nicht darauf warten, dass ein Agent den Stoff gelesen hat und dann ein Verlag und dann kommt er nächstes Jahr ins Programm oder auch erst übernächstes, wenn deine Geschichte vielleicht schon gar nicht mehr state-of-the-art ist oder jemand anderes eine ähnliche Idee hatte. Du hast eine Kontrolle über die Verkäufe und ein direktes Feedback von den Lesern. Aber leider haben ja erst ganz wenige Leute einen eReader. Die anderen erreiche ich nicht, das ist schade. Es macht ja keinen Spaß, ein ganzes Buch auf dem Computer, iPad oder Smartphone zu lesen, das möchte ich niemandem zumuten. Wobei ich mir langfristig schon vorstelle, dass der Trend zum eReader geht, auf jeden Fall für unterwegs – und zu Hause holt man sich das Buch noch mal gedruckt fürs Regal und fürs Gefühl. Als eBook-Autor wird man auch noch nicht richtig ernst genommen, keine Einladungen, keine Preise, keine Lesungen, keine Autorenzusammenschlüsse, kein VG-Wort … Außerdem liegt das Buch nicht im Laden und ich habe ein ganz schlechtes Gewissen, weil ich meinen sympathischen Buchhändlern ein Stück vom Kuchen wegnehme. Und ich muss mich natürlich auch um die Vermarktung kümmern. Das mache ich nicht so gerne. Wer verkauft sich schon gerne selber?

Henny Hidden: Hast Du das Cover selbstgestaltet? Wie hieltest Du es mit dem Lektorat? Hast Du nur über amazon veröffentlicht oder benutzt Du noch andere Vertriebskanäle? Wie sind Deine Erfahrungen mit den Verkaufsplattformen?

Numi Teusch: Das Cover habe ich selbst gestaltet, unter Verwendung eines eigenen Fotos. Und das hat sehr großen Spaß gemacht! Eine Bekannte von mir ist Lektorin, sie hat mir einen Freundschaftspreis gemacht und war meine erste Leserin. Das war eine super Erfahrung. Die erste Bestätigung, dass das, was ich hier mache, nicht nur privater Käse ist, sondern auch vor Publikum bestehen kann. Das war wichtig, sonst wäre aus der Sache vielleicht trotz der vielen Arbeit nichts geworden. Nach der ersten Überarbeitung gab es noch ein zweites Lektorat, wieder mit guten Anregungen. Und natürlich im Kampf gegen die Rechtschreibfehler. Ich finde die Fehler nicht im eigenen Text, dazu braucht man eine neutrale Person. Es sind ja wohl trotzdem noch ein paar Rechtschreibfehler drin, man kann also gar nicht oft genug drauf gucken lassen. Amazon ist, soviel ich weiß, im Moment die interessanteste Alternative, mit den anderen habe ich mich noch nicht gründlich genug beschäftigt.

Henny Hidden: Du bietest das Buch für 2,99 € an. Wie bist Du mit Deinem bisherigen Verdienst bei amazon zufrieden?

Numi Teusch: Ich denke, ich habe inzwischen so viel verdient, wie ich vielleicht bei einem kleinen Verlag als Anfängerin bekommen hätte, und das nach Abzug der Kosten für Lektorat und Marketing. Das ist natürlich super. Trotzdem ist es mein eigenes finanzielles Risiko, ein Roman wächst ja nicht auf dem Baum, ich muss meine Zeit investieren und in der Zeit kann ich kein anderes Geld verdienen.

Henny Hidden: Was tust Du, um Dein Buch bekannt zu machen?

Numi Teusch: Nächste Woche nehme ich mit einer Freundin zusammen einen Radiospot auf, ein kleiner Sender auf Teneriffa hat mir versprochen, den dann ein paar Wochen lang zu bringen, ich bin sehr gespannt! Ansonsten habe ich eine große Rundmail an Freunde und Bekannte geschickt, mir eine Homepage eingerichtet und ein paar ausgesuchte Reiseredaktionen und Buch-Blogger angeschrieben. Am erfolgreichsten war bisher eine Gratisaktion auf Amazon.

Henny Hidden: Kommen wir jetzt zum Inhalt. Dein Krimi spielt auf den Kanarischen Inseln, genauer gesagt auf der Insel Teneriffa? Eine Ferieninsel, die von vielen deutschen Touristen besucht wird, und es verwundert auch nicht, dass ein Deutscher, der sich in diesem Urlaubermilieu bewegt, ermordet aufgefunden wird. Warum hast Du diesen Ferienort zu Deinem Krimischauplatz gewählt?

Numi Teusch: Teneriffa ist der perfekte Ort für Krimis. Es gibt Arm und Reich sehr dicht beieinander, unterschiedliche Kulturen und Milieus. Alle möglichen Spielarten des Verbrechens, von Drogenhandel und Korruption bis zum Mord aus Leidenschaft und Kalkül. Aber zuerst habe ich mich für die Guanchen begeistert, ein wahnsinnig interessantes Volk. Eine Steinzeitkultur mit sehr hohen menschlichen Werten im 16. Jahrhundert. Wo kamen die her? Gibt es die noch? Ein Rätsel! Am Anfang stand dieses Rätsel.

Henny Hidden: Lagen Deiner Entscheidung auch verkaufsstrategische Gründe zugrunde? In dem Sinne, dass man annimmt, potentielle Teneriffabesucher würden gerne dieses Buch lesen, weil sie sich auf das Land ihres künftigen Urlaubsbesuchs einstimmen wollen.

Numi Teusch: Wenn ich in Urlaub fahre, lese ich sehr gerne Bücher, die vor Ort spielen. Aber ich glaube nicht, dass man an ein Buch so verkaufsstrategisch herangehen sollte. Den Titel habe ich absichtlich neutral gewählt, damit er auch Leser anspricht, die mit Teneriffa gar nichts am Hut haben.

Henny Hidden: Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Du mit Deinem Buch eine bestimmte Zielgruppe ansprechen möchtest. Es werden sehr viel Songs und Filmtitel eingestreut, die auf einen Wiedererkennungswert vornehmlich bei Jugendlichen setzen.

Numi Teusch: Ich fürchte, die meisten Songs, die in dem Buch vorkommen, kennen Jugendliche überhaupt nicht! Evelyn, die „junge“ Archäologin, ist 27, sie und ihre Kommilitonen spielen mit Assoziationen und da fließen ganz viele Zitate aus der Popkultur der letzten siebzig Jahre ein. Die Rentner dröhnen sich sowieso am liebsten mit den deutschen Schlagern zu, die ich noch aus meiner Kindheit kenne. Die Idee war, die einzelnen Protagonisten durch die Musik, die sie hören oder die sie umgibt zu charakterisieren. Bestimmte Stimmungen damit zu kreieren. Ich habe mir vorgestellt, dass jemand beim Lesen die Melodien vor sich hin summt oder sogar die Texte im Kopf hat, die meinen Text noch ergänzen. Am liebsten würde ich das Buch mit einer Musikplattform vernetzen, wo man immer die entsprechenden Sachen hören könnte. Aber wenn einen das nervt, kann man auch einfach darüber hinweglesen.

Henny Hidden: Nein, es nervt nicht. Ist mir nur aufgefallen. Weiterhin habe ich festgestellt, dass Du ausführlich die Konflikte zwischen jüngeren und älteren Inselbesuchern beschreibst. Besonders deutsche Rentner, die auf die Insel zugezogen sind, werden in ihrer Miefigkeit, Streitlust und Alkoholsucht dargestellt, bis hin zur depressiven Anita, die bei ihrem Elend nur noch Mitleid hervorruft. Ist das einer Realitätsnähe geschuldet oder wurde das aus dramaturgischen Gründen verdichtet?

Numi Teusch: Beides. Ich versuche so ein schwarz-weiß, gut-böse-Schema zu vermeiden, die haben alle Dreck am Stecken, die Jungen sind brutal und die Alten auch, jeder auf seine Art und Weise.Und Anita ist meine heimliche Lieblingsfigur! Dieses Um-sich-selber-kreisen, sich selber Regeln geben, das fast schon philosophische, verzweifelte Nachdenken über die Seele und die verlorene Jugend, das Nicht-mehr-mitkommen, der Dialog mit Paul McCartney… Anita verkörpert auch das Thema Heimat, das sich durch die ganze Erzählung zieht, ein roter Faden – vom Kommissar, der Schwierigkeiten mit seiner zu neuem Nationalstolz erwachenden Heimat hat, über die Guanchen, die irgendwo aufgebrochen sind, um auf den Kanaren zu landen – bis eben hin zu Anita und ihren deutschen Freunden, die aus Deutschland ausgewandert sind und dann versuchen, es sich in der Fremde möglichst deutsch einzurichten und gar kein Spanisch können und am liebsten den ganzen Tag deutsche Musik hören und deutsches Bier trinken und an Weihnachten schreckliche Sehnsucht nach zu Hause haben.
Es freut mich total, wenn ich in Rezensionen lese, dass die Charaktere als authentisch wahrgenommen werden. Ich kenne die Leute in meiner Geschichte, ich bin selber die Leute in meiner Geschichte, ich habe sie mir ausgedacht und sie haben ein Eigenleben entwickelt. Das spanische Polizeisystem zum Beispiel fand ich immer sehr kompliziert und komplex und da habe ich irgendwann aufgegeben und gedacht, jetzt erfinde ich einfach eine neue Polizeieinheit für meinen Kommissar. Es gab Regionalpolizeien in anderen Teilen Spaniens, nicht auf Teneriffa. So habe ich die Policía Canaria erfunden, auch um meinen Kommissar gleich von Anfang an in eine missliche Lage zu bringen. Ich habe nicht schlecht gestaunt, als ich einige Jahre später erfahren habe, dass die Policía Canaria inzwischen tatsächlich eingeführt wurde. Also eigentlich habe ich die erfunden!

Henny Hidden: Der Kriminalfall ist eingebettet in das Leben einer studentischen Forschergruppe der Universität Frankfurt, die im Auftrag einer spanischen Universität Ausgrabungen vornimmt, um den Guanchen, den Ureinwohnern der kanarischen Inseln, in ihren Ursprüngen und ihren Lebensformen auf die Spur zu kommen. Das fand ich sehr interessant erzählt und auch der Bogen zu den heutigen Wallfahrern wurde gut geschlagen.

Numi Teusch: Ja, die Guanchen! Als ich angefangen habe, mich für sie zu interessieren, gab es noch relativ wenig darüber. Und dann hat es mich gereizt, eine eigene Theorie zu ihrer Herkunft aufzustellen, weil mir alles, was ich gelesen habe, nicht plausibel erschien. Ich hatte Angst, dass es vielleicht zu wissenschaftlich rüberkommt, also freut mich, dass es dir nicht so ging!

Henny Hidden: Ich konnte mit dem Begriff „Altertumsforschungsprosa“ nichts anfangen. Vielleicht kannst Du eine kurze Erklärung geben?

Numi Teusch: Ah, gibt es das Wort gar nicht? Das steht im Titel von Evelyns Doktorarbeit. Ich meine damit Texte über Archäologie. Geschichte wird ja nie neutral vermittelt sondern immer aus dem jeweiligen Blickwinkel einer Generation erzählt, der sich wiederum in der Sprache niederschlägt. Besonders aufgefallen ist mir das in C.W. Cerams „Götter, Gräber und Gelehrte“ von 1949, die erste populärwissenschaftliche Abhandlung zum Thema Archäologie, teilweise ziemlich schwülstig und paternalistisch. Und ich habe mir vorgestellt, dass Evelyn sich auch über diese Prosa geärgert hat. Ihre Arbeit mit dem Titel „Der Heimatbegriff in der deutschen Altertumsforschungsprosa“ ist von ihrer Professorin gerade abgelehnt worden, das ist der Grund, warum sie sich überhaupt in dieses ganze Teneriffa-Abenteuer stürzt.

Henny Hidden: Wo ein Kriminalfall ist, wird in der Regel auch ermittelt. Und natürlich gibt es einen kanarischen Kommissar, in den sich die Protagonistin Hals über Kopf verliebt. Hierbei kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass zuviel des Guten getan wurde und der Krimi in eine Liebesgeschichte abrutscht.

Numi Teusch: Oh nein! Wie kann man denn zu viel Liebesgeschichte haben? Also echt!
Ich mag Krimis nicht, wo alles Drumherum nur da ist, um der Spannung und dem Fall zu dienen und keinen Wert an sich hat. Den Kommissar habe ich mir beim Schreiben wie Javier Bardem vorgestellt, weil der tatsächlich von den kanarischen Inseln stammt, also aus Gran Canaria, und ich dachte, so müsste ein Guanche heute aussehen. Und da bin ich vielleicht etwas ins Schwärmen gekommen … Und die Geschichte zwischen den beiden interessiert mich! Die kommen aus zwei unterschiedlichen Kulturen, es gibt auch einen Altersunterschied und trotzdem ist da diese Anziehung …

Henny Hidden: Ich will das Interview mit einer Frage nach deinen schriftstellerischen Zukunftsplänen abschließen. Wirst Du weiterhin Krimis schreiben? Wirst Du bei Deinem Schauplatz bleiben, und werden die beiden Protagonisten Evelyn und Ben wieder dabei sein?

Numi Teusch: Dreimal Ja. So eine interkulturelle Fernbeziehung ist noch für die eine oder andere Überraschung gut … die Geschichte der Guanchen ist noch nicht zu Ende erzählt und Teneriffa, wie gesagt, bietet zahlreiche Möglichkeiten, was das Verbrechen angeht. Ein exotischer Schauplatz, der so überschaubar daherkommt, mit dem deutschen Supermarkt und den Handtüchern auf den Liegen und dann lauert da vielleicht der Abgrund direkt daneben, das Unheimliche im Alltäglichen, das Traurige im Lustigen. Krimi eben.
Vielen Dank fürs Fragen!

Henny Hidden: Die Freude liegt ganz auf meiner Seite. Ich danke Dir ebenfalls.

Interview mit Judith Merchant

Über psychologische Krimis, Gewalt und die Wahl des richtigen Mordinstrumentes:

Henny Hidden: Judith, du hast für deinen Kurzkrimi „Monopoly“ einen Glauser-Preis bekommen und für den Kurzkrimi „Der Himmel über Krefeld“ wurde dir der Krefelder Krimipreis verliehen. Hast du dir schon einmal Gedanken gemacht, warum gerade deine Kurzgeschichten von den Jurys ausgewählt wurden?

Judith Merchant: Keine Ahnung! Ich denke, dass beide Geschichten an bestimmten Stellen eine Grenze übertreten. Bei „Monopoly“ ist es die Erzählstruktur, die ja ziemlich durcheinander geht, eher wie in modernen Filmen. Bei „Der Himmel über Krefeld“ lasse ich das Opfer nach der Hälfte der Geschichte aus dem Himmel weiter erzählen. Diesen Kniff verwendet ja auch die Kollegin Jutta Profijt für ihre Kühlfach-Serie. Es kommt beim Publikum gut an, wenn das Mordopfer zum Ermittler wird –wahrscheinlich, weil es eine neue Perspektive ist.

Henny Hidden: Wenn ich dich richtig verstehe, meinst du, dass die Auswahl aus methodischen bzw. stilistischen Gesichtspunkten erfolgte. Was glaubst du, haben es Krimis, die nach einer besonderen Art und Weise strukturiert wurden, leichter oder schwerer, beim Leserpublikum Gefallen zu finden? Oder meinst du, dass nur Fachkollegen oder Jurys das honorieren?

Judith Merchant: Letztlich wollen ja alle dasselbe: Spannung! Und vielleicht noch eine Figur oder einen Aspekt, der einem neu vorkommt, oder der etwas aus einem etwas veränderten Blickwinkel beleuchtet. Ich neige als Literaturwissenschaftlerin vielleicht dazu, Texte theoretisch, also zum Beispiel nach Wahl der Erzählperspektive etc, zu bewerten. Ein Anderer sagt vielleicht: Ich fands einfach super, rasant, ich war überrascht. Es kommt auf dasselbe heraus: Das eine beschreibt dann das Mittel, das andere den Effekt.

Henny Hidden: Kommen wir mal auf die inhaltliche Seite zu sprechen. In beiden Krims sind Frauen deine Protagonistinnen und beiden ist gemeinsam, dass sie sich an Männern rächen. Zufall oder Absicht?

Judith Merchant: Oh, das ist Zufall. Wobei ich mit Sicherheit eher über Morde aus Rache schreiben werde als über Morde aus Geldgier, denn das interessiert mich überhaupt nicht.

Henny Hidden: Demnach können wir einen Wirtschaftskrimi aus deiner Feder wohl nicht erwarten? Rache als Antwort auf eine physische oder psychische Gewalttat, die ein Mensch erlitten hat, führt ja auf ein psychologisches Feld. Warum findest du gerade auf diesem Gebiet deinen Schreibanlass?

Judith Merchant: Ich schreibe ja das, was ich auch lese. Und als Leserin interessiert mich die psychologische Seite einer Geschichte einfach am meisten. Ich möchte nicht wissen, WAS jemand getan hat und WIE er es getan hat, sondern warum.

Henny Hidden: Krimiautorinnen wird ja manchmal vorgehalten, dass sie sich mit der Reduzierung auf das Psychologische weg von den gesellschaftlichen Problemen bewegen und somit ihren Krimis die soziale Brisanz und Schärfe fehlt. Wie siehst du das?

Judith Merchant: Psychologische Krimis sind, wenn sie gut sind, immer auch gesellschaftliche Krimis. Manche Texte richten den Blick dabei eher auf die Struktur und machen sie sichtbar, andere zeigen die Auswirkung anhand der Figuren. Ich finde wichtig, dass die Story funktioniert, und die Story wiederum braucht Figuren, die ein gewisses Paket an Erfahrungen, Leid, Frust, Wünschen und blinden Flecken mitbringen, Wenn die Geschichte dann auch zeigen kann, wodurch diese Figuren so reagieren, dann ist der Text gesellschaftspolitisch relevant, auch ohne die Strukturen bewusst zu benennen. Leser sind ja nicht dumm. Wenn ich eine Hausfrau zwischen Bettenmachen und Einkaufen durchdrehen oder jemanden zu Weihnachten im Kaufhof zusammenbrechen lasse, muss ich nicht „Vorstadt-Kollaps“ oder „Hartz 4“ darüber schreiben, damit der Leser spürt, dass es um etwas geht, was über die individuelle Figur hinausgeht und im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Phänomenen steht.

Henny Hidden: Gibt es ein Schreiben aus weiblicher Sicht? Was hältst du von dem Begriff Frauenkrimi?

Judith Merchant: Ich halte gar nichts davon! Und mich macht das manchmal richtig sauer, wenn ich darauf angesprochen werde, dass ich ja etwas typisch Weibliches schreibe. Ich finde das sehr unpräzise. Es gibt eine erfolgreiche Schublade „Ehefrauenrache“, also Morde mitten aus dem Alltag, die bei laufender Spülmaschine heiter und ohne moralische Strafe passieren. Das macht Spaß zu lesen und Spaß zu schreiben, und ich mach das manchmal gern. Das ist aber mitnichten typisch weiblich, einfach deswegen, weil es nur einen sehr begrenzten Lebenshorizont beschreibt, eben den genannten. Es gibt Millionen Frauen, mit deren Lebenswirklichkeit das nicht das Geringste zu tun hat, ob sie Single sind, Alleinverdienerinnen oder oder oder… Ich finde einfach die Kategorien „Mann und Frau“ nicht besonders glücklich, um soziale Phänomene zu beschrieben. Wenn ich über eine Wissenschaftlerin schreiben würde, enthielte das vermutlich mehr „typisch Wissenschaft“ als „typisch Frau“. Und eine Vollzeitmutti hat mit einem Vollzeitpapi mehr Gemeinsamkeiten als mit einer Vollzeit-Berufstätigen.

Henny Hidden: Ich will es noch mal genauer wissen. Wenn du gewichten müsstest, wo liegt dein Gewicht, bei den psychologischen Verletzungen oder bei den sozialen Ungerechtigkeiten? Beide können ja Anlass und Ausgangspunkt von Gewalt sein.

Judith Merchant: Ich denke nur psychologisch. Natürlich kommt das Soziale mit rein, aber Figuren, die im Kern nur etwas Soziales abbilden, Modell-Figuren also, finde ich als Leserin unerträglich.

Henny Hidden: Wie lange brauchst du, um einen Kurzkrimi fertig zu stellen? Wie lange bei einem Roman?

Judith Merchant: Kurzgeschichten dauern zwischen zwei Tage und zwei Monate. An meinem Roman habe ich ein Jahr und ein paar Monate geschrieben.

Henny Hidden: Spielt die Wahl der Mordinstrumente beim Schreiben deiner Krimis eine Rolle und wenn ja, warum?

Judith Merchant: Natürlich, das ist eine ganz wichtige Entscheidung! Für „Monopoly“ brauchte ich ein Messer, weil ich einen Mord mit engem Körperkontakt brauchte, und dann dieses Schlitzen, Ausbluten… Das war für mich auch wichtig. Es geht ja um eine Frau, die einen Mann ermordet und sich dann fragt: „Was fand ich an diesem Körper so schön?“. Als dieser Körper nackt und schlaff und blutverschmiert vor ihr liegt, ist sie beruhigt, weil sie ihn jetzt nicht mehr sexy findet.
Schusswaffen sind für mich „Spielverderber-Waffen“, die sind funktional, und der Täter drückt sich vor dem tatsächlichen Töten, er muss nur abdrücken. Bei Körperkontakt ist das sicher viel schwerer auszuhalten. Ich glaube, das ist in Hitchcocks „Der zerrissene Vorhang“, wo man in einer ewig langen Einstellung sieht, wie lang der Todeskampf beim Erwürgen dauert. Das ist nicht zum Aushalten! Da denkt wahrscheinlich jeder Zuschauer: „Das könnte ich nie!“ Im Vergleich dazu ist Erschießen gar nichts, ein Klacks. Andererseits, wenn ich also genau so einen unbeteiligten, funktionalen Täter beschreiben will, dann muss ich eben eine Schusswaffe nehmen.

Henny Hidden: Das ist ja interessant. Du misst dem Akt des Tötens selbst eine psychologische Bedeutung zu, du schon bei der Auswahl des Mordinstruments einkalkulierst. Ich will das nicht überstrapazieren, aber könnte man das dahingehend verallgemeinern, dass Männer eher an der Auslöschung der Person interessiert sind, während Frauen beim Töten die Gefühle z. B. die erduldete Demütigung in ihrer ganzen Breite ausleben wollen? Und Krimiautorinnen dies auch in einer besonderen Art widerspiegeln?

Judith Merchant: Nein, das würde ich so nicht sagen. Es kann natürlich sein, dass mehr Frauen als Männer Demütigungen erleiden, die sie dann durch Morde, Töten vergelten. Dann wäre aber der springende Punkt die Demütigung, nicht die Geschlechterfrage, und ich fände es – siehe oben – unpräzise, dafür die Schubladen Mann – Frau als Unterscheidung zu nehmen.

Henny Hidden: Glaubst du, dass diese psychologischen Krimis deshalb von Frauen so gern gelesen werden, weil sie hier eine Abfuhr ihrer Gefühle erleben, Gefühle, die sie im normalen Leben aushalten müssen? Beleidigungen, Demütigungen und Zurücksetzungen durch Männer?

Judith Merchant: Ich glaube, dass alle Krimileser dieses Gefühl genießen – die Bösen werden bestraft, das Geheimnis gelöst, die Akte zugeklappt. So funktionieren ja die meisten Krimis. Das ist irgendwie beruhigend. Und Aggressionen baut das auch ab, auf jeden Fall!

Henny Hidden: Wie beurteilst du überhaupt die Gewaltdarstellung in Krimis? Die Krimiautorin Christine Lehmann kann es mit ihrer Überzeugung nicht vereinbaren, dass Frauen in Krimis töten. An einer Stelle moniert sie, dass in Krimis Gewalt immer nur mit Gewalt beigekommen wird. Beschränken sich die Antworten der Frauen auf erlittenes Unrecht von denen der Männer lediglich in der Auswahl der Tötungsinstrumente?

Judith Merchant: Tun sie das? Keine Ahnung. Der Krimi ist aber nun mal ein Genre, in dem Gewaltverbrechen zwingend nötig sind. Ich glaube nicht, dass sich Frauen und Männer in der Gewaltbereitschaft grundsätzlich unterscheiden, zumindest nicht von Geburt an. Klar gibt es deutliche Unterschiede in der Gewaltstatistik, aber die schiebe ich darauf, dass Männern und Frauen verschiedene Möglichkeiten gegeben sind, auf Umstände zu reagieren und natürlich auf ihre Erziehung.

Henny Hidden: Siehst du in der zunehmenden Gewaltdarstellung in Krimis ein Abbild der Brutalisierung dieser Welt? Und diese Frage grenzt auch gleich an die Frage über die Glaubwürdigkeit von Krimis. Eingangs haben wir darüber gesprochen, dass die Überhöhung ein probates Mittel sein könnte, um einen guten Krimi zu schreiben. Wie hältst du es mit der Glaubwürdigkeit und der Realitätsnähe?

Judith Merchant: Ich bin mir nicht sicher, ob die tatsächliche Gewalt in dem Maße zunimmt, gerade im Bereich häusliche Gewalt ist es wahrscheinlich eher das Verhältnis von gemeldeten Straftaten zur Dunkelziffer, das sich ändert. Ich glaube aber, dass eine Zunahme der Gewalt im Krimi dem Gefühl der Leser entgegenkommt, das da sagt: Die Welt wird immer härter. Angst, Ohnmacht und hilflose Aggression sind ja Erfahrungen, die zum Erwerbsleben beinahe dazu gehören, dazu noch dieses Gefühl, dass man die Welt nicht mehr versteht und keinen Einfluss auf sie hat. Vielleicht bildet die Gewalt in der Kunst dieses Gefühl ab, aber eben nicht 1:1 in dem Sinne, dass die Gewalt im Film real existierende Gewalt in der Welt zeigt. Denn die Menschen haben ja viel mehr Angst davor, ihren Job oder das Sorgerecht für ihre Kinder zu verlieren als davor, dass in der Tiefgarage der Mörder mit dem Hackebeil lauert. Um diese Angst zu beschreiben, taugt der Mörder mit dem Hackebeil aber gut!

Henny Hidden: Für mein Gefühl läuft das jetzt auf eine Ehrenrettung der Serienmörderfigur hinaus.

Judith Merchant: Das soll es nicht! Ganz ehrlich, ich mag keine Serienmörder. Ich mag Mörder, deren Motive ich nachvollziehen kann, darin besteht für mich der Reiz. Ich finde toll, wenn ich beim Lesen merke: Mit diesem Mörder verbindet mich viel, vielleicht wäre ich in eine ähnliche Situation gekommen. Und dann die erschreckte Frage: Was hätte ICH dann gemacht. Serienmörder handeln aus Motiven heraus, die sie vom Rest der Welt trennen. Das sind die Bösen wie die Bösen in schlechten Western, es fehlt von Anfang an die Möglichkeit, deren Empfinden zu teilen. Ich weiß, dass manche Autorenkollegen sich viel Mühe geben dabei, einem auch Serienmörder nahe zu bringen, aber bei mir klappt das nie, ich schlage Bücher mit Serienmorden immer nach 20 Seiten zu.

Henny Hidden: Ich habe in einer Befragung, die mit dir als Glauserpreisträgerin geführt wurde, gelesen, dass du von einer starken Szene heraus entwickelst. Ist das eine Szene, die am Anfang oder am Ende des Buches steht? Wann erkennst du, dass die Idee tragfähig ist oder du sie verwerfen musst? Überhaupt, welche Ideen setzen sich in deinem Kopf fest, und wann bist du dir sicher, dass daraus eine Geschichte werden könnte?

Judith Merchant: Wenn ich die Szene im Kopf habe, weiß ich noch nicht, an welche Stelle sie kommt. Dann wird rumprobiert und kombiniert, bis ich merke: Das passt.
Manchmal sind es einfach Szenen, in denen ich eine Facette der Figur ganz deutlich zeigen kann. Bei „Monopoly“ war es die Szene an der Kasse im Kaufhof. Ich selber versinke immer im Boden, wenn meine Karte nicht angenommen wird, und je nachdem, welchen Hintergrund die Figur hat, kann man ihre ganzen sozialen Verhältnisse in dieser Szene aufleuchten lassen. Und dann kontrastiert das mit diesem Schlussbild, in dem die Erzählerin über dem nackten, schlaffen Sexgott triumphiert… Das waren so ungefähr die Extreme, die ich in der Geschichte wollte, den Schwung von Demütigung zum Triumph (und natürlich zurück…).

Henny Hidden: Welche AutorInnen haben dich wie in deinem Schreiben beeinflusst?

Judith Merchant: Oh, das ist schwer. Ich lese ziemlich systematisch Neuerscheinungen. Mich interessiert, wie Autoren mit Gegenwartsthemen umgehen. Manchmal fällt mir dabei selbst etwas ein, was ich gern machen möchte. Und manchmal lese ich einen fremden Kapitelanfang und denke: Ha! Das passt doch zu meiner Szene, so ein Blick aus dem Fenster, das könnte ich auch machen… Und dann schreibe ich beim Lesen, und beides geht ineinander über. Das ist dann sehr schön.

Henny Hidden: Willst du etwas über deinen ersten Roman verraten? Titel? Handlung, Schauplatz?

Judith Merchant: Der Arbeitstitel lautet „Nibelungenmord“, weil das Nibelungenlied eine zentrale Rolle spielt. Meine Ermittlerin ist eine Art rheinische Miss Marple, die mit ihrem Enkel zusammenlebt. Der ist Kriminalhauptkommissar und hat ein ziemlich ernstes Problem, weil er eine Störung entwickelt, die er in seinem Beruf wirklich nicht gebrauchen kann. Und dann geht es um eine Frau, deren Leiche gefunden wird, und die niemand zu vermissen scheint, und um eine andere Frau, die spurlos von ihrer eigenen Geburtstagsparty verschwindet. Hintergrund ist der Brunhild-Kriemhild-Konflikt, also der Kampf zweier Rivalinnen. Und mit Drachen und dem „Herrn der Ringe“ hat das Ganze auch etwas zu tun.

Henny Hidden: Da drängt es mich zum Schluss doch noch zu einer Frage. Warum ist dein Kriminalkommissar männlich? Hast du mit den Gedanken einer weiblichen Ermittlerin gespielt oder stand es für dich von Anfang an fest?

Judith Merchant: Mir ist nicht prinzipiell wichtig, ob eine Figur männlich oder weiblich ist, das entscheidet die Geschichte. Ich wollte aber unbedingt eine Miss-Marple-Figur, und die musste logischerweise weiblich sein. Wenn ich diese Oma jetzt mit ihrer Enkelin hätte zusammenleben lassen, dann hätte sich diese WG irgendwie karitativ und weltfremd angefühlt. Wenn meine reizende alte Dame aber mit ihrem Enkel zusammenlebt, ergibt sich eine ganz spannende Situation, die schon eine gewisse Grundironie mitbringt. Das wollte ich.

Henny Hidden: Danke für das Interview. Ich bin sehr gespannt auf deinen neuen Krimi.

Interview mit Christine Lehmann

Über „Nachtkrater“, Frauenkrimis und Regionalkrimis:

Nachdem ich den Krimi „Nachtkrater“ fertig gelesen hatte, wollte ich der Autorin eine Menge Fragen stellen. Christine Lehmann war so nett, sie mir zu beantworten.

Henny Hidden: Den Schauplatz Deines Krimis „Nachtkrater“ hast Du auf den Mond gelegt. Was Dir wie ein inspirierender Einfall passierte, wie Du vielfach beschrieben hast, könnte bei der konkreten Umsetzung auch seine Tücken zeigen. Wenn man als Leser jedoch feststellt, wie anschaulich Dir das Beschreiben technischer Zusammenhänge und Abläufe gelungen ist, war dem wohl nicht so. Gab es bei Schreiben einen Punkt, an dem Du gezweifelt hast, ob Deine Kenntnisse oder Fähigkeiten ausreichen, glaubhaft diese Zusammenhänge rüberbringen zu können?

Christine Lehmann: Ständig. Wobei es nicht an den Kenntnissen lag, die man sich ja erwerben kann, sondern daran, dass ich gezweifelt habe, ob ich die Geschichte rund kriege.

Henny Hidden: Welche Zensur hattest Du in Physik?

Christine Lehmann: Ich hatte Physik als Leistungskurs, neben Kunst, war aber nicht besonders gut, weil ich schlecht rechnen kann (Taschenrechner war noch verboten) und mir die Formeln nicht gemerkt habe. Bei allem, was damals ohne Formeln auskam, war ich gut, Beispielsweise bei den sehr theoretischen Überlegungen zur Atomphysik. Aber das liegt dreißig Jahre zurück. Meine Abiturnote war damals, glaube ich 5 Punkte, also eine 4.

Henny Hidden: Ich nehme an, dass Du Dich bei Experten der Raumfahrt sachkundig machtest. Welche Gedanken bewegten Dich, von den fachlichen abgesehen, als Du Dich mit ihnen unterhieltst?

Christine Lehmann: Faszinierend war vor allem die Offenheit der Ingenieure für Literatur und Fragen der literarischen Umsetzung. Ich brauchte von meinen Informanten ja nicht technische Exaktheit, sondern vor allem das Vokabular. Und ich musste wissen, ob das, was ich mir ausgedacht habe, auch so geht. Sie mussten es sich also anhören und dann ja oder nein sagen. Das fällt Fachleuten immer dann schwer, wenn ihnen dazu noch ein Aber einfällt. Die Raumfahrtingenieure, mit denen ich gesprochen habe, waren neugierig auf das, was ich produzieren würde, und interessiert daran, dass es anschaulich wird. Viele Raumfahrtingenieure heute und früher haben Jules Verne gelesen, und ihr Tun grenzt an Science-Fiction, weshalb sie der Fiktion eine durchaus zukunftsweisende gestaltende Kraft zutrauen.

Henny Hidden: Ich habe kürzlich im Fernsehen gesehen, dass in Bremen ein Modell einer internationalen Raumstation nachgebaut wurde. Hast Du es einmal besucht?

Christine Lehmann: Ich habe alle Raumfahrtausstellungen besucht, die zu der Zeit, als ich recherchierte (2006/2007) zu sehen waren. Viele waren es nicht. Außerdem habe ich mir alles an Dokumentationen und Filmen (und Büchern) angeschaut, was ich kriegen konnte. Es ging immer darum, dass ich mir vorstellen konnte, wie sich die Räume anfühlen, in denen sich meine Figuren bewegen. Vor allem, wie eng alles ist.

Henny Hidden: So eine Mondbasis existiert ja als eine abgeschlossene Einheit. War die Wahl des Ortes deshalb für dich so reizvoll, weil eine Mondbasis einen abgezirkelten Raum bildet oder hattest Du es einfach satt, die sich immer ähnelnden Regionalschauplätze zu beschreiben?

Christine Lehmann: Nein, der Plot war nicht der Anlass meines Schreibens, sondern der Raum, also die Idee, auf dem Mond zu sein. Die Orte, die ich wähle, bestimmen in der Regel meine Geschichte, weshalb es auch so wichtig ist, dass ich einen Ort finde, der eine Geschichte hervorbringt, die nur dort spielen kann. Natürlich habe ich schnell gemerkt, dass die Insel-Situation reizvoll ist. Sie ist ein Anknüpfungspunkt an klassische Krimis. Es stimmt auch, dass ich mit der Reise zum Mond den typischen Situationen des Regionalkrimis mal entfliehen wollte. Es hat mich einfach gereizt, mich mit meiner Vorstellungskraft an einen Ort zu begeben, den ich noch nicht kenne und ihn schreibend kennenzulernen. Ich hoffte, dass meine Leser/innen das auch reizvoll finden.

Henny Hidden: Deine Hauptprotagonistin ist Lisa Nerz. Mit all ihren Ecken und Kanten ist sie eine Figur, die meines Erachtens auf Widerspruch bei Männern, aber vor allem bei Frauen, stoßen muss. Kannst Du mir diesen Eindruck bestätigen, wenn Du an Deine Lesungen denkst? Gibt es typische Einwände?

Christine Lehmann: Nein, gar nicht. Wenn Männer und Frauen sich dieser Figur reiben, dann sagen sie es mir zumindest nicht. Es hat sich bisher immer als schwierig erwiesen, etwa nach Lesungen, das Gespräch darauf zu bringen. Mich würde nämlich brennend interessieren, was meine Leser/innen an Lisa Nerz so toll finden. Aber das lässt sich offenbar nur schwer ausdrücken. Lesen ist ja auch eine ganz private Sache, und die Beziehung, die meiner Leserinnen und Leser (es sind genauso viele Männer wie Frauen) zu Lisa Nerz haben, bleibt privat. Die meisten wollen gern wissen, ob ich selbst mich in Lisa Nerz verwirkliche. (Nebenbei auch, ob ich lesbisch bin.) Natürlich hat Lisa Nerz Anteile von mir, aber sie ist nicht der Mensch, der ich gerne wäre oder gar bin. Als Detektivin muss sie frecher und agiler sein, sich in Todesgefahr begeben und hohe Risiken eingehen, ein Verhalten, das meiner bürgerlichen Seele fremd ist. Ich finde es ganz lustig, wenn Lisa sich wieder mal zusammenschlagen lässt, aber ich möchte ihre Schmerzen nicht selbst haben. Als ich Lisa Nerz vor ungefähr 15 Jahren entwickelt habe, ahnte ich nicht, welches Potential in ihr steckt. Sie verweigert sich der Frauenrolle genauso wie der Männerrolle und spielt beide, wenn es sein muss. Mir persönlich ist der gemütliche Rückzug in die neue Weiblichkeit (Frauen können nicht einparken) und Männlichkeit (Männer können nicht zuhören) zutiefst suspekt. Dass Frauen nur dann gesellschaftliche Anerkennung bekommen, wenn sie sehr weiblich sind (am besten noch Kinder haben), gefällt mir nicht, genauso, wie ich den Rückzug der Männer in ihr männlich-kriegerisches Gebaren nicht nützlich für die gesellschaftliche Entwicklung finde. Lisa Nerz demonstriert auf ihre Wiese ständig, dass Geschlechterrollen öde sind und dass Lebendigkeit und Kreativität im Bruch mit Erwartungen geschieht.

Henny Hidden: Kannst Du für Dich letztendlich den Grund benennen, warum Du dieser Figur ausgesprochene männliche Dominanten mitgegeben hast? Liegt es eher daran, dass sich damit mehr, oder besser, andere Möglichkeiten bieten, die Handlung im Krimi in eine bestimmte Richtung zu drängen oder würdest Du persönlich motivierten Argumenten den Vorzug einräumen? Etwa in dem Sinne, dass man als Autorin beim Schreiben etwas ausleben kann, was im wirklichen Leben nicht akzeptiert wird, weil es als unfraulich gilt und Befremden hervorruft.

Christine Lehmann: Und jetzt kommt die Frage, die ich oben versucht habe zu beantworten. Lisa Nerz hat keine ausgesprochen männlichen Dominanten, sie ist tatsächlich weder Mann noch Frau im Sinne einer Gender-Identität. Deshalb reitet sie (reite ich) immer wieder auf dem Motiv ihrer Identitätslosigkeit herum. Lisa Nerz ist ein Experiment, (und weil sie mein Experiment ist, siehst sie sich selbst auch so) wie man wohl durch kommt (und ich glaube besser), wenn man sich nicht an weibliche oder männliche Rollenerwartungen hält. Allerdings kommt man damit natürlich gar nicht weiter, wenn man in Betrieben oder Behörden Karriere machen will. Weshalb Lisa Nerz keine Karriere hat, sondern Vermögen.

Henny Hidden: Du sagst in Deinem Artikel „Doch die Idylle trügt“*: „…weil Lisa Nerz kämpfen können musste, ohne zu töten.“. Weiter lese ich, dass Du es mit Deinen Überzeugungen nicht vereinbaren kannst, dass diejenigen, die in diesem Krimi töten, Frauen sind. Und an anderer Stelle monierst Du, dass in den Krimis Gewalt immer nur mit Gewalt beigekommen wird, staatliche eingeschlossen. Ein edles Vorhaben in einer gewaltgeprägten Welt und ich beziehe mich jetzt nicht nur auf die körperliche Gewalt. Ist Lisa Nerz eine Aufschneiderin?

Christine Lehmann: Ich merke an dem Krimi, den ich gerade schreibe „Mit Teufelsg’walt“ (Ariadne, September 2009), dass meine Figuren, auch Lisa Nerz, mit der Gewalt, die ihnen begegnet, nicht mehr fertig werden. Ihnen bleiben die Worte weg, sie sind nicht mehr fähig, zu einer Bewertung zu kommen, die da lauten könnte: Diese Personen sind gut, die anderen schlecht, und wir schaffen es, das Böse zu bekämpfen und der Gerechtigkeit wenigstens für den Augenblick eines geglückten Plots zum Triumph zu verhelfen. Es geht in diesem Krimi um das Jugendamt, um Inobhutnahmen von Kindern und um Familien am Rand der bürgerlichen Gesellschaft. Und da gibt es keine befreienden Lösungen mehr. Vor allem Richard Weber hat die Funktion, die ganz simple moralische Orientierung zu schaffen, dass das Töten oder auch nur Gewalt kein geeignetes Mittel zur Konfliktlösung ist. Eine Überzeugung, die ich mit ihm teile. Lisa Nerz dagegen hat – als fiktive Figur – schon getötet und damit ihr eigenes Leben gerettet. Sie reagiert, folglich reagiert sie bei Gewalt auch gewalttätig. Ich als Autorin denke, dass ich im Krimi, der von Gewalt handelt, die Möglichkeit habe, die verheerende Wirkung von Gewalt zu beschreiben. Lisa Nerz hilft mir mit ihrem optimistischen Haudegen-Wesen zu Befreiungsschlägen, die aber natürlich nur scheinbar sind.

Henny Hidden: Mich hat es gestört, wie Du sie mit der Pistole rumfuchteln lässt. Ich dachte, vollkommen irrational, wie die sich verhält. Was will sie damit als Außenstehende und dann noch auf einer Raumstation erreichen? Als Leser sieht man das ja etwas rationaler. Und eine Protagonistin, die einen Fall aufklären will, unberechenbar zu erleben, irritiert ja auch mächtig.

Christine Lehmann: Stimmt, Lisa verhält sich oft irrational. So wie wir alle, übrigens. In unserer Kommunikation ist der Anteil von irrationalem Verhalten ist ja viel größer als der von rationalem Verhalten. In einem Krimi muss die Protagonistin auch mal mit einer Waffe fuchteln oder in Lebensgefahr geraten. Wenn Lisa Nerz das tut, wenn sie also martialisch auftritt, dann geht es ihr (und mir) meistens darum, eine Situation, die nach festgelegten Regeln abläuft, so zu stören, dass die bekannten Verhaltensmuster nicht mehr funktionieren. Sie chaotisiert, um die Leute aus der Reserve zu locken und dazu zu zwingen, dass sie ihre wahren Gesichter zeigen, nicht die aufgesetzten Masken bestens trainierter situationsadäquater Verhaltensmuster. Wenn Lisa mit einer Waffe fuchtelt, weiß sie hinterher, wer mutig ist, wer Angst hat. Wenn sie jemanden ohrfeigt, weiß sie, wer zurückschlägt, und wer nicht. Und so weiter. Deshalb benimmt sich Lisa Nerz oft so gänzlich daneben, eben scheinbar völlig irrational.

Henny Hidden: Auch wenn ich wie Du Gewalt ablehne, denke ich, dass es durchaus legitim ist, weibliche Protagonisten auf Unterdrückungsverhältnisse mit Gewalt antworten zu lassen. Es muss ja keine Rambo sein. Eine Fiktion muss auch nicht mit den Erfahrungen der Wirklichkeit übereinstimmen, wenn man etwas exemplarisch und zugespitzt deutlich werden lassen will. Und wenn Frauen, die allgemein gesprochen Kinder gebären und Leben erhalten, gezwungen werden oder durch Umstände dahin gelangen, Leben zu vernichten, erfährt die vorgeführte Gewaltanwendung eine besondere Eindringlichkeit. Ich glaube, es hängt in erster Linie von dem Gesamtanliegen ab, inwieweit ein Autor seine Figur unter geschlechtsspezifischem Aspekt zum Mörder macht.

Christine Lehmann: Wann Gewalt legitim ist, und wann nicht, ist eine Streitfrage, die keine Antwort hat. Wir neigen dazu, Gewalt gegen das Böse für legitim zu halten (Hitler hätte man töten müssen!). Aber wer entscheidet, wer böse ist? Folglich wird jede Gesellschaft das mit Gewalt vertreiben, was sie für sich und ihre Gemütlichkeit als schädlich betrachtet. Da gilt aber auch schon für Neonazis, die einen Ausländer töten, weil er sie stört. Es gibt sicherlich kein Argument für Gewalt, das einer rationalen Prüfung standhalten würde. Gewalt ist so ungeheuerlich schädlich, so vernichtend, so Unglück schaffend, so Gewalt produzierend, dass ich mich schon lange wundere, warum unsere Gesellschaften so hartnäckig an diesem, am aggressiven Prinzip der Konfliktlösung festhalten (auch und vor allem an Verbalaggressivität). Alle Herrschaftsstrukturen (auch Firmenhierarchien) sind mit Gewalt durchtränkt, und wirklich gut funktionieren tun sie ja nicht. Sie behindern Kreativität und Produktivität. Alle Kriege sind verheerend und kommen nie zu einem Ende. Eine Frau, die ihre Neugeborenen tötet, gibt Gewalt weiter, eine Frau, die ihren Vergewaltiger tötet, antwortet mit Gewalt. Das Ergebnis ist immer Krieg. (Der Geschlechter, der Völker, der Gruppen.) Wollen wir das? Ja, ganz offensichtlich.

Henny Hidden: Kommen wir mal zu den Männern. Ein Satz in Deinem Krimi lautet: „bei Männer geht es um „…weiter pinkeln, öfter vögeln, Geld haben und Gott sein.“ Was mich veranlasste, mal über Männer und Frauen generell nachzudenken. Ich habe überlegt, welche Seiten ich am jeweiligen Geschlecht am meisten schätze. Bei Frauen brauchte ich nicht lange überlegen. Wenn ich mit Frauen zusammentreffe, finde ich meistens schnell eine Ebene, weil wir einen gemeinsamen Erfahrungshorizont haben, was die Beurteilung des männlichen Geschlechtes angeht. In dieser Hinsicht habe ich mich in Lisa Nerz wieder gefunden. Zu meiner Überraschung fiel es mir schwer, etwas Gemeinsames, was ich an Männer schätze, zu finden. Vielleicht noch die direkte Art, Dinge anzugehen oder beim Namen zu nennen. Hattest Du Schwierigkeiten, dem Kommandanten, der ja in der Rangordnung der männlichen Artemisinsassen den obersten Platz einnimmt, positive Züge mitzugeben oder spielte das keine Rolle in Deinen Überlegungen? Er kam mir nur negativ gezeichnet vor.

Christine Lehmann: Was Lisa Nerz über Männer und Frauen sagt, hat nichts mit dem zu tun, was ich über Männer und Frauen denke. Lisa Nerz provoziert nur. Aber klar habe ich Erfahrungen mit typisch männlichem und typisch weiblichem Verhalten in meiner Umgebung. Und auch ich unterliege der Versuchung, bestimmte Verhaltensweisen dem Geschlechtstyp zuzuordnen. Aber ansonsten bin ich genauso gern mit Männern wie mit Frauen zusammen und finde auch mal mit einem Mann mal mit einer Frau schnell eine gemeinsame Ebene. Und natürlich musste der Kommandant der Artemis negativ gezeichnet werden, und das war überhaupt nicht schwierig. Es ist sehr viel leichter, Figuren mit negativen Aspekten auszustatten, als sie gut und edel daherkommen zu lassen.

Henny Hidden: Immer wieder wird die Frage diskutiert, ob Frauen anders als Männer schreiben. Und immer wieder spalten sich die Diskutanten in Befürworter und Ablehner. Ich denke, bei einzelnen anerkannten Krimiautorinnen kann man das so ohne weiteres nicht erkennen. Z. B. würde ich das bei Fred Vargas so sehen. Dennoch bin ich überzeugt, dass Autorinnen, die mit einem sozialkritischen Impetus herangehen, deren Schreiben unter einem Blickwinkel von unten nach oben erfolgt, sich in der Konzeption und in der Schreibweise von ihren männlichen Kollegen unterscheiden können. Weil zu diesem Blick das Aufdecken der männlichen Herrschaftsstrukturen dazugehört. Würdest Du mir da zustimmen?

Christine Lehmann: Darüber könnte ich eine Doktorarbeit schreiben. Und wenn ich hier antworte, dann leider ohne die nötigen Belege. Mir sagt man nach, dass ich männlich schreibe, weshalb meine Krimis irritieren. Sie sind nicht so leicht einzuordnen. Sie bedienen viele Klischees nicht. In allen Krimis habe ich das Herrschaftssystem im Blick, das ich männlich-terroristisch nenne und, so gut es geht, als sinnlos und gewalttätig zu entlarven versuche, samt den Frauen als Helferinnen. Ließe man eine Frau und einen Mann dieselbe erotische Szene beschreiben, würde man schnell merken, dass Männer sich und Frauen anders sehen als Frauen sich und Männer und hätte den Beleg dafür, dass Männer und Frauen anders schreiben. Ich finde es wichtig, dass Frauen sich schreibend aus der Opferrolle herausbewegen. Und ich finde es ungeheuer langweilig, dass Männer sich und ihre Krimi-Protagonisten fast immer in einer melancholischen Einzelgängerrolle darstellen. Aber auch da wirken schon unterschiedliche ästhetische Prinzipien, die zu unterschiedlichen Texten führen. Das Kuriose ist, dass Frauen schreiben können wie Männer, aber Männer nicht wie Frauen. Frauen haben gelernt, sich in die Männerwelt einzudenken und einzufühlen (als Unterlegene müssen sie die Mächtigen verstehen, sonst überleben sie nicht), Männer aber brauchten das nie. Sie leiden bestenfalls daran, dass sie die Frau, die sie haben wollen, nicht bekommen und schreiben darüber anklagende Romane, aber sie haben nicht gelernt zu verstehen und schreibend nachzuvollziehen, nach welchen Kriterien Frauen sich verhalten. Dazu muss man nämlich wissen und erfahren haben, was es heißt, stets potentielles Opfer männlicher Gewalt zu sein, wo immer man ist und was auch immer man tut. Und diese Erfahrung fehlt Männern. Sie haben vielleicht auch Angst, nach dem Fußballspiel zusammengeschlagen oder von Männern ausgeraubt zu werden, aber sie sind eben auch die potentiellen Täter und Vergewaltiger, die Frauen von klein auf fürchten gelernt haben.

Henny Hidden: Du erwähnst in Deinem Artikel die spanische Autorin Alicia Giménez Bartlett, die in ihrem Krimi jeden Dialog ihrer Protagonistin mit Kollegen auf Macho-Machtgehabe untersucht. Ein spannender Ansatz. So könnte der Begriff „Frauenkrimi“ ins Positive gewendet werden. Bis jetzt wird ja das Etikett „Frauenkrimis“ abwertend auf jene Krimis gepappt, die weltbeschränkt in Frauen zugeordneten Bereichen angesiedelt sind und in denen Frauen untereinander mit psychologischer Raffinesse agieren. Das Pendant zu „männlichen“ Krimis zu finden, fällt da nicht schwer. Aber eigentlich geht es ja nicht um „Frauenkrimi“ oder nicht. Es geht um bestimmte Qualitätsmaßstäbe, die für einen gelungenen Krimi stehen. Und da wären wir beim Regionalkrimi.

Christine Lehmann: Unsere gesamte Kultur wird von Männern beherrscht, sie bestimmen, was gut und was schlecht ist. Literaturpreise werden nur selten an Frauen vergeben (und wenn, dann nur an solche, die sich schreibend stark weiblich präsentieren, meist subtil in Opferhaltungen). Es gibt Krimis (also eigentlich Männerkrimis) und Frauenkrimis, was besagt, dass Krimis von Frauen eben eine Randerscheinung sind und am Rand des kulturellen Diskurses gehalten werden sollen. Frauen sind der Sonderfall der Kultur. Immer noch. Keine Frage, dass das borniert ist. Es gibt unendlich viele schlechte Krimis von Männern. Da darf es auch schlechte von Frauen geben. Sie sind nur auf andere Weise schlecht als die von Männern. Die Kriterien für gut und schlecht aufzuzählen, dazu ist hier nicht der Platz. Als Literaturwissenschaftlerin weiß ich allerdings, dass es eine Reihe von Kriterien gibt, mit denen man Texte objektiv beurteilen kann. Der Regionalkrimi ist nun allerdings keine Gattung, sondern eher ein Begriff der Verkaufsstrategie.

Henny Hidden: Nicht nur Buchhändler haben erkannt, dass Autoren den Lokalkrimierfolg kalt kalkulieren. Verlage sowieso und Autoren bleibt oft keine andere Wahl, um auf den Markt zu kommen. Deine Erfahrungen sind ja in dieser Hinsicht sehr aufschlussreich. Ich habe mal die für mich wichtigen Punkte, mit denen Du einen Regionalkrimi charakterisierst, zusammengefasst.
Der Regionalkrimi setzt auf Gelächter, um die Geschichte aufzuwerten. Der Regionalkrimi setzt auf Vertrautheit. Der Regionalkrimi, der Lokalkolorit mit Laienkriminalistik und Lynchjustiz mischt, ist wirklichkeitsfremd. Auch wenn der Regionalkrimi vorgibt gesellschaftskritisch zu sein, ist er es nicht. Er befindet sich auf dem journalistischen Niveau des „Spiegels“. Der Regionalkrimi beruhigt die Leser, indem er Gewalt isoliert und Personen zuordnet. Er bestätigt den Glauben, dass Gewalt nur mit Gewalt beizukommen ist. *
Daraus folgerst Du, dass der Regionalkrimi nicht die Denkmuster infrage stellt, die zu Gewalttaten, wie gekränkte Ehre, Eifersucht, Machtsicherung führen. Ich würde jetzt gern von Dir erfahren wollen, wie Du Dir einen guten Regionalkrimi vorstellst?

Christine Lehmann: Es gibt affirmative Literatur und solche, die gesellschaftliche Verhältnisse, insbesondere die Strukturen, die uns meist verborgen bleiben, weil wir uns in ihnen eigerichtet haben und sie beherrschen, hinterfragen und bloßstellen. Wahrscheinlich verkauft sich grundsätzlich leichter, was die allgemeine Gemütlichkeit nicht infrage stellt, Klischees bedient, Bekanntes abklappert (eben auch bekannte Orte) und sprachlich nicht zu anspruchsvoll ist. Mich langweilen Krimis, die mir die immer gleiche Geschichte (Mord, Mauschelei in Firma, Geldwäsche und mordende Ehefrau) erzählt, und das auch noch kriminalistisch naiv und veraltet. Aber viele langweilt das nicht. Und wenn ein Kollege damit gutes Geld verdient, dann soll er das tun.

Henny Hidden: In gewisser Weise hast Du es ja schon allgemein postuliert, indem Du Eva Maria Heims Krimi „Das Rattenprinzip“ beispielgebend dafür anführst, wie eine Krimihandlung mit einer Region verschmolzen wird, dass sich die Geschichte so nirgendwo anders abspielen kann. Da stimme ich Dir schon voll zu, ich interpretiere das auch so, dass die Besonderheiten einer Region mit einem allgemeinen Wertekanon verbunden werden müssen. Damit reduzieren sich aber auch die Möglichkeiten der Gestaltung. Oder sehe ich das zu eng?

Christine Lehmann: Wenn man sich einen Ort sucht, der keine unverwechselbare Geschichte in sich birgt, dann hat man als Autorin oder Autor Pech gehabt. Dann muss man sich einen anderen suchen, oder man erzählt eine Geschichte, die einfach nur irgendeinen Ort braucht, aber nicht diesen. Auch ich verfahre durchaus so, dass ich mir nicht zuerst einen Ort aussuche, zuweilen steht auch die Geschichte, die ich erzählen will, am Anfang.

Henny Hidden: Christine, was kommt nach dem Besuch auf dem Mond? Muss Lisa Nerz jetzt wieder zwischen Fachwerkhäusern recherchieren?

Christine Lehmann: Wie schon angedeutet: Lisa Nerz recherchiert im Jugendamt. Es geht um Kinder und darum, wie wir mit ihnen umgehen. Es geht um Erziehungsgewalt und Unfähigkeit, um falsche Entscheidungen und die zu große Macht des Jugendamts und bei gleichzeitiger völliger Ohnmacht. Bei der Recherche hat sich das Thema als viel brisanter herausgestellt, als ich eigentlich dachte. Es ist ein Krimi, der die Leser/innen, die sich darauf einlassen, nicht unberührt lässt. Gewiss nicht.

Henny Hidden: Vielen Dank für das Interview.

* Christine Lehmann, „Doch die Idylle trügt. Über Regionalkrimis“, in Das Argument 278, 50 Jg., 2008