Krimikritik: Jeong Yu-Jeong – Der gute Sohn

Der Versuch eines Verstehens

Eine Erlösung gibt es nicht. Weder für den Sohn, noch für die Mutter, und auch nicht für die LeserIn. Die Autorin Jeong Yu-Jeong nimmt in ihrem Krimi die LeserIn in Haftung, indem sie aus einer Ich-Perspektive erzählt. Damit eröffnet sie uns die Möglichkeit, nicht nur den Gedankengängen des Sohnes zu folgen, sondern auch die eigenen gefühlsbasierten Schmerzgrenzen und kulturellen Hemmschwellen auszuloten.
Fangen wir mit der Hauptfigur an. Yu-jin lebt mit seiner Mutter und seinem Adoptivbruder in einer oberen Etage eines Hochhauses. Allerdings ist die Vergangenheitsform angebrachter. Er lebte dort mit der Mutter. Schon auf den ersten Seiten des Buches erleben wir, wie er sie eines Morgens tot in der Wohnung auffindet. Es wird noch furchtbarer, als dem Sohn gewahr wird, dass nur er der Mörder sein kann. Da sind wir dann drin, im Kopf des Mörders, und beginnen, darüber nachzudenken, ob es ein Motiv geben kann, das ihn entlastet?
Und so werden wir auch geführt. Es scheint sich um eine Mutter-Sohn Beziehung zu handeln, in der, mit den Augen des Sohnes betrachtet, allein die Mutter die Schuld an seiner Übersprunghandlung trägt.

Die Sicht des Sohnes: Die Mutter mochte ihn nicht, sie bevorzugte den Adoptivsohn, sie zwang ihm Regeln und Medikamente auf, ohne die es ihm besser gehen würde. Er konnte die Krankheit, die ihn als Epileptiker abstempelt, nicht akzeptieren, setzte die Medikamente ab, um in Hochform zu kommen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Was ihm manchmal gelingt, manchmal nicht. Beim Schwimmen bekam er im Wasser einen epileptischen Anfall. Die Mutter meldete ihn, das hoffnungsvolle Schwimmtalent, vom Schwimmunterricht ab, um ihn nicht zu verlieren, wie sie meinte. Fortan wurde sein Leben von der Mutter überwacht, und er wurde bei Regelverstoßen bestraft. Sein Befinden pendelte zwischen Medikamenteneinnahme und Medikamentenabsetzung.

Aus der Sicht der Mutter ergeben sich aber ganz andere Sichtweisen: Und es gab Auffälligkeiten und ungewöhnliche Ereignisse, die sie zum Handeln zwangen.

    • Auffälligkeiten gab es schon in der Schule, als Yu-jin Bilder seiner Mitschülerinnen malte. Er hatte sie als aufgespießte Mädchenköpfe porträtiert. Hinterher weidet er sich an ihren Ängsten.
    1. Außergewöhnliches Ereignis: Die Familie verlebte einen Urlaub am Meer. Die Mutter beobachtet, wie er seinen Bruder Yu-min vom Glockenturm hinunterschubst, worauf dieser verstirbt. Die Mutter deutet es als Absicht, er wird es als Unfall darstellen.

Die Mutter stellt ihn der Tante vor, die ihn als Psychotherapeutin begutachten läßt. Die Tante hält Yu-jin für überdurchschnittlich intelligent, diagnostiziert bei ihm aber einen höheren Schwellenwert der Erregung als bei anderen Menschen. Daraus zieht sie den Schluss, dass er einen speziellen Anstoß benötigt, um etwas Großes erleben zu können. Eine Tabletteneinnahme hält sie für unumgänglich, ja, sie rät sogar, ihn zu isolieren. Die Mutter wehrt sich gegen die harten Maßnahmen, sie will ihren Sohn dagegen rund um die Uhr beschützen. Wenn sie ein Fehlverhalten erkannte, sagte sie: „Einer wie du sollte nicht auf der Welt sein.“

    2. Außergewöhnliches Ereignis: Yu-jin findet in seinen Sachen einen Perlenohrstecker, der einer jungen Frau gehörte, der er auf der Strandpromenade gefolgt war, um ihre Ängste zu erleben. Die Frau wird später tot aufgefunden.
    3. Außergewöhnliches Ereignis: Am Morgen des darauffolgenden Tages findet Yu-jin seine Mutter tot im Untergeschoss der Wohnung.

Die Sicht der Mutter, die der Sohn aus ihrem Tagebuch erfährt, besteht in ihrem Schwerpunkt auf seine Verfasstheit bedingt durch die genetischen Anlagen, wogegen der Sohn bis zum Schluss der Geschichte glaubt, dass die Mutter und die Tante sein Leben zerstört haben. Hätte die Mutter den damaligen Brudermord als Unfall interpretiert, wäre ihm viel erspart worden, denkt er. Und so beschreibt sein Leben nach dem neunjährigen Lebensjahr als einen Zustand der Wut, der Verzweiflung und des Selbstmitleides.

Es gab aber auch Tage, in denen er seinen fehlerhaften Code erkennt. Erkennt, dass er den Frauen nachsetzt, weil er ihre Ängstlichkeit genießt und ihn dies in eine lustvolle Erregung versetzt. Er setzt oft die Medikamenteneinnahme ab, um sich in diesen speziellen Zustand zu bringen. Nach der Tat fühlt er sich allmächtig. Ein Gefühl, das bei der Beurteilung von Serienmördern oft eine Rolle spielt. In der Auseinandersetzung mit dem Bösen wird immer wieder die erfahrene Allmächtigkeit beim Morden als gleichwertige Gegenüberstellung zu einer Gottheit betont.

Ein weiteres Merkmal, das einen Serienmörder auszeichnet, ist das Fehlen von Furcht und des Mitgefühls, das die Tante schon bei ihm feststellte. Aber die LeserIn erfährt, dass Yu-jin durchaus Gefühle zeigen kann, dass er seinen Adoptivbruder liebt, ihn gern beschenkt und auf keinen Fall enttäuschen will. Ein Pluspunkt für ihn und die LeserIn kann für einen Moment aufatmen.

Immer wieder wird in der Literatur die Frage aufgeworfen, ob die Entfaltung des Bösen erst dann eindeutig bestimmbar wird, wenn es einer freien Willensentscheidung unterliegt. Auch die Autorin nimmt sich ihrer an, indem sie die Medikamenteneinnahme und ihre Wirkung thematisiert. Dennoch im Kern überwiegt das Zusammenspiel von genetischen Voraussetzungen und erzieherischen Methoden, das das Böse in einem Menschen freisetzt.

Eine psychologische Studie, die durch den Aufbau der Geschichte zum Nachdenken anregt. Und zeichnet es nicht einen guten Thriller aus, wenn der Schein und das Sein nicht eindeutig bestimmt werden können? Wenn wir glauben, zu wissen und es nicht wahrhaben wollen. Wenn wir etwas über die inneren und äußeren Konstanten einer Persönlichkeit erfahren und dennoch verwirrt wechseln zwischen Wahrheit und Glauben, Wirklichkeit und Einbildung, Willensentscheidung und Wehrlosigkeit.
Ein faszinierender Krimi. Bitte mehr davon.

Henny Hidden

Ein Interview mit der Autorin finden Sie hier.

Krimikritiken: Lucie Flebbe – Jenseits von Wut

Lucie Flebbe: Jenseits von Wut

Eine Weile habe ich überlegt, warum die Autorin gerade diesen Titel gewählt hat. Wollte sie zeigen, dass es jenseits von Wut noch ganz andere Motive gibt, einen Menschen zu töten oder wollte sie die Aufmerksamkeit auf ihre wütende Protagonistin lenken? Denn diese verließ ihren Mann und musste einen Neustart in ihrem Leben wagen.
„Ohne mich bist du überhaupt nicht lebensfähig“, rief ihr der Mann hinterher und Edith Beelitz, genannt Eddie, musste sich eingestehen, dass er mit seiner Einschätzung nicht unrecht hatte.
Als ausgebildete Polizistin hatte sie einst ihre Arbeit aufgegeben, weil sie mit dem Job nicht klarkam und hatte geheiratet, um ihm zu entkommen. Jetzt stand sie mit ihrer Tochter auf der Straße, ohne Geld und Lebensperspektive. Doch schneller als gedacht, findet sie in den Polizeidienst zurück, auf Teilzeit und auf eine Kriminaldienststelle. Für den Fortgang ihres Lebensweges ein Glücksgriff.
Glücklich war Eddie an ihrem früheren Einsatzort nie gewesen, sogar von Mobbing ist die Rede. Da ist man auf die Fallstricke gespannt, die die KollegInnen in ihrem Arbeitsumfeld auslegen werden. Aber allen Ängsten zum Trotz findet sich Eddie gut in ihr neues Umfeld und Arbeitsgebiet zurecht.
Geschickt verbindet die Autorin dabei drei Besonderheiten, die Eddies Auftritt zu einer Erfolgsgeschichte werden lassen.
Erstens handelt es sich bei ihrem Vorgesetzten Adrian um einen früheren Liebhaber, der nicht ganz unglücklich über ihr Auftauchen ist und sich an einer guten Zusammenarbeit und körperlichen Nähe interessiert zeigt.
Zweitens handelt es sich bei ihrem ersten Fall um eine arbeitslose Tote, die aus einem Milieu kommt, in das sie jederzeit abzurutschen droht. Daher ist ihre Einfühlung groß. Nicht nur zufällig, sondern auch aus Geldgründen hat sie eine Wohnung in einer Siedlung gemietet, in der viele Arbeitslose leben, die die Tote kennen. Sie findet schnell Kontakt zu ihnen und kann daher die Ermittlungen vorantreiben.
Zu guter Letzt besitzt Eddie Beelitz auch eine Fähigkeit, die sie von ihren KollegInnen unterscheidet. Sie hat ein gutes visuelles Personengedächtnis und kann daraus blitzschnell Verbindungen zwischen früheren Ereignissen und aktuellen Gegebenheiten herstellen. Für die weiteren Fälle, die die Autorin mit ihrer Ermittlerin plant, wäre das ein Alleinstellungsmerkmal, das es auszubauen lohnte. (Stichwort Super Recognizer)
Einmal auf der prekären Schiene wird auch das verkorkste Management in den Jobcentern nicht ausgespart, das den Betroffenen Leid bringt und sie viel vertane Lebenszeit kostet. Alles in allem nah an der Wirklichkeit.
Etwas abgehoben fand ich dagegen die Passagen, die mit Zombie übertitelt wurden. Es wird uns ein Mensch vorgestellt, der verwahrlost, gewalttätig und voller Wut ist. Da die Annahme, dass es sich hierbei um dem Mörder handelt, nicht weit hergeholt ist, wartet man als Leser auf eine Steigerung etwaiger Anhaltspunkte. Vergeblich. So laufen die Gedanken ins Leere. Schade. Aber bei wem sich dadurch die Spannung zu steigern vermag, wird zum Schluss belohnt.

Ein guter Einstieg in eine neue Kriminalreihe mit Eddie Beelitz.

Henny Hidden

Krimikritiken: Berlin Noir (CulturBooks-Noir-Reihe)

Berlin Noir. Herausgegeben von Thomas Wörtche.
Mit Originalgeschichten von Rob Alef, Max Annas, Zoë Beck, Katja Bohnet, Ute Cohen, Johannes Groschupf, Kai Hensel, Robert Rescue, Susanne Saygin, Matthias Wittekindt, Ulrich Woelk, Michael Wuliger, Miron Zownir.
Paperback. CulturBooks, 1.März 2018. 336 Seiten. 15,00 Euro (D), 15,40 Euro (A). ISBN 978-3-95988-101-2. eBook: 9,99 Euro

Es ist kein leichtes Unterfangen, sich einer Anthologie zu nähern. 13 Geschichten, die jede für sich einen Reiz entwickelt, zu besprechen, sprengt den üblichen Rezensionsrahmen und verlangt vom Lesenden eine große Aufmerksamkeit. In der Zeit der Literaturblogs liegen zwar die Freiheitsgrade etwas höher, aber die Kunst einer ausgewogenen Aneignung bleibt bestehen.
Ich will gar nicht verhehlen, dass mich eine Besprechung aus einem besonderen Grund gereizt hat. Bot sich doch eine Gelegenheit, die Geschichten von Frauen mit deren von Männern zu vergleichen. Leider zeigt sich bei den vorliegenden 13 Geschichten ein Autorenüberschuss. Nur vier Autorinnen haben es in die Anthologie geschafft. So habe ich einen anderen Weg gewählt. Ich habe die Geschichten ausgewählt, die mir am besten gefallen haben und in eine Reihenfolge gebracht.
Und natürlich habe ich mich gefragt, warum es gerade zwei Autoren sind, die ganz vorne stehen? Ich denke, es liegt in der unterschiedlichen Konzeptionsweise. Beide Geschichten handeln von Gemeinschaften, die ihre Konflikte austarieren müssen. Das birgt m. E. mehr Potential als die Geschichten der AutorInnen, die ihre Protagonisten als EinzelkämpferInnen ins Feld schicken. Erweist sich das eher als ein zufälliges Merkmal oder liegt darin eine andere Betrachtungsweise der Welt? Entdecken Sie die weiteren Geschichten von Ute Cohen, Max Annas, Kai Hensel, Rob Alef, Matthias Wittekindt, Michael Wuliger, Miron Zownir und fällen Sie dann Ihr Urteil.

1. Robert Rescue: Bis Irgendwann
Am besten hat mir Robert Rescues Geschichte „Bis Irgendwann“ gefallen. Wahrscheinlich, weil der alte Westberliner Mief, der sich aus der multikulturellen Lebensart der Nachachtundsechziger speist, aus allen Ritzen dringt. Sie spielt in einer Eckkneipe, die „Bar“ heißt, die einen alternden, alkoholisierten Besitzer gehört und von einem fünfköpfigen Unterstützerteam, das sogenannte Kneipenkollektiv, betrieben wird. Das Publikum besteht aus „Alternativen mit der passenden Lebenseinstellung“. Eines Tages hat Robert Dienst und will die Tiefkühltruhe säubern. Er findet in ihr einen Stammgast, hockend. Der Tote Benno hat wahrscheinlich Selbstmord begangen. Nach und nach finden sich die Unterstützer ein und beginnen über die Konsequenzen des Fundes zu reden. Und das mit einer Verve, die einem den Atem verschlägt. Klar, über einen Leichenfund zu diskutieren, ist schon sehr Noir, ja, das Muster ist bekannt, und sicher, die Beseitigung von Leichen gehört auch zum Repertoire bestimmter Krimigruppen. Trotzdem, die absurden Dialoge, die nicht auf sich warten lassen, sind immer eine Geschichte wert. Die Polizei zu rufen, kommt in der angeranzten Bude nicht infrage, keine Einnahmen, Gäste würden ausbleiben, Rufschädigung, Gewerbeaufsicht. Die Angelegenheit so zu belassen wie sie ist, wäre eine Verschleierung und strafbar. Und natürlich wird bei jedem Ausbrechen der Gemeinschaftsgeist beschworen. Eine Steigerung erfährt die Sache, als darüber nachgedacht wird, die Leiche zu beseitigen, ob im Teppich eingerollt, im Leichensack oder zerstückelt. Wie die Geschichte ausgeht. Lesen sie Sie und freuen Sie sich über den kreativen Einfall.

2. Johannes Groschupf: Heinrichplatz Blues
Die Geschichte von Johannes Groschupf überrascht. Es geht um Nick, der König der Herzen vom Heinrichplatz, der plötzlich verschwunden ist. Und es gibt nicht wenige Damen, die deshalb trauern. Sie sitzen in den Eckkneipen rund um den Platz, trinken und schwärmen von ihm. Er sieht aus wie Blixa Bargeld, ist charmant, lacht gern und „wenn man jemanden für die Nacht braucht, steht Nick zur Verfügung“. Er hat immer Zeit und hat mit seinem Leben auch nichts anderes vor. Aber eine Schlampe ist er nicht. Er interessiert sich für die Ohrringe von Frauen, kann massieren bis zum Orgasmus und küsst Frauen dorthin, wo es am besten ist. Ein Traummann also. Die Damen vom Heinrichplatz, die von sich meinen, nur dem Ruf der Natur zu folgen, verabreden das, was jeder die größtmögliche Befriedigung verschafft. Sie teilen sich den Mann. Eine Logik, der man überall folgen sollte. Eine Hoffnung haben diese Frauen noch, jeden Sonntag ist Bingotag und gewöhnlich ist Nick dabei. Ob er vorbeikommt oder es nur ein Warten auf Godot bleibt, keiner weiß es so genau. Schade, wenn diese schöne Geschichte für immer zu Ende wäre.
Ich erinnere mich nicht, jemals eine Geschichte gelesen zu haben, in der sich Frauen einen Mann teilen(müssen), ohne dabei in einen Vernichtungskampf zu ziehen. Im Krimigenre fachen ja gerade Rachegedanken die Mordfantasien von Konkurrentinnen an, und diese entspannte Form des schrägen Noirs fand ich wohltuend und belebend.

3. Zoë Beck: Dora
Die Geschichte einer auf der Straße lebenden Frau wird aus der Sicht des Bruders erzählt. Und das ist es, was sie interessant macht. Das, was der Schwester passiert, wird in dem Kopf des Bruders gespiegelt. Der Bruder spricht den Leser an, aber nicht allein, in der Geschichte werden besonders die Männer angesprochen, die sich der Schwester auf der Straße nähern. „Sieh sie dir an…, Wenn du sie sie Siehst…, Du darfst nicht brutal sein. Sei sanft, lass es schnell geschehen.“ Dahinter steckt schon ein Stück Perfidie. Zumal der Leser auch nicht deutlich erfährt, warum die Schwester aus dem Haus gegangen ist. Es wird mit dem Konsum von Drogen erklärt, Stimmen in ihrem Kopf verfolgen sie, nur einmal scheint der wahre Grund durch. Sie ist ein ungeliebtes Kind. Die Mutter nahm sich nach der Geburt das Leben. Einmal sagt der Bruder über die Männer auf der Straße, die sie überfallen und vergewaltigen, die Männer wollten sie bestrafen, für die Freiheit, die sie sich herausnahm, ihr Leben so zu leben, wie sie es wollte. Dora tötet den zweiten Bruder, ein Unglück, man kann mutmaßen, warum. Der Leser erfährt, dass der Bruder der Kassenangestellten des Zoos Geld gibt, um der Schwester die Zoobesuche zu ermöglichen. Es ist eine schöne Geschichte mit einer großen Ungewissheit und Gewissheiten, die man nur erahnen kann. Mich erinnert sie an Milos Formans Film Feuerwehrball. Als das Haus eines alten Mannes brannte und er auf dem Vorplatz ankam, wurde er auf den Stuhl gesetzt, mit dem Rücken zum brennenden Haus und jemand sagte: „Rückt doch den alten Mann näher an das Feuer, er friert doch.“

4. Susanne Saygin: Die Schönheit des Zymbelkrauts
Einmal im Jahr fährt eine Kriminalpolizistin in die Hauptstadt, um ihren Drang auszuleben. Warum in diese Stadt? Nun, weil dort eine Vielfalt in ihren eigenwilligsten Formen zu finden ist. Für eine promovierte Pflanzenforscherin von unschätzbarem Wert. Kann sie doch so ihre Ambitionen am besten ausleben. Beobachten, Typisieren, Systematisieren. Ihr Interesse liegt verständlicherweise mehr bei den Abweichlern, ja sie fragt sich, wie weit der Grad einer Normabweichung von den Menschen toleriert wird und ob nicht die Gemeinschaft von diesen Abweichlern geschädigt wird. Ist der Grad überschritten, kommt ihr Engagement ins Spiel, das wissenschaftlich verbrämt, nicht mehr und nicht weniger im Eliminieren des Nichtlebenswerten liegt. Interessant ist, dass hier faschistisches Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft gepflegt wird und von einer Frau praktiziert wird, die sich weit entfernt vom körperlichen Durchschnittsideal befindet. Geistige Überlegenheit allein führt zu keiner Erfüllung mehr. Darüber könnte man diskutieren.

5. Katja Bohnet: Fashion Week:
Katja Bohnet backt keine kleinen Brötchen. Das wird schon in ihrer Eingangsszene deutlich. Sie beschreibt das Leben einer jungen, selbstständigen Frau, die alles verliert, nachdem sie sich einem Mann ausliefert. In ihre Ehe erlebt sie Vergewaltigungen, Kontrollverlust und eine zunehmende Abhängigkeit. Sie schafft es nicht, sich aus seiner Umklammerung zu befreien. Erst als sie erfährt, dass ihr Mann zu den Geschäftsmenschen gehört, die Kleidung, unter erbärmlichen Bedingen in Bangladesch hergestellt, aufkaufen, ist für sie ein Endpunkt erreicht. Aus ihrer Wut gewinnt sie die Kraft, sich aus diesem Albtraum zu befreien. Katja Bohnet pflegt eine kühle Sprache, die mir sehr liegt. Ihre Geschichte ist dicht geschrieben und meines Erachtens etwas zu überfrachtet. Das wäre genügend Stoff für eine Romanfassung gewesen.

6. Ulrich Woelk: Ich sehe was, was du nicht siehst
Bisher habe ich noch nichts von Ulrich Woelk gelesen. Das bedauere ich. In seiner Geschichte trifft der Leser auf einen Journalisten, der sich bereiterklärt, eine Homestory über das Umfeld eines vermissten Mädchens zu schreiben. In seiner Redaktion hat er bisher Filmkritiken verfasst und betritt mit dieser Aufgabe Neufeld. Er sagt von sich, dass er nach einem „aufregenden Schuss Wirklichkeit“ giere und meint sogar, der Wahrheit näher zu kommen als jeder Kommissar, habe er doch durch seine Arbeit eine geschulte Beobachtungsgabe erworben. Was der Autor mit einer schönen Anspielung an den Film „Blow Up“ untermauert. Jedoch die Selbstsicherheit des Journalisten sollte sich als Irrtum erweisen. Der Versuch zwischen dem, was er möchte, und dem, was ist, eine Übereinstimmung herzustellen, wird zu einem traumatischen Weg. Der Ordnung der Dinge in einer intellektuellen, rein fiktionalen Aneignung auf die Spur zu kommen, ein falscher Ansatz. Immer wenn wir denken, dass wir die Realität mit unseren Erfahrungsmustern erklären können, sollten wir uns auch auf ein Scheitern vorbereiten. Und manchmal stehen wir uns selbst im Weg. Eine beklemmende Erkenntnis.

Henny Hidden