Manuskripte

DIE LUST ZU STERBEN UND ZU TÖTEN

1. Kapitel

Sie wusste nicht, worüber sie mehr weinen sollte. Über die Nachricht der Agentin, dass sich ein Verlag für ihr Manuskript interessieren würde oder über das scheue Streicheln des Arztes, nachdem er ihr das Todesurteil verkündet hatte.
Ellen stand auf dem Krankenhausflur, hörte die sich überschlagende Stimme der Agentin, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Frau Tinner sind sie noch dran?“
Sie sagte, dass sie sich freue, und einiges, was Menschen sagen, wenn sich Langgehegtes erfüllte. Einen Moment lang spürte sie das Verlangen, das Gespräch wegzudrücken, dann fing sie die Begeisterung der Frau ein, hielt sie ab, unhöflich zu werden. Sie wolle später noch einmal anrufen, sagte sie und hörte aus der Antwort die Enttäuschung heraus.
Noch funktionierte sie. Noch konnte ihr jeder ein schlechtes Gewissen aufhalsen. Noch hatte sie nicht begonnen, ihren Körper widerspruchslos zu akzeptieren, die Tage abzustreichen, die Stunden auszudehnen, die Minuten zu zählen. Hatte der Arzt einen Zeitraum genannt? Sie meinte, er hatte von einigen Monaten gesprochen. Oder bildete sie sich es nur ein? Von Monaten sprachen sie immer, wenn ein Geschöpf wie sie das Taschentuch vor ihnen knetete. Keiner würde sagen, dass der Tod nächste Woche vor der Tür stände. Sie hatte sich angewöhnt, den Blick auf den Schoß oder gegen das Fenster zu richten, wenn Zurückbleibende stockten, weil es ihnen widerstrebte, mit der Wahrheit herauszurücken.
Hatte sie noch etwas zu erledigen, wenn der Fährmann ihr nächste Woche die Hand reichte, um sie einzuladen? Nein. Das verbleibende Stück Leben nach hellen Anlässen, grünen Jahreszeiten oder fehlenden Sehnsuchtsorten zu planen, hieße, Unerreichbares vor sich hertragen. Enttäuschungen vermeiden wäre ein gegebenes Lebensmotto. Mit den faden Tagen auf der Perlenschnur. Um der schlummernden Angst ein bisschen Nervenkitzel zu gönnen, müsste sie die Reise, die sie im Herbst unternehmen wollte, besser heute als morgen antreten. Oder für ewig versenken.
Schiffe versenken.
Sie seufzte. Das mit dem Verlag konnte sie vergessen. Bis das Buch auf dem Ladentisch lag, würde sie dreimal unter der Erde liegen, dachte sie, als sie auf dem mit Schottersteinen belegten Weg, der den Krankenhauspark von der rechten Seite begrenzte, ins Rutschen geriet. Um das Gleichgewicht zu halten, stellte sie die Füße quer, prüfte den lockeren Grund und schaute den kollernden Steinchen nach. Die Anstrengung zerrte an ihren Kräften. Sie wischte sich die Schweißperlen von der Stirn und schaute auf die frisch gemähte Wiese, auf die drei alten Bäume mit den dunkelroten Blättern, deren Werden und Vergehen sie an unzähligen Tagen vom Fenster aus beobachtet hatte.