Krimikritik: Johannes Groschupf – „Berlin Prepper“

Mit Walter Noack begegnet uns einer von diesen weltabgewandten Bürgern, die sich von Katastrophenphantasien leiten lassen. Damit befindet er sich nicht weit weg von der derzeitigen Realität, in der immer mehr Bürger in Angst vor Klimawandel, Wanderungsbewegungen und Kriegsausbrüchen leben. Wer in permanenter Angst lebt, verliert die Kontrolle. Und gewinnt sie wieder, wenn sich vorbereitet. Zu dieser Spezies Mensch gehören die Prepper.

Walter Noack hortet Raviolidosen und Tauschutensilien, trainiert regelmäßig und hält sich mit einem beachtlichen Schwimmpensum in der Spree fit. Er ist nicht unsympathisch, erfahren, etwas älter und rennt nicht jeder Fahnenstange hinterher. Wollte man ihn auf einer Angstskala platzieren, an deren am Anfang der normale Bürger im Verdrängungsmodus steht, gefolgt vom Wutbürger, der sich in den Kommentarspalten von Zeitungen oder Social Media Plattformen tummelt, ankert er im hinteren Teil, noch vor den Frauen und Männern, die keine Kinder mehr in die Welt setzen wollen.

Ja, alle sitzen in einem Boot. Und so stört es ihn nicht, dass er jeden Tag Tausende von Hass Kommentaren löscht. Nein, er gehört in dem Zeitungsverlag nicht zu der Redakteurselite, eher zu den Putzleuten, auf die man herabblickt. Stoisch erledigt er Tag für Tag seine Arbeit, denn er weiß, diese sich ereifernden Kommentarschreiber stellen keine Gefahr für ihn dar.

«In einer Sache gab ich ihnen recht: Das Land steuert auf eine Krise, auf eine Katastrophe zu, auf den Untergang.»

Der Autor versteht es, durch die immer wiederkehrenden Handlungsabläufe eines Tages eine Art Gleichklang zu erzeugen, in dem die dann unverhofft eintretenden Ereignisse umso stärkere Wirkung entfalten. Bewegung in die Geschichte kommt, als die Hauptfigur vor dem Verlagsgebäude zusammengeschlagen wird. Wenige Tage späte trifft es seine Arbeitskollegin auf noch schlimmere Weise. Natürlich sucht er nach Motiven und den Tätern, naheliegend in seiner Tätigkeit, die eine Konfrontation geradezu in sich birgt.

Ein Prepper kann bei diesen Angriffen nicht ohnmächtig danebenstehen, er braucht in der Ungewissheit Gewissheit, in seinem Selbstverständnis wird immer auf das Ausschalten bedrohlicher Zufälle bedacht sein. Und nach dem unerklärlichen Tod seines Sohnes Nick, der sich ebenfalls an der Täterermittlung beteiligt hatte, offenbaren sich weitere Züge dieses vermeintlichen Außenseiters. So bestehen auch keine Zweifel, dass er sich eine Waffe beschaffen muss.

Wer eine Waffe besitzt, will sie auch anwenden. Das geschieht auf ziemlich brutale Weise, die man als LeserIn dem Mann nicht verzeihen will.
Dachte man noch vordem, gut, was kann schlecht daran sein, sich ein paar Vorräte anzuschaffen, in einer Zeit, wo in vielen Unternehmen und Institutionen Personal und Material fehlt und schon bei kleineren Katastrophen Überforderung des Staates begreiflich wird, was kann schlecht daran sein, den Sinn seines Lebens in der Sicherung seiner Zukunft zu sehen, existieren doch genug religiöse wie ideologische Strömungen, die ebenso die Kraft des Weiterlebens daraus ziehen. Stellt man sich die Sache anschaulicher vor, wird das Ausmaß dieser Denkweise klarer.

Was ist, wenn die letzte Raviolidose geleert ist und der Mensch nebenan noch eine volle besitzt? Erinnere man sich an Vater und Sohn in Cormac McCarthyS Dystopie Roman „Die Straße“. Während der Vater versucht, Menschen zu meiden, weil sie ihr Überleben gefährden könnten, sieht der Sohn in der Hinwendung zu ihnen eine Chance, weiterzuleben.

In „Berlin Prepper“ ist das Scheitern der Hauptfigur angelegt. Waren am Anfang noch so etwas wie freundschaftliche Beziehungen zu erkennen, kämpft er gegen Ende allein, misstrauisch, kompromisslos, abwehrend.

„Sag Du mir nicht, was ich zu tun habe“, sagte ich.

Johannes Groschupf hat einen wunderbar minimalistischen Roman geschrieben, der dem Leser Raum gibt, über Dinge nachzudenken, die er sonst abwehrt. Die sich einstellenden Gefühle münden in die Bereitschaft, anzunehmen und enden in einer harten Klarheit.
Ein Buch, verstörend wie der Zustand dieses Landes und ehrlich bis unter die Haut.

Henny Hidden

Krimikritiken: Karin Neff – Der Junge im Wald

Staatsanwalt Sebastiani befindet sich an einem Tiefpunkt. Er hat den Tod einer Zeugin nicht verhindert und überlegt, von seinem Wohnort Berlin nach Bernburg – Castel an die Mosel, seiner alten Heimat, zu ziehen. Er hofft dort, einen Neuanfang zu finden. Aber auch dort klappt nicht alles, wie es sollte. Die Villa, in die er einziehen wollte, steht unter Wasser, und er muss sich, auf der Suche nach einer neuen Bleibe, mit der Dorfbevölkerung arrangieren. Ein entfernter Verwandter verspricht ihm bei einer Unterkunft behilflich zu sein, aber leider wird er bald darauf ermordet. Auf Bitte seines Sohnes, der unter Verdacht gerät, übernimmt der Ex-Berliner dessen Verteidigung und wird in einen Strudel aus Dorfmachenschaften und mysteriösen, zum Teil sehr bedrohlichen, Ereignissen hineingezogen. Auf den ersten Mord folgt bald ein zweiter, der noch unerklärlicher ist, und ein Junge verschwindet, der mit den beiden Taten in Verbindung gebracht werden kann. Sebastiani sucht Antworten. Dabei hilft ihm die Psychologin Rosalie, die mit seinem Mandanten befreundet ist.
Ihre gemeinsamen detektivischen Anstrengungen passen den offiziellen Ermittlern Emma von Traute und Jörn Greschke oft gar nicht.
Doch am Ende werden alle vier, mehr oder weniger gebeutelt, ihren Teil zur Aufklärung beitragen.

Es dauert einige Zeit, bis die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Beteiligten/ Tatvorgängen klarer werden, aber eine endgültige Lösung des Falles verspricht nur ein Zurückgehen
in die Vergangenheit. Und danach wird das schreckliche Ausmaß des Verbrechens gewahr und kann aufgedeckt werden.
Die Autorin zeichnet in ihrem Krimi ein komplexes Bild über die Motive kriminellen Handelns, auf die man überall, wo es Menschen gibt, treffen kann – also auch in der scheinbaren Idylle.
Erst recht, wenn das Leben der Menschen von Abhängigkeiten und gegenseitigem Wohlwollen bestimmt wird.

Besonders ist der Autorin in einer mannigfaltigen Art und Weise die Darstellung der verschiedenen Charaktere gelungen. So begegnet uns ein interessantes Ermittlerpaar, das nicht nur an der Aufdeckung der Fälle emsig arbeitet, sondern auch an einem Annähern ihrer Beziehung. Das ist originell erzählt und könnte für eine Fortsetzung sprechen.
Überhaupt merkt man der Autorin ihre Berufserfahrung im Film- und Fernsehbereich an, wie das Zusammenführen der einzelnen Fälle zu einem großen Ganzen zeigt.
Vielleicht hätte bei der Anzahl der Akteure ein Namensverzeichnis gutgetan. Der Stil ist gefällig, dem Milieu entsprechend mit einem Schuss dörflichen Pragmatismus und Humor gewürzt.

Wer wird „DER JUNGE IM WALD“ mögen?
Grundsätzlich alle, die sich gerne auf geheimnisvolle Vorgänge stürzen, gute Liebesgeschichten als das Salz in der Story-Suppe betrachten, und die einen spannenden Thriller voller unerwarteter Wendungen zu schätzen wissen.

Henny Hidden

Krimikritik: Jeong Yu-Jeong – Der gute Sohn

Der Versuch eines Verstehens

Eine Erlösung gibt es nicht. Weder für den Sohn, noch für die Mutter, und auch nicht für die LeserIn. Die Autorin Jeong Yu-Jeong nimmt in ihrem Krimi die LeserIn in Haftung, indem sie aus einer Ich-Perspektive erzählt. Damit eröffnet sie uns die Möglichkeit, nicht nur den Gedankengängen des Sohnes zu folgen, sondern auch die eigenen gefühlsbasierten Schmerzgrenzen und kulturellen Hemmschwellen auszuloten.
Fangen wir mit der Hauptfigur an. Yu-jin lebt mit seiner Mutter und seinem Adoptivbruder in einer oberen Etage eines Hochhauses. Allerdings ist die Vergangenheitsform angebrachter. Er lebte dort mit der Mutter. Schon auf den ersten Seiten des Buches erleben wir, wie er sie eines Morgens tot in der Wohnung auffindet. Es wird noch furchtbarer, als dem Sohn gewahr wird, dass nur er der Mörder sein kann. Da sind wir dann drin, im Kopf des Mörders, und beginnen, darüber nachzudenken, ob es ein Motiv geben kann, das ihn entlastet?
Und so werden wir auch geführt. Es scheint sich um eine Mutter-Sohn Beziehung zu handeln, in der, mit den Augen des Sohnes betrachtet, allein die Mutter die Schuld an seiner Übersprunghandlung trägt.

Die Sicht des Sohnes: Die Mutter mochte ihn nicht, sie bevorzugte den Adoptivsohn, sie zwang ihm Regeln und Medikamente auf, ohne die es ihm besser gehen würde. Er konnte die Krankheit, die ihn als Epileptiker abstempelt, nicht akzeptieren, setzte die Medikamente ab, um in Hochform zu kommen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Was ihm manchmal gelingt, manchmal nicht. Beim Schwimmen bekam er im Wasser einen epileptischen Anfall. Die Mutter meldete ihn, das hoffnungsvolle Schwimmtalent, vom Schwimmunterricht ab, um ihn nicht zu verlieren, wie sie meinte. Fortan wurde sein Leben von der Mutter überwacht, und er wurde bei Regelverstoßen bestraft. Sein Befinden pendelte zwischen Medikamenteneinnahme und Medikamentenabsetzung.

Aus der Sicht der Mutter ergeben sich aber ganz andere Sichtweisen: Und es gab Auffälligkeiten und ungewöhnliche Ereignisse, die sie zum Handeln zwangen.

    • Auffälligkeiten gab es schon in der Schule, als Yu-jin Bilder seiner Mitschülerinnen malte. Er hatte sie als aufgespießte Mädchenköpfe porträtiert. Hinterher weidet er sich an ihren Ängsten.
    1. Außergewöhnliches Ereignis: Die Familie verlebte einen Urlaub am Meer. Die Mutter beobachtet, wie er seinen Bruder Yu-min vom Glockenturm hinunterschubst, worauf dieser verstirbt. Die Mutter deutet es als Absicht, er wird es als Unfall darstellen.

Die Mutter stellt ihn der Tante vor, die ihn als Psychotherapeutin begutachten läßt. Die Tante hält Yu-jin für überdurchschnittlich intelligent, diagnostiziert bei ihm aber einen höheren Schwellenwert der Erregung als bei anderen Menschen. Daraus zieht sie den Schluss, dass er einen speziellen Anstoß benötigt, um etwas Großes erleben zu können. Eine Tabletteneinnahme hält sie für unumgänglich, ja, sie rät sogar, ihn zu isolieren. Die Mutter wehrt sich gegen die harten Maßnahmen, sie will ihren Sohn dagegen rund um die Uhr beschützen. Wenn sie ein Fehlverhalten erkannte, sagte sie: „Einer wie du sollte nicht auf der Welt sein.“

    2. Außergewöhnliches Ereignis: Yu-jin findet in seinen Sachen einen Perlenohrstecker, der einer jungen Frau gehörte, der er auf der Strandpromenade gefolgt war, um ihre Ängste zu erleben. Die Frau wird später tot aufgefunden.
    3. Außergewöhnliches Ereignis: Am Morgen des darauffolgenden Tages findet Yu-jin seine Mutter tot im Untergeschoss der Wohnung.

Die Sicht der Mutter, die der Sohn aus ihrem Tagebuch erfährt, besteht in ihrem Schwerpunkt auf seine Verfasstheit bedingt durch die genetischen Anlagen, wogegen der Sohn bis zum Schluss der Geschichte glaubt, dass die Mutter und die Tante sein Leben zerstört haben. Hätte die Mutter den damaligen Brudermord als Unfall interpretiert, wäre ihm viel erspart worden, denkt er. Und so beschreibt sein Leben nach dem neunjährigen Lebensjahr als einen Zustand der Wut, der Verzweiflung und des Selbstmitleides.

Es gab aber auch Tage, in denen er seinen fehlerhaften Code erkennt. Erkennt, dass er den Frauen nachsetzt, weil er ihre Ängstlichkeit genießt und ihn dies in eine lustvolle Erregung versetzt. Er setzt oft die Medikamenteneinnahme ab, um sich in diesen speziellen Zustand zu bringen. Nach der Tat fühlt er sich allmächtig. Ein Gefühl, das bei der Beurteilung von Serienmördern oft eine Rolle spielt. In der Auseinandersetzung mit dem Bösen wird immer wieder die erfahrene Allmächtigkeit beim Morden als gleichwertige Gegenüberstellung zu einer Gottheit betont.

Ein weiteres Merkmal, das einen Serienmörder auszeichnet, ist das Fehlen von Furcht und des Mitgefühls, das die Tante schon bei ihm feststellte. Aber die LeserIn erfährt, dass Yu-jin durchaus Gefühle zeigen kann, dass er seinen Adoptivbruder liebt, ihn gern beschenkt und auf keinen Fall enttäuschen will. Ein Pluspunkt für ihn und die LeserIn kann für einen Moment aufatmen.

Immer wieder wird in der Literatur die Frage aufgeworfen, ob die Entfaltung des Bösen erst dann eindeutig bestimmbar wird, wenn es einer freien Willensentscheidung unterliegt. Auch die Autorin nimmt sich ihrer an, indem sie die Medikamenteneinnahme und ihre Wirkung thematisiert. Dennoch im Kern überwiegt das Zusammenspiel von genetischen Voraussetzungen und erzieherischen Methoden, das das Böse in einem Menschen freisetzt.

Eine psychologische Studie, die durch den Aufbau der Geschichte zum Nachdenken anregt. Und zeichnet es nicht einen guten Thriller aus, wenn der Schein und das Sein nicht eindeutig bestimmt werden können? Wenn wir glauben, zu wissen und es nicht wahrhaben wollen. Wenn wir etwas über die inneren und äußeren Konstanten einer Persönlichkeit erfahren und dennoch verwirrt wechseln zwischen Wahrheit und Glauben, Wirklichkeit und Einbildung, Willensentscheidung und Wehrlosigkeit.
Ein faszinierender Krimi. Bitte mehr davon.

Henny Hidden

Ein Interview mit der Autorin finden Sie hier.