Krimikritik: Dror Mishani – „Drei“

Drei Frauen treffen sich nacheinander mit ein- und demselben Mann. Es wird Schlimmes geschehen. Warum?

1.
Die erste Frau ist Orna, eine alleinstehende Gymnasiallehrerin, die mit ihrem achtjährigen Sohn zusammenlebt. Da sie ihr Leben nicht einfach vorbeiziehen lassen will, ergreift sie nach Stunden der Einsamkeit die Initiative und meldet sich auf einem Datingportal an. Sie findet einen Mann, wählt ihn aus, weil sein Profil einigermaßen nichtsagend war. Der Grund liegt tief, weil sie es nicht vermag, sich gedanklich von ihrem geschiedenen Mann zu lösen. Diese große Verletztheit lässt sich nicht einfach abstreifen.
Anfangs zeigt sie sich beim Kennenlernen des durchschnittlichen Mannes zögerlich und unentschieden. Doch nach und nach kommt ihre durchaus selbstbewusste Art zum Vorschein. Was auch seinem unaufdringlichen Verhalten geschuldet ist. Er drängt sich nie auf, passt sich ihren Launen an, erweckt den Eindruck, dass nur ihre Entscheidung zählt, gibt ihr durch seine Konfliktvermeidung ein Gefühl der Ruhe, Ordnung und Sicherheit. Erst nach einiger Zeit lernt sie die unbekannten Seiten bei ihm kennen. Zufällig begegnen sie seiner Frau, mit der er angeblich in Scheidung lebt, und Orna ahnt, dass noch engere Bande bestehen als gedacht.
Anstatt die Beziehung wie ein Sexabenteuer zu nehmen, provoziert sie ihn immer heftiger. Sie strebt ein normales Leben an, in dem der neue Mann seinen Platz finden soll. Den Platz, den sie allein bestimmen will. Sie bevorzugt eher eine lockere Beziehung, aber tief im Innern will sie ihn auch nicht mit anderen Frauen teilen. Von Unschlüssigkeit gepeinigt, von Selbsthass getrieben, denkt sie über die Auflösung der Beziehung nach. Schwankend zwischen Scham und Sehnsüchten bemerkt sie nicht, wie ihr Gegenüber seine Bestrebungen Schritt für Schritt verstärkt, ein grausames Spiel spielt, während sie sich noch einbildet, mit ihrem provozierenden Gehabe Einfluss auf sein Verhalten nehmen zu können.
2.
Die zweite Frau ist Emilia, eine Frau aus Riga, die als Ganztagespflegerin über eine Vermittlungsagentur nach Israel eingereist ist. Anfangs pflegt sie einen älteren Mann, passt sich seinem Lebensrhythmus an, bis er verstirbt. Auch ihr Leben ist aus der gewohnten Ordnung gefallen. Mit einiger Mühe findet sie eine schlechtbezahlte Arbeit bei einer demenzkranken Frau, muss aber auf dem Sofa schlafen und wird von der Frau und ihren Verwandten herablassend behandelt. Da lernt sie den Mann kennen, der ihr als Rechtsanwalt zu einer dauerhaften Aufenthaltsgenehmigung verhelfen soll. Der Mann zeigt sich ihr gegenüber sehr behilflich, bietet ihr eine zusätzliche Arbeit an, indem er sie bittet, seine Wohnung zu putzen.
Nach und nach wird aus ihrer geschäftlichen Beziehung eine engere Bekanntschaft, die ihr Denken in fürsorgliche Bahnen leitet. Sie beginnt sogar, die Wohnung des Mannes durch Deckchen und neue Haushaltsgegenstände häuslicher zu gestalten. Bisher hatte sie ihre Umwelt aus einer negativen Brille betrachtet und den Menschen abwehrend gegenübergestanden. Es gab nur eine lose Beziehung zu einem Priester, den sie regelmäßig in der Kirche besuchte und der ihr die Fremdheit etwas nehmen konnte. Jetzt lebt sie auf und fängt an, nach und nach ihre Pflöcke einzuschlagen. Als sie sich sogar vorstellen kann, mit dem neuen Mann ihre alte Heimatstadt zu besuchen, ist ihre Gutgläubigkeit an einem Punkt, der sie alle Vorsicht vergessen lässt. Und wir wissen, nicht immer im Leben ist ein Zuwachs an Nähe mit einer Abnahme von Gefahr verbunden.
3.
Bei der dritten Frau handelt es sich um Ella, eine junge, verheiratete Akademikerin, die zu Hause ihre drei Kinder betreuen muss. Um der täglichen Routine mit Kindern und Hausarbeit zu entfliehen, sucht sie am Vormittag ein Café auf. Dort will sie ungestört an ihrer Masterarbeit arbeiten. Auch der Mann, dessen Arbeitsstätte nicht weit entfernt liegt, besucht das Café regelmäßig. Es brauchte nur eines kleinen Schrittes, um sich kennenzulernen. Aber der Mann hatte sich verschätzt, er trifft hier auf die selbstbewussteste Frau der drei Frauen, die sich durchaus zu wehren weiß.

Die drei Lebensgeschichten werden aus der Perspektive der Frauen erzählt. In ihren unzufriedenen Situationen suchen sie nach einem emotionalen Ausweg, der ihnen Entlastung bringen soll. Dror Mishani versteht es ausgezeichnet, ihre jeweiligen Befindlichkeiten zu sezieren und ihre Annäherung an den Mann in unmerklichen Veränderungen zu formen.
Der Plot ist originell angelegt. Wird in den meisten Kriminalromanen großer Wert auf das Vorleben der Protagonisten gelegt, um eine Ursache für ihr Handeln herauszuarbeiten, steht hier die Entwicklung der Beziehungen im Vordergrund, die in einem lakonischen und nüchternen Ton erzählt wird.
Das Motiv des Täters bleibt im Dunkeln. In wenigen Aussagen wird seine finanzielle und familiäre Situation klarer, aber nie greifbar. Seine psychische Verfasstheit schimmert als Reaktion auf das Verhalten der Frauen durch.
Erst als die Polizei einen Zusammenhang zwischen den drei Frauen erkennt, kann der Mann überführt werden. Das ist spannend erzählt, der LeserIn wird genügend Raum gegeben, in dem psychologisch ausgefeilten Krimi die Leerstellen mit ihren Erfahrungen zu füllen. Und ehrlich gesagt, ist es am Ende auch das, was wir in Büchern immer wieder suchen.
Für mich der außergewöhnlichste und beste Krimi dieses Jahres.

Henny Hidden