Krimikritiken: Lucie Flebbe – Jenseits von Wut

Lucie Flebbe: Jenseits von Wut

Eine Weile habe ich überlegt, warum die Autorin gerade diesen Titel gewählt hat. Wollte sie zeigen, dass es jenseits von Wut noch ganz andere Motive gibt, einen Menschen zu töten oder wollte sie die Aufmerksamkeit auf ihre wütende Protagonistin lenken? Denn diese verließ ihren Mann und musste einen Neustart in ihrem Leben wagen.
„Ohne mich bist du überhaupt nicht lebensfähig“, rief ihr der Mann hinterher und Edith Beelitz, genannt Eddie, musste sich eingestehen, dass er mit seiner Einschätzung nicht unrecht hatte.
Als ausgebildete Polizistin hatte sie einst ihre Arbeit aufgegeben, weil sie mit dem Job nicht klarkam und hatte geheiratet, um ihm zu entkommen. Jetzt stand sie mit ihrer Tochter auf der Straße, ohne Geld und Lebensperspektive. Doch schneller als gedacht, findet sie in den Polizeidienst zurück, auf Teilzeit und auf eine Kriminaldienststelle. Für den Fortgang ihres Lebensweges ein Glücksgriff.
Glücklich war Eddie an ihrem früheren Einsatzort nie gewesen, sogar von Mobbing ist die Rede. Da ist man auf die Fallstricke gespannt, die die KollegInnen in ihrem Arbeitsumfeld auslegen werden. Aber allen Ängsten zum Trotz findet sich Eddie gut in ihr neues Umfeld und Arbeitsgebiet zurecht.
Geschickt verbindet die Autorin dabei drei Besonderheiten, die Eddies Auftritt zu einer Erfolgsgeschichte werden lassen.
Erstens handelt es sich bei ihrem Vorgesetzten Adrian um einen früheren Liebhaber, der nicht ganz unglücklich über ihr Auftauchen ist und sich an einer guten Zusammenarbeit und körperlichen Nähe interessiert zeigt.
Zweitens handelt es sich bei ihrem ersten Fall um eine arbeitslose Tote, die aus einem Milieu kommt, in das sie jederzeit abzurutschen droht. Daher ist ihre Einfühlung groß. Nicht nur zufällig, sondern auch aus Geldgründen hat sie eine Wohnung in einer Siedlung gemietet, in der viele Arbeitslose leben, die die Tote kennen. Sie findet schnell Kontakt zu ihnen und kann daher die Ermittlungen vorantreiben.
Zu guter Letzt besitzt Eddie Beelitz auch eine Fähigkeit, die sie von ihren KollegInnen unterscheidet. Sie hat ein gutes visuelles Personengedächtnis und kann daraus blitzschnell Verbindungen zwischen früheren Ereignissen und aktuellen Gegebenheiten herstellen. Für die weiteren Fälle, die die Autorin mit ihrer Ermittlerin plant, wäre das ein Alleinstellungsmerkmal, das es auszubauen lohnte. (Stichwort Super Recognizer)
Einmal auf der prekären Schiene wird auch das verkorkste Management in den Jobcentern nicht ausgespart, das den Betroffenen Leid bringt und sie viel vertane Lebenszeit kostet. Alles in allem nah an der Wirklichkeit.
Etwas abgehoben fand ich dagegen die Passagen, die mit Zombie übertitelt wurden. Es wird uns ein Mensch vorgestellt, der verwahrlost, gewalttätig und voller Wut ist. Da die Annahme, dass es sich hierbei um dem Mörder handelt, nicht weit hergeholt ist, wartet man als Leser auf eine Steigerung etwaiger Anhaltspunkte. Vergeblich. So laufen die Gedanken ins Leere. Schade. Aber bei wem sich dadurch die Spannung zu steigern vermag, wird zum Schluss belohnt.

Ein guter Einstieg in eine neue Kriminalreihe mit Eddie Beelitz.

Henny Hidden