Krimikritik: Regina Nössler – Die Putzhilfe

Es gibt einfache Wahrheiten. Das gegenwärtige Leben kann man nur verstehen, wenn man die Vergangenheit einschließt. Unsere Zukunft bauen wir auf dem Vergangenen.
Auch wenn wir diese abgedroschenen Sätze zu Genüge kennen, veralten werden sie nie. Nicht nur Historiker finden in ihnen ihre Daseinsberechtigung, auch das individuelle Verhalten wird durch eine Rückschau auf vergangenes Leben erklärbarer. Die Vergangenheit ruht nicht, schon gar nicht, wenn in ihnen die dunklen Stellen unseres Lebens liegen.
Sie spuken in unseren Köpfen und spülen unsere Ängste hoch, insbesondere, wenn sich Menschen durch eine Schuld belastet fühlen. Umso kürzer die Zeitspanne des auslösenden Ereignisses ist, umso mehr wird die Angst zum alltäglichen Begleiter.

Schuld haben alle drei Protagonistinnen in Regina Nösslers Krimi „Die Putzhilfe“ auf sich geladen.
Da ist die dreiunddreißigjährige Franziska Oswald, die auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann in Berlin strandet. Die Angst, entdeckt zu werden, sitzt ihr im Nacken. Schon früh fragt sich die Leser/in, warum sie diesen für sie demütigen Weg wählte, um aus ihrem idyllischen Leben auszubrechen.
Zufällig lernt sie im Museum die fünfzigjährige Henny Mangold kennen, die ihr voller Sympathie eine Putzstelle in ihrem Haushalt anbietet. Auch diese Frau hat Schuld auf sich geladen, ihr Verhalten gibt Rätsel auf und wird erst klarer, als die gegenwärtige Nötigung ans Licht kommt.
Und da ist noch Sina, ein fünfzehnjähriges Mädchen, das gern mit ihren Fäusten austeilt, weil sie Langeweile und Wut nicht aushalten kann. Franziska lernt dies auf schmerzhafte Weise kennen. Auch dieses Mädchen ist von Schuld belastet, fürchtet aber eher die Strafen aus ihrem Umfeld als schlaflose Nächte.

Die wenigen Außenkontakte, die Franziska hat, bewegen sie, das Mädchen Sina in ihre Wohnung einzuladen. Nach und nach freunden sich beide an. Das ist ungewöhnlich für Franziska, die sonst zurückhaltend bis ablehnend agiert.

In ihren Gedanken verhält sich Franziska zu ihrer Arbeitgeberin ablehnender als sie das tatsächlich zeigt. Innerlich rechtfertigt sie solche Diskrepanzen, indem sie meint, auch in der Vergangenheit sei sie immer um einen guten Eindruck bemüht gewesen.
Aber die dienende Rolle, die sie vordergründig aus Geldgründen gezwungen ist, einzunehmen, gefällt ihr immer weniger. Und als nach Monaten ihre unterschwellige Angst abnimmt, schiebt sich die Frage nach ihrer Identität mehr und mehr in den Vordergrund und verleitet sie zu einem fatalen Fehler. Vor allem fehlt ihr das akademische Milieu, in das sie sich in ihrem alten Leben eingerichtet hatte, sie, die promovierte Soziologin mit dem Wunsch nach einer Professur und einem aufgebauten Elitebewusstsein, für das sie nach ihrer Meinung nach hart gearbeitet hatte.

Die Wahrheit steht auf einem anderen Blatt. Da die Autorin ihren Roman aus der Perspektive der drei Protagonistinnen erzählt, stehen für die Leser/in die Wahrnehmungen und Gewissheiten fest auf dem Boden der Tatsachen. Flankiert von den Berichten der Bezugspersonen, die sie umgeben oder umgeben haben. Dadurch wird der Eindruck erweckt, die Wahrnehmungsebene deckt sich mit der Realität. Das ist raffiniert, sehr stimmig und mit einer gewissen Selbstverständlichkeit erzählt. Als Leser/in muss man die ganze Zeit gegenarbeiten, um nicht diesem Sog zu verfallen.
So wie wir uns auch hüten müssen, die Wahrnehmungsverzerrungen, denen wir alle unterliegen und die unser Handeln bestimmen, nicht ab und an zu hinterfragen. Manchmal bekommen wir noch wie in diesem Fall eine Aufklärungshilfe, manchmal aber auch nicht.
Große Begeisterung!

Henny Hidden